Mit, im und gegen den Staat
– Kooperativen im Grenzgebiet von Kolumbien und Venezuela
(Beitrag zu Elmar Altvaters "Solidarische Ökonomie",
2006)
Wer den Kapitalismus
nicht als <beste aller möglichen Welten> akzeptieren will,
kommt um eine Diskussion über das Verhältnis von Solidarökonomie
und Staat kaum herum. Das Ende marktförmiger Vergesellschaftung
ist Grundlage für jedes sozialistische Projekt. Markt und Geld
können jedoch nicht einfach abgeschafft werden können, sondern
müssen durch alternative Formen von Vergesellschaftung ersetzt
werden. Die Verstaatlichung, die eine solche Substitution leisten
sollte, ist in ihren verschiedenen Varianten grandios gescheitert.
Die Entscheidungskonzentration im Staatsapparat zog die Herausbildung
neuer Eliten nach sich, was eine grundlegende Sozialisierung (im Sinne
einer allgemeinen gesellschaftlichen Verständigung über
Arbeit, Verteilung und Produktion) erneut blockierte. Der alternative
Weg jedoch, nämlich der Aufbau kooperativer Lebensformen von
unten, die sich im Rahmen eines gesellschaftlichen Lern- und Aneignungsprozesses
ausbreiten, scheitert seit zwei Jahrhunderten konsequent an den Grenzen
des Marktes. Der Zwang, sich in der „freien Konkurrenz“
behaupten zu müssen, führt im besseren Fall zur Anpassung,
im schlechteren zum ökonomischen Scheitern solidarischer Projekte.
Um sich behaupten zu können, brauchen solidarwirtschaftliche
Projekte politischen Schutz – auch in Form von staatliche Förderprogrammen
und Finanzierungen. Auf welch widersprüchliche Weise sich dabei
die Beziehung zwischen solidarischer Ökonomie und Staat entfalten
kann, lässt sich heute vermutlich nirgends auf der Welt so komprimiert
beobachten wie im kolumbianisch-venezolanischen Grenzgebiet.
Venezuela:
Viel Geld für die Economía Popular
Der Bundestaat Barinas ist einer der Schwerpunkte der venezolanischen
Landreform- und Genossenschaftsbewegung. In den Llanos, den großen
Ebenen im Süden des Landes, versucht die Regierung Chávez
mit besonderem Nachdruck eine Umverteilung des Bodens durchzusetzen.
Letztlich geht es dabei nicht nur um mehr soziale Gerechtigkeit, sondern
auch um die Schaffung einer produktiveren Wirtschaft. Die venezolanische
Ökonomie wird nämlich seit bald einem Jahrhundert von den
Erdöleinnahmen und der daraus resultierenden „holländischen
Krankheit“ geprägt. Durch die hohen Deviseneinnahmen ist
der Bolívar tendenziell stets überwertet, was die im Inland
hergestellten Produkte relativ verteuert. Es wird billiger, Waren
zu importieren als sie in Venezuela selbst herzustellen. Im landwirtschaftlichen
Sektor hat diese ökonomische Deformierung (Unterentwicklung durch
Reichtum) besonders absurde Blüten betrieben. Das südamerikanische
Land, etwa dreimal so groß wie Deutschland, importiert trotz
überaus fruchtbarer Böden 60 Prozent seiner Lebensmittel.
Die existierende Landwirtschaft ist von extensiver Viehzucht geprägt.
Für die Eigentümer der Rinderfarmen ist der Grundbesitz
in erster Linie eine Form der spekulativen Bodeninvestition. Die Zerstörung
der einheimischen Produktion ist also mit der Stärkung einer
(politisch überaus reaktionären) Landoligarchie einhergegangen.
Vor diesem Hintergrund hat die Regierung Chávez lange vor den
bekannteren Sozialprogrammen (wie Barrio Adentro) die Misión
Vuelvan Caras auf den Weg gebracht. Mit dem Programm sollte ursprünglich
die Rückkehr von in die Stadt abgewanderten Kleinbauern gefördert
werden , schon bald baute das Ministerio de Economía Popular
die Mission jedoch zu einem umfassenden Ausbildungs- und Genossenschaftsprojekt
aus. An die 200.000 Menschen sind im Rahmen des Programms bislang
als Stipendiaten in Ausbildungsbetrieben unterrichtet worden. Nach
dem Ende ihrer einjährigen Lehrzeit sollen sie sich als Genossenschaftler
unabhängig machen und Kooperativen gründen. Dabei erhalten
sie erneut Unterstützung – in Form von Landzuteilungen,
Maschinen, Beratung und Krediten.
Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren in Venezuela Tausende
von Kooperativen gegründet worden, mit denen die landwirtschaftliche
Produktion, der Ölsektor, aber auch traditionelle Branchen wie
die Textilindustrie umstrukturiert und wiederbelebt werden sollen.
Es klingt nach einem vorbildlichen Modell: Ein Staat schöpft
Ressourcen ab, die bislang in den Händen von Eliten konzentriert
waren, und investiert sie in alternative Bildungs- und Entwicklungsprogramme.
Gefördert werden v.a. die Slumbewohner, denen der Zugang zu selbstbestimmter,
eigenverantwortlicher, solidarischer und produktiver Arbeit ermöglicht
werden soll. Auf den ersten Blick könnte man glauben, dass sich
hierin jener „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ manifestiert,
von dem die venezolanische Regierung so gern (meist aber auch etwas
nebulös) redet.
Das Anliegen ist mag richtig sein, die Umsetzung bleibt problematisch.
Die großzügige Verteilung von öffentlichen Geldern
heizt nämlich einen spezifischen Opportunismus neu an. Die venezolanische
Gesellschaft hat in den vergangenen 50 Jahren fast ausschließlich
vom Öl gelebt, die Bevölkerung, selbst die marginalisierten
Slumbewohner, konzentrierten sich in diesem System darauf, einen Teil
des staatlichen Erdölkuchens zu ergattern. Die neuen Programme
widersprechen dieser Logik nicht. Solange es keinen breiten Bewusstseinsprozess
und funktionierende politische (Selbst-) Kontrollmechanismen von unten
gibt, bekräftigen die Programme eine politische Kultur, in der
der Staat in erster Linie als Instrument zur privaten Aneignung gesehen
wird. Nicht verwunderlich ist, dass – wie aus dem Landwirtschaftsministerium
berichtet wird – Bauern nur deshalb Genossenschaften gegründet
haben, um von der Zuteilung von Landmaschinen profitieren und diese
für einige Dutzend Kästen Bier an den benachbarten Großgrundbesitzer
verkaufen zu können.
Wenn man die Kooperativen in Südvenezuela besucht, stellt man
fest, was für ein komplizierter Prozess der Aufbau kooperativer
Wirtschafts- und Lebensformen ist. Man kann beobachten, dass von 100
Familien, die begeistert eine Kooperative gegründet haben, nach
einem Jahr nur noch zehn übrig sind. Oder man erfährt, dass
eine gut organisierte Genossenschaft zwar Land und infrastrukturelle
Einrichtungen erhalten hat, doch wegen Korruptionsfällen im Staatsapparat
auch nach einem Jahr die zugesagten Kredite für das Saatgut noch
nicht ausgezahlt sind. Offensichtlich überlagern sich also verschiedene
Prozesse: Erstens ist selbstbestimmtes, kooperatives Arbeiten ein
mühseliger Lernprozess mit zahlreichen Rückschlägen,
bei dem Brüche und Neuanfänge unvermeidbar sind. Zweitens
wird der venezolanische Staatsapparat selbst von gesellschaftlichen
Kämpfen und Verwerfungen (zwischen alten Eliten, Bauernbewegung,
neuen Funktionären etc.) durchzogen und ist dadurch oft blockiert.
Drittens entwickelt die venezolanische Regierung erneut eine Art „Tonnenideologie“,
wie sie für den Realsozialismus charakteristisch war, und konzentriert
sich mehr auf quantitative als auf (schwer prüfbare) qualitative
Prozesse. So wird mit den großen Finanzierungsprogrammen nicht
in erster Linie der politisch fundierte, langsame Bildungsprozess
von unten, sondern die schnelle, zwangsläufig labile Neugründung
von Kooperativen gefördert. Viertens ist die politische Überhöhung
von Präsident Chávez – einem Führer, der letztlich
alle Entscheidungen in seinen Händen monopolisiert – einer
selbstkritischen Auseinandersetzung mit den Problem und Krisen der
Veränderung alles andere als zuträglich. Es gibt in Venezuela
heute kein Forum, in dem die Schwierigkeiten des Transformationsprojekts
ehrlich debattiert würden. Fünftens lässt sich die
Tatsache, dass der venezolanische Staat als Ort privater Aneignung
verstanden wird, perspektivisch nur durch eine radikale Demokratisierung
aufbrechen, die den Apparat einer breiten gesellschaftlichen Kontrolle
unterwirft. Diese direktdemokratische Revolution ist zwar Bestandteil
von Chávez’ Programm, aber in der Praxis bislang kaum
realisiert. Die Auflistung ließe sich fortsetzen.
