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EMANZIPATIONSVERSPRECHEN Architektur, Aneignung und Transformation in
Venezuela
Wo man sich in der Innenstadt von Caracas auch bewegt, man
stößt auf Spuren Carlos R. Villanuevas - des, wie es stereotyp heißt,
wichtigsten venezolanischen Architekten des 20. Jahrhunderts. Dabei hat
Villanueva fast die gesamte erste Hälfte seines Lebens in Europa
verbracht. 1900 in London geboren, geht er mit 20 Jahren zum Studieren an
die École des Beaux-Arts nach Paris und reist 1929 zum ersten Mal nach
Venezuela, wo er sich schnell zu einem führenden Vertreter des
lateinamerikanischen Modernismus verwandelt. Anders als der Brasilianer
Oskar Niemeyer entwirft Villanueva jedoch keine Reißbrettstadt, er drückt
einer bestehenden Kapitale seinen Stempel auf.
Als
Venezuela-Reisender entwickelt man, wie ich erst jetzt festgestellt habe,
oft ohne es zu wissen, ein inniges Verhältnis zu Villanueva. In den frühen
neunziger Jahren bin ich immer wieder für einen Tag durch Caracas gekommen
und habe in der Stadt nach Orten gesucht, an denen man sich ein paar
Stunden aufhalten kann, ohne viel Geld ausgeben zu müssen. In Caracas gibt
es nicht viele solcher ruhigen, öffentlich zugänglichen Orte, also bin ich
in der Regel bei einer weißen, mediterran wirkenden Wohnanlage im Zentrum
gelandet. Der Gebäudekomplex nennt sich El Silencio, und auch
wenn der Name angesichts des heute dort zirkulierenden Verkehrs wie ein
Hohn wirkt, strahlen die Gebäude von El Silencio tatsächlich
gleichermaßen Energie und Entspanntheit aus. Die in den vierziger Jahren
von Villanueva entworfenen Sozialbauten sind zwar kein Exempel mehr und
die Plätze zwischen den Gebäuden keine Orte der Begegnung, dafür ist die
Innenstadt zu sehr Arena des Überlebenskampfes geworden, aber immer noch
spürt man hier den Geist einer Architektur, die das Gesellschaftliche über
den Profit stellen wollte; einer Urbanistik, die die Funktion der Stadt
nicht auf Kontrolle, Repräsentation und Kapitalverwertung beschränkt.
Die Universidad Central: Villanuevas Obra Maestra. Offene
Klassenzimmer, die vom Luftzug ventiliert werden, überdachte
Verbindungswege zwischen den Fakultäten, die Plaza Cubierta, eine offene
Vorhalle vor der Aula Magna: Innen- und Außenräume gehen hier fließend
ineinander über. Ich bin mit Sabine Bitter und Helmut Weber unterwegs,
zwei Künstlern aus Wien, wir schlendern über den Campus. Helmut weist mich
auf die Verbindung von Funktionalität und Reduktion einerseits und den
geschwungenen, schwebenden Formen andererseits hin. "Und das zu einer
Zeit, als man ohne technische Hilfsmittel zeichnen musste." Im
Hauptgebäude ist man mit Lichtspielen konfrontiert, durch die Betonraster,
die den Raum begrenzen, fallen Sonnenstrahlen und werfen Muster auf den
Boden. "Architektonische Intelligenz", sagt Helmut. Doch am meisten
gefällt ihm die Integration von Kunst in die öffentlichen Räume. Von
Alexander Calder sind die in der Aula Magna aufgehängten Nubes, die
"Wolken"-Skulpturen, die das Licht im Saal auf eigentümliche Weise
brechen, reflektieren und verstärken, im Freien stehen Wände und
Skulpturen von Jean Arp, Henri Laurens, Fernand Léger und Victor Vasarely.
"Tricky", stellt Helmut fest, "wie Villanueva die damalige Avantgarde
herein geholt hat." Das gelang ihm interessanterweise während einer
Diktatur.
