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VENEZUELA Die
Streiks gegen Präsident Chávez sind vorerst vorbei, aber die Reichen
schlagen noch immer auf leeren Kochtöpfen herum
Im wohlhabenden Osten von Caracas haben die
Schnellrestaurants wieder geöffnet. Im Fitness-Center Florida
kann man etwas für seine Linie tun, aus der Park-Etage der Residencia
St. Moritz rollen Chryslers und Chevrolet Pickups, an den Tankstellen
bilden sich keine Schlangen mehr.
Der »Streik« gegen Hugo Chávez
ist vorbei, doch die Hysterie in den besseren Vierteln wie in
Caracas-Chacao hat eher noch zugenommen. In unserem Haus hat die
Eigentümerversammlung einen Notfallplan beschlossen: Erhöhte Wachsamkeit,
Absperren der Zugangstore zu jeder Tages- und Nachtzeit, Einrichtung eines
Medikamentenlagers. Außerdem haben sich die meisten mit Waffen versorgt,
Appartementhäuser und Villen sind von Mauern nicht unter drei Metern
umgeben. Dazu kommen Stacheldrahtzäune, Überwachungskameras und
Wachschutz. Man wolle sich gegen die »Bolivarianischen Zirkel«
verteidigen, jene regierungsnahen Komitees, von denen im venezolanischen
Alltag so wenig zu spüren ist. Tatsächlich gilt die Furcht wohl eher den
an den Hängen wohnenden Slumbewohnern, die ein ungeahntes
Selbstbewusstsein entwickelt haben.
Zwischen
Jungfrau Maria und Fidel Castro
In unserem Quartier liegt
auch die Plaza Francia, auf der die sogenannte
»Zivilgesellschaft« seit Monaten ihre Zelte aufgeschlagen hat: abtrünnige
Militärs, Lehrerverbände, die wegen milliardenschwerer Korruption vor vier
Jahren zum Teufel gejagte sozialdemokratische Acción Democrática
(AD) samt ihrem Gewerkschaftsverband CTV.
Ich bleibe stehen, um
mir eine Rede anzuhören. Ein lauer tropischer Abend. Neben einer Statue
der Jungfrau Maria zitiert ein oppositioneller Luftwaffengeneral aus
Dokumenten, die angeblich aus dem Umfeld der Regierung Chávez stammen.
»Wir müssen auf die Lehrer einwirken, denn die Indoktrination während der
Kindheitsjahre ist am wirkungsvollsten« und: » ... schwieriger ist die
Angelegenheit an den Universitäten, weil Studenten zu selbstständig
denken«. Die Fälschung ist so plump, dass man lachen möchte. Die auf dem
Platz versammelten Personen lachen nicht - sie sind fest davon überzeugt,
in einer »castro-kommunistischen Diktatur« zu leben. Als Beweis gelten die
Haftbefehle gegen den Unternehmer-Chef Carlos Fernández und
Gewerkschaftsboss Carlos Ortega. Dabei ist die Geschichte alles andere als
spektakulär.
Im Vorjahr hatte die Regierung Chávez beschlossen,
die Ölindustrie umzustrukturieren und den Aufsichtsratschef des
Monopolunternehmens PDVSA auszuwechseln. Ein durchaus üblicher Vorgang bei
einem Staatsbetrieb - doch die Erdöl-Elite machte mobil. Der
Unternehmerverband Fedecámaras und der rechte
Gewerkschaftsapparat riefen zum Generalstreik. Die Proteste, die - vom
Erdölsektor abgesehen - eher Aussperrungen als Streiks glichen, da sie von
den Unternehmensleitungen ausgingen, brachten das Land an den Rand des
Ruins und führten zu einer extremen Polarisierung. Während die Mittel- und
Oberschicht endlich die Stunde für Chávez´ Abgang schlagen hörte,
forderten die Bewohner der Armenviertel »eine harte Hand« gegen die
Opposition.
Nach Ende des »Streiks« im Februar wurden tatsächlich
einige Haftbefehle erlassen, es wurde zugleich mehreren Tausend
PDVSA-Mitarbeitern gekündigt. Mit Willkür hat das wenig zu tun. In so gut
wie keinem Land der Erde sind politische Streiks legal - schon gar nicht,
wenn die Werksinstallationen gezielt beschädigt werden. Dass
Vorstandsmitglieder und Angestellte, die sich Anweisungen der Eigentümer
widersetzen, entlassen werden können, ist auch nicht unbedingt eine
Erfindung der kommunistischen Subversion.
