Säbelrasseln oder Geheimkrieg?
Der Militärschlag gegen die FARC war auch ein
Angriff auf eine diplomatische Lösung des Geiseldramas in Kolumbien
Freitag, 7.3.
2008
Die Regierung Uribe feiert den Tod des FARC-Kommandanten
Raúl Reyes, der am vergangenen Freitag in einem schwer zugänglichen
Waldgebiet Ecuadors ermordet wurde, als großen Sieg. Der Leichnam
des Guerillakommandanten, Nummer 2 der kommunistischen FARC, wurde
von Soldaten in Bogotá regelrecht als Trophäe präsentiert.
Für Uribe ist die Aktion der lang ersehnte Beweis, dass die Politik
der „Demokratischen Sicherheit“ Erfolge zeitigt. Die Botschaft
scheint anzukommen: Nach neuesten Umfragen, so die Uribe-nahe Tageszeitung
El Tiempo, kann der Präsident auf die Unterstützung von
83 Prozent der Kolumbianer zählen. Dass Ecuador und Venezuela
nach der Militäraktion ihre diplomatischen Beziehungen zum Nachbarland
abbrachen und Truppen an die Grenze verlegten, scheint weniger zu
stören. Bogotá gibt sich überzeugt, dass die Nachbarländer
mit der Guerilla unter einer Decke stecken. So präsentierte man,
unmittelbar nachdem die meisten südamerikanischen Staaten den
Angriff auf ecuadorianisches Staatsgebiet verurteilt hatten, Dokumente,
wonach die Regierung in Quito mit der Guerilla kooperiere. Venezuela
warf man sogar vor, die FARC mit 300 Millionen US-Dollar unterstützt
zu haben.
Auch wenn diese Beschuldigungen in internationalen
Medien breit aufgegriffen wurden, ist die bekannte Faktenlage tatsächlich
genau andersherum. Die kolumbianische Militäraktion reiht sich
in eine Kette von Angriffen gegen Linksregierungen der Nachbarländer
ein. Die Empörung in Quito und Caracas hat denn auch weniger
mit den Tod des Rebellenkommandanten Reyes als vielmehr mit der Tatsache
zu tun, dass von Kolumbien immer wieder eigenartige Geheimaktionen
ausgehen.
Auch diesmal begann die Eskalation mit einer Lüge Uribes. Der
kolumbianische Präsident teilte seinem Amtskollegen in Quito
Rafael Correa am vergangenen Freitag zunächst mit, kolumbianische
Militärs seien von ecuadorianischem Staatsgebiet aus angegriffen
worden und hätten das Feuer erwiderten. Gegenüber der einheimischen
Presse ließ Uribe sogar verlautbaren, die Aktion gegen die FARC
sei mit Genehmigung Quitos erfolgt.
Filmmaterial der kolumbianischen Streitkräfte
und Ermittlungen der ecuadorianischen Behörden förderten
hingegen einen ganz anderen Tathergang zutage. Die US-Luftüberwachung,
die in Kolumbien mit AWACS-Maschinen, Flugdrohnen und Spionagesatelliten
im Einsatz ist, hatte Raúl Reyes in einem 2 Kilometer südlich
der Grenze gelegenen FARC-Camp anhand einer Funküberwachung geortet.
Spezialeinheiten der Armee waren daraufhin ins Nachbarland eingesickert.
Ohne die ecuadorianische Autoritäten zu informieren, wurden die
schlafenden Rebellen im Morgengrauen des 1. März mit Cluster-Bomben
angegriffen. Reyes, der den Angriff verwundet überlebte, versuchte
zu fliehen, wurde von kolumbianischen Eliteeinheiten jedoch gestellt
und erschossen. Um diesen militärischen Sieg beweisen zu können,
entführten die Kolumbianer dann auch noch den Leichnam Reyes’
ins Nachbarland, um diesen in Bogotá vorzuführen.
Die Präzision, mit der die Aktion erfolgte, legt
die Vermutung nahe, dass US-Militärs federführend an ihr
beteiligt waren. Auch die mediale Darstellung scheint minutiös
geplant. Unmittelbar nach dem Militärschlag setzte in Kolumbien
eine nationalistische Mobilmachung ein, der sich nicht einmal die
linke Oppositionspartei PDA vollständig entziehen konnte. Auffällig
ist auch, dass alternative Nachrichtenquellen präventiv „abgeschossen“
wurden. Parallel zur Aktion in Ecuador wurden die bekannten FARC-nahen
Websites durch Hackerangriffe ausgeschaltet.