Die meisten Bauten des venezolanischen Modernismus
entstanden unter General Marcos Pérez Jiménez 1948-58. So überaus
verwunderlich war es vielleicht auch wieder nicht, denn der
lateinamerikanische Städtebau war, wie die in Paris lebende
Kulturwissenschaftlerin Celeste Olalquiaga auf einem Symposium der
Kulturstiftung des Bundes in Caracas erwähnt hat, immer wieder eng mit
autoritären Regierungsformen verknüpft. Wer sonst hätte Städte so radikal
neu konzipieren können?
Man könnte also glauben, die Universität
sei trotz der Bauherrenschaft eines Diktators ein Ort des Progressiven.
Die manifeste Infragestellung von Innen und Außen, Kunst und Alltag,
ästhetischer Verspieltheit und Funktionalität, vor allem jedoch Räume, die
das Gesellschaftliche anerkennen. Es gibt auf dem Campus der Universidad
Central wenige Orte, die nicht zur Begegnung geeignet sind. Diese
architektonische Progressivität artikuliert sich in den sozialen Praxen an
der Universität jedoch nicht. Die Universidad Central gehört zu den
konservativsten Orten Venezuelas. Vom politischen Umbruchprozess, der das
Land erfasst, vom massenhaften Entstehen von Selbstorganisationsformen und
dem partizipativ-demokratischen Enthusiasmus, der in den Barrios zu
beobachten ist, ahnt man auf dem Campus nichts. Im Gegenteil, die
Universität hat sich in einen Ort der Reaktion im traditionellsten Sinne
des Wortes verwandelt.
Wir treffen Andrés Antillano, einen
Dozenten der Sozialpsychologie, der in Caracas als Aktivist der
Stadtteilbewegungen bekannt ist. Antillano spricht in seinem kleinen Büro
nur leise über Politik. Die wenigen linken Lehrbeauftragten fürchten sich
vor Entlassungen. Das Rektorat ist in den Händen der
Anti-Chávez-Opposition, die eine regelrechte Hexenjagd gegen
Regierungsanhäger entfacht hat.
"An der Universität startete die
Opposition ihre Gegenoffensive. 2001 hatten Studenten aus Protest das
Rektorat besetzt, um eine Reform des Bildungssystems durchzusetzen. 80
Prozent der Studenten kommen von Privatschulen. Die Universität ist zwar
kostenlos, aber auf diese Weise zahlt der Staat fast schließlich den
Oberschichten die Hochschulausbildung, denn nur die Besserverdienenden
können sich Privatschulen leisten. Die Universitätsleitung, die Medien und
viele Studenten haben gegen die Proteste mobilisiert. Die Reform wurde
abgewehrt, die Protestierenden sahen sich exmatrikuliert. Es war die erste
konzertierte Kampagne gegen die Reformbewegung im Land. Danach folgten der
Putschversuch im April und die Erdölsabotage im Dezember 2002."
Der Schriftsteller Michael Roes hat in einem Interview
(Freitag 49/00) einmal das Bonmot "Form ohne Inhalt ist Design"
verwendet. In Caracas fragt man sich hingegen, was geschieht, wenn sich
der Inhalt von der Form löst, die Form vom Inhalt auf ganz unerwartete
Weise in Besitz genommen wird. An der Universität tritt einem die
architektonische Moderne, ein Emanzipationsversprechen, als Bastion der
Anti-Reform entgegen. Im westlich gelegenen Sozialbauviertel "23 de Enero"
hingegen, auch ein vom Architekten Villanueva betreutes, an Corbusier
orientiertes Bauprojekt, sind die Wohnblöcke, einst zur Befriedung und
Kontrolle der verarmten Bevölkerung entworfen, zu einem selbstregierten
Gebiet geworden. Auf den Dächern wehen rotschwarze Fahnen, an den
Häuserwänden sieht man Gemälde mit Che Guevara, chilenischen
Widerstandskämpfern und Ali Primera, dem großen venezolanischen
Protestsänger.
Die Geschichte verlief hier sozusagen umgekehrt.