Auf der Plaza
Francia will man das nicht wahrhaben. Man will nicht daran erinnert
werden, dass Chávez erst vor zwei Jahren mit großer Mehrheit im Amt
bestätigt wurde und die Verfassung die Möglichkeit eines Abwahlreferendums
im August vorsieht. Man will nicht sehen, dass es Hunderttausende aus den
Slums waren, die Chávez nach dem Putschversuch vor einem Jahr wieder an
die Macht brachten - man will nicht einmal akzeptieren, wer in diesem Land
benachteiligt ist. Als Protestform hat die Opposition ausgerechnet den
Cacerolazo gewählt, das Schlagen auf leere Kochtöpfe. Menschen,
die in der Regel nicht selbst kochen, weil sie Bedienstete dafür haben,
stellen sich als Hungeropfer dar.
Ich erzähle Ana, einer
Bekannten, dass ich ins Viertel 23 de Enero fahre. Sie verzieht
das Gesicht - dabei kündige ich es an, als wäre es eine Expedition und
nicht einfach nur eine U-Bahnfahrt. »Das ist zu gefährlich«, sagt sie, »da
verstecken sich die Drogenhändler, die Guerilleros aus Kolumbien, lauter
bewaffnete Gruppen.« Ich denke, dass es in meiner Mittelstands-Residencia
vor Bewaffneten wimmelt, aber es hat keinen Sinn, Ana das zu erklären. Sie
würde nicht verstehen, weshalb man eine solche Wehrhaftigkeit als Gefahr
empfinden kann.
Zwischen verrückt und
großartig
Die Fahrt ins Zentrum erscheint wie der Flug zu
einem anderen Planeten. Die Hautfarbe der Menschen ändert sich, die
Kleidung, die Art, sich zu bewegen - Bilder, die man in keinem Fernsehen
sieht. Ich umkurve Verkaufsstände, es riecht nach ranzigem Öl, Autoabgasen
und Müll. Kinder betteln, Straßenköter balgen sich um Essensreste, die
Parolen an den Wänden lauten nicht »Chávez muss weg«, sondern »die
Revolution verteidigen«.
Mir ist, als hätte ich zwischen Altamira
und Capitolio - das sind keine zehn Minuten U-Bahnfahrt - eine weitere
Strecke zurückgelegt als zwischen Caracas-Chacao und Europa. Neal
Stephenson hat in dem Roman Diamond Age die Vision von
ent-territorialisierten Staaten entworfen, die aus über den ganzen Erdball
verteilten Flecken bestehen. Der angelsächsisch-viktorianische Biotop etwa
verfügt über ein Viertel in Shanghai, dazu weitere in New York, London,
Kapstadt. Diese Quartiers sind miteinander verbunden, doch zwischen den
Distrikten einer Stadt gibt es mehr Trennlinien als Verbindungswege.
Science Fiction als Abbild der Realität.
Ich bin auf dem Weg in
den Präsidentenpalast. Im gleichen Saal, der im April 2002 die Vereidigung
der nur 24 Stunden amtierenden Putsch-Regierung sah (*), findet ein
Treffen im Vorfeld einer internationalen Solidaritätskonferenz statt. Im
diesem Gebäude lässt sich der viel beschworene Militarismus der Regierung
Chávez nicht finden. Die Soldaten am Eingang wirken wie eine Gruppe
Jugendlicher, die zum Kartenspiel verabredet sind. Auch im Konferenzsaal
kein anderes Bild. 60 Vertreter aus Stadtteilorganisationen sowie einige
Leute aus der Chávez-Administration haben sich versammelt. Erinnerungen an
das sandinistische Nikaragua der achtziger Jahre werden wach:
Unprofessionalität, Improvisation, Konflikte. Die Runde streitet, ob die
Solidaritätskonferenz, zu der Ignacio Ramonet, Noam Chomsky, José Bové und
Mano Chao erwartet werden, in offiziellen Konferenzsälen der Stadt oder in
Schulen der Armenviertel stattfinden soll.
Rafael Vargas, von
Chávez entlassener Minister und Koordinator des Vorhabens, erklärt
autoritär, man werde an dem von ihm präsentierten Konzept nichts ändern.
Die Konferenz werde nicht in den Slums abgehalten, am Programm nichts
geändert. Als ich das Treffen verlasse, spricht mich eine Aktivistin des
Barrio-Senders Catia TV an: »Denk nicht, der ganze Prozess ist
wie er. Der Mann ist eine Schande.« - Man tut sich oft schwer, diese
Regierung einzuordnen. Hugo Chávez, der 55 Minister in vier Jahren
verschlissen hat, bevorzugt in seinem TV-Programm Alo Presidente
eine Form der politischen Kommunikation, die gleichermaßen an eine
Talk-Show und einen revolutionären Harald Schmidt erinnert. Zwischen
verrückt und großartig.