Für Ecuador stellt dieser „Angriff mit Unterstützung
ausländischer Mächte“, wie es Ecuadors Präsident
Correa ausdrückte, nicht nur wegen der Verletzung der Souveränität
eine Provokation dar. Noch empörter ist man in Quito darüber,
dass Ecuador und ein knappes Dutzend weiterer Länder zuletzt
in der kolumbianischen Geiselaffäre als Vermittler eingeschaltet
worden waren. Der Kontaktmann der FARC bei diesen Gesprächen
war niemand anderes als Raúl Reyes. Präsident Correa zufolge
hatte man mit dem FARC-Sprecher eine Vorvereinbarung über die
Freilassung von elf Geiseln getroffen – darunter auch der 3
CIA-Mitarbeiter, die 2003 bei einer Geheimdienstmission abgeschossen
worden waren, und der französisch-kolumbianischen Politikerin
Ingrid Betancourt.
Die Ermordung von Reyes kann in dieser Hinsicht nur
als gezielter Schlag gegen eine Verhandlungslösung des seit bald
10 Jahren andauernden Geiseldramas gewertet werden. Allmählich
beginnt einem als Beobachter auch zu dämmern, warum der strammrechte
Uribe ausgerechnet seinen linken Amtskollegen Chávez im Sommer
2007 erst zum Vermittler in der Geiselaffäre ernannte und dann
unmittelbar vor einer Lösung ohne jede Vorankündigung wieder
entließ. Kolumbianische und US-Geheimdienste nutzten die diplomatischen
Bemühungen Venezuelas offensichtlich dazu, um die Kommunikationskanäle
der Guerilla auszuforschen. Reyes starb, weil er bei diplomatischen
Kontakten gelegentlich auf ein Satellitentelefon zurückgriff
und dadurch geortet werden konnte.
Doch die Regierung Uribe und die sie tragende Ultrarechte
versucht nicht nur eine politische Lösung des Geiseldramas zu
sabotieren. Sie betreibt darüber hinaus eine die ganze Region
erfassende Eskalationspolitik. In Ecuador haben die US-Militärfirma
DynCorp und die kolumbianische Polizei Dörfer in der Nähe
der Grenze mit dem Monsanto-Pflanzengift RoundUp bespritzt. Und schon
vor einigen Jahren töteten kolumbianische Todesschwadronen einen
Präsidentschaftskandidaten der ecuadorianischen Linken in Quito.
In Venezuela gehen diese Eingriffe noch sehr viel weiter. Den Organisatoren
des Anti-Chávez-Putsches gewährte Bogotá 2002 politisches
Asyl. Zwei Jahre später wurden mehr als 100 kolumbianische AUC-Paramilitärs
in Caracas verhaftet, als sie einen bewaffneten Aufstand gegen Chávez
vorbereiteten. Im Vorfeld hatte sich der damalige Heereskommandant
Kolumbiens Martín Orlando Carreño, der von AUC-Kommandanten
unlängst als enger Verbündeter der Todesschwadronen bezeichnet
wurde, mit venezolanischen Viehzüchtern getroffen, um über
die „Sicherheitslage in der Grenzregion“ zu beratschlagen.
Und schließlich bekräftigte ein hochrangiger Beamte der
kolumbianischen DAS-Polizei, dass Mitglieder der Uribe-Regierung gemeinsam
mit seiner Polizeibehörde, AUC-Paramilitärs und venezolanischen
Rechten versucht hätten, die Regierung Chávez gewaltsam
zu stürzen. Tatsächlich geht die Mehrzahl der politischen
Morde in Venezuela auf das Konto – von häufig kolumbianischen
– Todesschwadronen, die pro-chavistische Kleinbauern im Auftrag
der venezolanischen Rechten ermorden. 200 Regierungsanhänger
wurden auf diese Weise in den vergangen Jahren in Venezuela getötet.
Die Situation erinnert beunruhigend an die Konstellation
in Zentralamerika in den 1980er Jahren: Damals warfen die USA der
Linksregierung in Nicaragua vor, den internationalen Terrorismus zu
protegieren, und nahm dies zum Anlass für einen groß angelegten
Geheimkrieg. Die von Honduras aus operierenden Contras wurden, wie
man heute weiß, unter anderem mit Hilfe von Drogengeschäften
finanziert und von der US-Regierung illegal mit Waffen beliefert.
Gleichzeitig sorgte Washington für ein angespanntes Klima in
der ganzen Region.
Die Parallelen sind auffällig: Caracas und Quito
wirft man medienwirksam die militärische Unterstützung der
FARC-Guerilla vor – wofür es bislang allerdings keine seriösen
Hinweise gibt. Die kolumbianische Rechte sorgt dafür, dass der
Krieg über die Grenze schwappt. Und mit den Paramilitärs
steht eine drogenfinanzierte Geheimarmee zur Verfügung, die sich
gegen die Linke in der ganzen Region in Stellung bringen lässt.
Verwunderlich wäre eine Neuauflage solcher Operationen
nicht: Koordinator des Geheimkriegs in Zentralamerika war John Negroponte,
damals US-Botschafter in Honduras. Der Rechtsausleger wurde 2004 Botschafter
im Irak, dann oberster Koordinator der US-Geheimdienste und dient
der Bush-Regierung heute als Vize-Außenminister.
Raul Zelik