Kolumbien:
Kooperativen im Widerstand
Völlig anders stellt sich die Situation nur wenige Kilometer
südlich, im kolumbianischen Grenzdepartment Arauca dar. Die erdölreiche
Region ist ein eindrucksvolles Beispiel für den erfolgreichen
Aufbau solidarischer Wirtschaftsformen unter schwersten Bedingungen.
In dem Dreieck zwischen den Kleinstädten Saravena, Tame und Arauqita
wurde der Alltag in den letzten Jahren – die Regierung Uribe
tut seit 2002 alles, um das zu verändern – maßgeblich
von Genossenschaften bestimmt. In Transport, Handel, Schulwesen, Gesundheitsversorgung,
der öffentlichen Trinkwasserversorgung und Müllabfuhr –
überall spielen selbst verwaltete Kooperativen eine Schlüsselrolle.
Angebunden sind die Strukturen in starke soziale Bewegungen. 57 Kooperativen
und Bauernzusammenschlüsse werden in dem ländlichen Department
gezählt, 14 Gewerkschaften, eine regionale Jugendorganisation,
zwei Indígena-Verbände, 570 Stadtteilkomitees und eine
Menschenrechtskoordination, die von zahlreichen Organisationen gemeinsam
getragen wird. Zumindest bis Uribes Amtsantritt war auf diese Weise
fast jeder Einwohner der Region Mitglied einer Genossenschaft oder
sozialen Bewegung.
Interessanterweise entwickelten sich all diese Strukturen innerhalb
der Kriegsdynamik und zwar sowohl im Widerstand gegen den Staat als
auch mit dessen punktueller Unterstützung. Um das zu verstehen,
muss man historisch etwas weiter zurückblicken. Die erste weiße
Siedlungswelle erreichte die Region in den 1950er Jahren. Bürgerkriegsflüchtlinge
aus allen Teilen des Landes ließen sich in dem von Indigenen
nur dünn besiedelten Arauca nieder. Als Opfer systematischer
Vertreibungen waren die Neuankömmlinge nicht nur politisiert,
sondern tendierten auch zu solidarischen Lösungen ihrer Probleme.
So gründeten Bauern und Händler schon bald erste Zusammenschlüsse,
um den Vertrieb ihrer Produkte gemeinsam zu organisieren. Aus Furcht
vor revolutionären Bewegungen bemühte sich der kolumbianische
Staat, diese Selbsthilfeinitiativen in kontrollierte Strukturen zu
überführen. Die Gründung von COAGROSARARE – heute
der landwirtschaftliche Kooperativenverband der regionalen Kleinbauernorganisation
– fand 1963 unter dem Dach Agrarreformbehörde INCORA statt,
die seit 1961 die Verteilung des Landes an Siedler regelte und Kleinkredite
an Bauern vergab.
Das Erstarken der sozialen Bewegungen veränderte die Lage in
den 1970er und 1980er Jahren jedoch grundlegend. Die Unzufriedenheit
der Bauern über die Korruption in den Behörden wuchs und
verschaffte sich in großen Protestmärschen Luft. In Arauca
kulminierte die Bewegung in zwei großen Paros Civicos, den „Bürgerstreiks“
von 1972 und 1982, mit denen die Bevölkerung den Ausbau des Elektrizitäts-
und Straßennetzes, die Einrichtung von Schulen und die Verbesserung
der Gesundheitsversorgung forderte. Im Kontext dieser Kämpfe
setzten die Bauern auch die Unabhängigkeit des Verbandes COAGROSARARE
vom Staat durch.