Die 15-stöckigen Blocks wurden 1958 - die Diktatur Pérez Jiménez brach
gerade zusammen - von der Widerstandsbewegung einfach gesquattet. Zwischen
den Wohnblöcken, zur Beseitigung der Barrios gedacht, entstanden neue
Barrios, und zwischen Blocks und Backsteinhäusern bildete sich ein
eigentümliches Bewusstsein von radikaler, meist gewalttätiger Opposition
gegen die Herrschenden heraus. Die wichtigste Nachbarschaftsorganisation
des Viertels, die Coordinadora Simón Bolívar, ist heute uneingeschränkt
"für den revolutionären Prozess", skeptisch gegenüber vielen Mitgliedern
der Regierung Chávez, aber doch mehrheitlich für den Präsident und "auf
jeden Fall gegen die faschistische Opposition".
Fast noch
deutlicher begegnet einem das eigentümliche Verhältnis von Form,
Interpretation und Aneignung von Räumen in der Hochhaussiedlung Parque
Central. Die um 1970 entstandenen Wohntürme haben etwas von Blade Runner.
Futuristische, in den Himmel ragende Bauten, die von den Verwertungszyklen
der Immobilienmärkte allerdings überrollt worden sind. In den
labyrinthartig angelegten Patios des Komplexes sind ganze Geschäftszeilen
aufgegeben und von Obdachlosen in Besitz genommen worden. Wir fahren in
den 40. Stock: im Penthouse des Gebäudes, in den Räumen des Radio
Alternativa de Caracas, soll an diesem Abend ein velorio de
cruz, eine Feier zu Ehren des Kreuzes, stattfinden. Als wir die
Wohnung betreten, verschlägt es mir die Sprache. Ein Raum, der vor 30
Jahren den Höhepunkt avantgardistischer Wohnqualität repräsentiert haben
muss, ist von einem Piratensender in Besitz genommen worden. Die großen,
fast fünf Meter hohen Räume haben nach beiden Seiten Glasfassaden, man
kann über die ganze Stadt schauen: Barrios, Hochhaustürme,
Apartmentsiedlungen, die im schräg fallenden Sonnenuntergangslicht
tiefgelb glänzen. Der Sender hat das Apartment von einer Kulturstiftung
zur Verfügung gestellt bekommen, besitzt aber sonst keine Finanzmittel.
Dementsprechend leer sind die riesigen Räume: rudimentäres
Radio-Equipment, ein paar Bücher, Plastikstühle im Versammlungsraum. Nach
und nach kommen rund 40 Leute im Hauptraum vor einem blumengeschmückten
Altar zusammen. Eine Gruppe beginnt zu trommeln. Sie werden stundenlang
spielen, nur unterbrochen von Versen, die gelegentlich aufgesagt werden.
Ein velorio geht normalerweise durch die ganze Nacht - eine
Mischung aus katholischem Ritus und afrikanischem Fest.
In einem
alternativen Radio in Europa würde so eine Feier wohl kaum übertragen
werden. Aber die Sender in Venezuela sind anders als die in Europa. Sie
sind direkt aus Barrio-Organisationen entstanden, und so verstehen die
Radiomacher die Übertragung der Feier als eine Art politisch-kulturelle
Demonstration. Die verleugnete Kultur der Unterdrückten repräsentiert sich
selbst. Ich bin irritiert: die Höhe des Gebäudes, das Fest, der leere
modernistische Raum, ein Radiosender, den ich mit meinen Kategorien kaum
zu interpretieren vermag. Nach wenigen Minuten verschwindet das Penthouse
hinter der singenden Menge. Wir stehen auf einem Platz in einem Barrio und
zelebrieren den afrikanischen Widerstand. Das zumindest ist die Sicht der
Anwesenden.
Wenn Form ohne Inhalt Design ist, was ist denn eine
architektonische Form, die vom Inhalt auf ganz andere Weise interpretiert
wird als ursprünglich gedacht? Eine Kulisse? Auf dem Symposium der
Kulturstiftung wurde in diesem Zusammenhang Walter Benjamin paraphrasiert:
Das Neue entsteht in den Ruinen. Im ruinierten futuristischen Versprechen
artikuliert sich die Zukunft. Auf gänzlich unerwartete Weise.
Raul Zelik, Sabine Bitter und Helmut Weber waren
auf Einladung der Kulturstiftung des Bundes und des Caracas Urban Think
Tank in Venezuela. Raul Zelik lebt als Schriftsteller in Berlin. In Kürze
erscheint sein neuer Roman bastard. Die Geschichte der Journalistin
Lee. |