Zwischen Gipfel und
Gaspipeline
Direkt hinter dem Präsidentenpalast, an der
Grenze zur offiziellen Stadt, erheben sich Wohnblocks: das Viertel 23
de Enero. Während der Diktatur von Marco Pérez Jiménez´ vom wohl
berühmtesten venezolanischen Architekten Carlos R. Villanueva erbaut,
wurden die Wohnungen nach dem Sturz des Diktators am 23. Januar 1958
einfach gesquattet. An die 50.000 Menschen leben heute in den Gebäuden.
Zwischen den Blocks, dort, wo früher grüne Hänge waren, haben sich
Landbesetzer niedergelassen. So erheben sich die zehnstöckigen Gebäude wie
Türme aus einem backsteinfarbenen, von Hunderttausenden bewohnten
Barrio-Meer.
In diesem Rayon schlägt das Herz der venezolanischen
Linken, die stolz darauf ist, dass hier seit den fünfziger Jahren alle
wichtigen Revolten mitgetragen wurden. 1989 - nach einer spontanen
Rebellion der Slumbewohner gegen das neoliberale Sparprogramm der
Regierung des Sozialdemokraten Carlos Andrés Pérez - verteidigte sich das
Viertel zwei Wochen lang gegen die vordringende Polizei. Als Hugo Chávez
1992, damals noch ein junger unbekannter Offizier gegen die korrupte
Regierung dieses Präsidenten zu putschen versuchte, kam es auch im 23
de Enero zu einem Aufstand. So ist es nicht verwunderlich, dass hier
niemand Chávez vorwirft, ein autoritäres Regime zu führen, sondern eher
die Meinung herrscht, er setze sein Programm nicht entschlossen genug um.
Das 23 de Enero ist nur eine Pforte zu den riesigen
Armenvierteln von Caracas. Je weiter man die Hänge hinauf steigt, desto
provisorischer wird die mit jedem Tag wachsende Stadt. Ein Stück südlich
beginnt La Vega, die inzwischen wohl größte Armutssiedlung. Wie Dörfer
liegen die Barrios an den Hängen, man hat den Eindruck, weit draußen auf
dem Land zu sein. Ich begleite Andrés, einen Bekannten, der schon seit 20
Jahren in der Stadtteilarbeit aktiv ist. Die Regierung hat ein Gesetz
erlassen, dass es diesen Gemeinschaften ermöglicht, sich zu legalisieren.
So entstehen überall Landkomitees, denn das Dekret - die bisher
weitreichendste Reform der Chávez-Regierung - ermöglicht nur eine
»kollektive Regularisierung« des Landes und will damit die
Selbstorganisation fördern.
Wir laufen über einen Gipfelkamm, an
einer Gaspipeline entlang. Es ist staubig, sehr heiß. Seit drei Jahren hat
es in Venezuela nicht mehr richtig geregnet. Auf der vom Stadtzentrum
abgewandten Hangseite haben Besetzer, angeblich aus Ekuador und Peru, neue
Kartonhütten gebaut. Eine selbstmörderische Ansiedlung: Niemand weiß, ob
der Abhang dem nächsten Regen standhält. Ich blicke nach Nordosten.
Chacao, die formelle Stadt, versinkt weit entfernt im Dunst. Ich frage
Andrés, ob die Bewohner hier die Leute in Chacao hassen - die
Demonstranten von der Plaza Francia, die es nicht ertragen, dass
ihr Herrschaftsanspruch in Frage gestellt wird. Andrés schüttelt den Kopf.
»Es ist anders herum: Sie hassen uns, weil sie uns nicht kennen. Aber wir
kennen sie gut. Wir gehen jeden Tag zu ihnen zur Arbeit: als Putzfrauen,
Wachleute, Straßenverkäufer.« Es stimmt: Die Stadt scheint von außen nach
innen durchlässiger zu sein als von innen nach außen.
Und wie geht
es weiter mit dieser zerrissenen Gesellschaft? Andrés zuckt mit den
Achseln. Das Bewusstsein der Leute, selbst Verantwortung übernehmen zu
müssen, sei gewachsen. »Aber niemand weiß, wann der nächste Umsturzversuch
kommt.«
(*) Am 12. April 2002 putschte ein
rechtes, vom Unternehmerverbands-Chef Pedro Carmona geführtes Bündnis
gegen die gewählte Regierung. Die Proteste von Hunderttausenden führten
jedoch dazu, dass die Putschisten nach nur 24 Stunden den Rückzug antreten
mussten.
Der Autor war auf Einladung des
Caracas Urban Think Tank und der Kulturstiftung des
Bundes in Venezuela. |