Doch die Autonomie gestaltete sich zunächst schwierig. Die Behörden
boykottierten den selbstverwalteten Verband, was die Schließung
von Genossenschaftsläden, den Verkauf des Kooperativenvermögens
und einen massiven Mitgliederschwund nach sich zog. Zudem begann Anfang
der 80er Jahre eine massive Repressionswelle gegen Aktivisten der
Genossenschaftsbewegung. Parastaatliche Todesschwadronen verübten
selektive Morde an Bewegungsaktivisten, innerhalb von drei Jahren
wurden 125 Mitglieder von COAGROSARARE erschossen.
Dass sich die Genossenschaften dennoch erholten, ist einem Phänomen
geschuldet, das in der Kolumbien-Länderkunde kaum untersucht
wird – der Funktion der Guerilla als Gegenregierung. Um 1980
war in Arauca aus radikalisierten Bauerngruppen eine unabhängige
bewaffnete Organisation entstanden, die sich als Frente Domingo Laín
schließlich der ELN anschloss, der heute zweitgrößten
kolumbianischen Guerilla. Die ELN propagierte den Aufbau von „Volksmacht“
und förderte in diesem die Bildung paralleler Machtstrukturen.
In der Folgezeit entwickelte sich in Arauca eine spezifische Form
der Ko-Regierung zwischen sozialen Bewegungen, Staat und Guerilla.
Die Genossenschaften trotzten dem Staat Sozial- und Förderprogramme
ab. Ein beträchtlicher Teil der an die Departemental-Regierung
gezahlten Erdölsteuer wurde tatsächlich zugunsten der Bevölkerung
genutzt. Zudem sorgte die Bauernbewegung über die Unterstützung
von Bürgermeister- und Gouverneurskandidaten auch dafür,
dass sie über Ansprechpartner in der Politik verfügte. Die
staatlichen Stellen ihrerseits reagierten, um die weitere Ausbreitung
des Protests zu verhindern, mit Zugeständnissen, während
sich die ELN schließlich als eine Art Korrektiv etablierte.
Sie setzte in Arauca jene Landreform durch, der der Staat nicht zuwege
brachte, kontrollierte politische Mandatsträger und untersuchte
Korruptionsfälle. Sogar Entwicklungspolitik betrieb die Organisation.
So wurde der Mannesmann-Konzern bei einer berühmten Schutzgelderpressung
1984 von der Organisation dazu verdonnert, im Fördergebiet Schulen
und Krankenhäuser zu bauen. Und nicht zuletzt „investierte“
die Guerilla auch in die Produktion. Sie überließ Kleinbauern
Vieh, Maschinen und Land als Startkapital zur genossenschaftlichen
Nutzung .
Die Kooperativen der Region profitierten von dieser Konstellation
und konnten sich zudem zunutze machen, dass der Zentralstaat Genossenschaften
ab 1986 insgesamt stärker förderte. Die Regierung von Virgilio
Barco (1986-90), der sich ansonsten v.a. durch eine neoliberale Öffnungspolitik
auszeichnete, finanzierte im Rahmen einer sozialen Aufstandsbekämpfung
Mikrounternehmen und Kooperativenprojekte in Konfliktgebieten. Die
Genossenschaften in Arauca verweigerten sich dieser Politik nicht,
sondern nahmen Kredite und Bildungsprogrammen in Anspruch und konnten
ihr Betätigungsfeld ausweiten. COAGROSARARE eröffnete Schulen
des zweiten Bildungswegs für die Bauernbevölkerung, stellte
technische Geräte und Medikamente bereit und organisierte die
Vermarktung von Produkten. Es entstanden 40 Kooperativläden,
eine Schokoladenfabrik, Schlachthöfe, Taxiunternehmen, eine Transportfirma,
Gesundheitsstationen und, als Kronjuwel der Genossenschaftsbewegung
von Arauca, das „kommunitäre“ Unternehmen Empresa
Comunitaria de Acueducto y Alcantarillado de Saravena (ECAAS). Den
in den 1970er Jahren als selbstverwaltetes Projekt der Bevölkerung
entstandenen Betrieb, der in der 40.000 Einwohnerstadt Saravena für
Wasserzufuhr, Kanalisation und Müllabfuhr zuständig ist,
kann man als „volkseigenen Betrieb“ im eigentlichen Sinne
bezeichnen. ECAAS ist weder privatwirtschaftlich noch kommunal organisiert.
Die 28 Nachbarschaftskomitees der Stadt entsenden jeweils zwei Vertreter
in den Aufsichtsrat des Unternehmens, der den Geschäftsbetrieb
leitet und die Preise autorisiert. Auf diese Weise verfügt die
Bevölkerung über eine demokratische Kontrolle des Betriebs.
Das von ECAAS aufbereitete Trinkwasser gilt als qualitativ hochwertig,
die Preise sind niedrig, ein Teil des Gewinns kommt sozialen Zwecken
zugute, und trotzdem arbeitet das Unternehmen wirtschaftlich. Weil
ECAAS mit etwas über 50 Angestellten einer der wichtigsten Arbeitergeber
der Stadt ist, Dabei wird, die gesamte Belegschaft (mit Ausnahme einiger
Spezialisten, aber einschließlich des Präsidenten und des
Schatzmeisters) alle zwei Jahre ausgetauscht. Auf diese Weise sollen
möglichst viele Bewohner von einer festen Anstellung profitieren
können und die Grenze zwischen Konsumenten und Dienstleistern
durchlässiger werden.
Arauca ist mit diesen Modellen gut gefahren. Die Region verfügt
über eine solide produktive Basis, es gibt im Unterschied zu
anderen Departments Kolumbiens kaum Hunger. Doch genau der Erfolg
dieser alternativen Entwicklung ist Privatinvestoren und Regierung
ein Dorn im Auge, stellt er doch das neoliberale Projekt grundsätzlich
in Frage. Es ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen, wenn die Uribe-Regierung
unmittelbar nach ihrem Amtsantritt den Ausnahmezustand über die
Region verhängte und die Genossenschaften als „Vorfeldorganisationen
des Terrorismus“ ins Visier nahm. Praktische alle Funktionsträger
von sozialen Bewegungen wurden verhaftet, drei führende Gewerkschafter
im August 2004 von Militärs hingerichtet, mehr als 100 Menschen
allein in der Kleinstadt Saravena von paramilitärischen Gruppen
mit Rückendeckung der Armee (und wohl auch der in der Ortschaft
stationierten US-Militärberater) erschossen. Von den etwas über
50 ECAAS-Angestellten starben mehr als zehn Menschen. Vor diesem Hintergrund
ist völlig unklar, ob die Kooperativenbewegung von Arauca überleben
können wird.
Solidarökonomie:
Mit, im und gegen den Staat
Trotzdem bleibt die Grenzregion Kolumbiens und Venezuelas ein Beispiel,
das es zu diskutieren gilt. Zeigen die Fälle doch, dass sich
alternative ökonomische Strukturen schon jetzt, in Konflikt-
und Konfrontationssituationen herausbilden können. Eine Solidarökonomie,
die mehr sein will als gemeinschaftliche Selbstausbeutung und eine
weitere kapitalistische Eigentumsform, braucht Ressourcen und politischen
Schutz. In dieser Hinsicht spielt der Staat eine Rolle. Doch es scheint,
als eröffnete gerade der Widerstand gegen den Staat Möglichkeiten
für ein produktives Verhältnis. Eine Linke kann wie in Venezuela
versuchen „gut zu regieren“. Doch letztlich entscheidend
für das Entstehen alternativer gesellschaftlicher Strukturen
sind die Organisierungs- und Lernprozesse von unten.
Anne-Britt
Arps / Raul Zelik
Literatur:
Amnesty International (2004): Colombia. A Laboratory
of War: Repression and Violence in Arauca, (http://web.amnesty.org/library/pdf/AMR230042004ENGLISH/$File/AMR2300404.pdf),
14.1.2005
COAGROSARARE (1995): “...y el intento no fue en vano”.
Recuperación Colectiva de la Historia de la Cooperativa Agraria
del Sarare COAGROSARARE, Arauca / Kolumbien
Delegation "Solidarität und Frieden" (2005): Reisebericht
zu Kolumbien, Berlin
Humanidad Vigente (2003): Informe de Derechos Humanos Arauca 2002
‘José Rusbel Lara’, Bogotá
Zelik, Raul (2004): Angriffsziel Kooperativen, in: WOZ, Februar 2004
Zelik, Raul (2005): Kriegsgebiet Arauca, (http://www.attac.de/saarbruecken/upload/arauca.mp3)