Uribes tote Geiseln
Kolumbien: Parapolitik-Skandal
und Geiseltod (WOZ, Juli 2007)
Präsident Uribe ist ein Phänomen: Egal wie groß
der Druck auf ihn auch wird, er versteht es immer wieder, gestärkt
aus Krisen hervorzugehen. So auch nun nach dem Tod von elf Politikern,
die vor einigen Tagen unter ungeklärten Umständen in einem
Camp der FARC-Guerilla ums Leben kamen. Obwohl Uribe keine geringe
Mitschuld am tragischen Ende der Entführung trägt, gelang
es seiner Regierung, Hunderttausende von Kolumbianern zu Demonstration
„gegen Gewalt und Entführungen“ auf die Straße
zu bringen.
Das Problem entführter Militärs und Politiker ist ein
Dauerbrenner kolumbianischer Innenpolitik. Seit Ende der 1990er
Jahre nehmen die FARC gezielt Politiker und Offiziere als Geiseln,
um einen Gefangenenaustausch zu erzwingen. Für die Guerilla
geht es dabei nicht um die Freilassung von Kampfgefährten,
sondern auch um die Anerkennung als Konfliktpartei. Wer als Partner
bei einem Gefangenaustausch akzeptiert wird, kann kaum als terroristische
Organisation gelten.
Nachdem die FARC 2001 mehr als 300 einfache Soldaten und Polizisten
einseitig freigelassen hatten, verblieben zuletzt etwa 60 Funktionsträger
aus Politik und Sicherheitsapparaten in der Macht der Guerilla.
Diese Geiseln verwandelten sich schnell zu einem Anliegen internationaler
Politik. Nicht zuletzt die Regierung Chirac, die mit der franko-kolumbianischen
Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt eine Staatsbürgerin
in den Händen der FARC wusste, setzte sich immer wieder aktiv
für eine Verhandlungslösung ein.
Präsident Uribe jedoch, von einer Allianz ökonomischer
Eliten, mafioser Paramilitärs und der US-Botschaft ins Amt
gebracht und wiedergewählt, widersetzt sich diesen Vermittlungsbemühungen
hartnäckig. In seiner autoritärer Sicherheitspolitik ist
kein Platz für ein Abkommen mit der Guerilla. Dabei sind die
Rahmenbedingungen für einen Gefangenenaustausch eigentlich
längst geklärt: Der Gouverneur des betroffenen Departments
Valle del Cauca sowie die betroffene Bevölkerung der Ortschaften
Florida und Pradera haben sich für eine 45-tägige Demilitarisierung
der beiden südwestkolumbianischen Gemeinden ausgesprochen.
Internationale Regierungen haben sich angeboten, die Demilitarisierung
zu beobachten, um zu verhindern, dass die FARC die Region als Aufmarschgebiet
für militärische Aktionen nutzen. Und auch die FARC haben
zugesichert, in der betroffenen Zone – anders als im 1998
bis 2001 von ihr kontrollierten südkolumbianischen Caguán-Gebiet
– ausschließlich zu verhandeln.
Vor diesem Hintergrund stand Uribe im Ausland und in Kolumbien selbst
zuletzt massiv unter Druck. Dazu kam der so genannte Parapolitik-Skandal,
in dessen Verlauf engste Vertraute des Präsidenten wegen ihrer
Verbindungen zu den ultrarechten Paramilitärs verhaftet wurden.
Der von Uribe eingesetzte Chef der DAS-Geheimpolizei Jorge Noguera
wurde verhaftet, weil er Paramilitärs geschützt und bei
ihnen u. a. Morde an Gewerkschaftern in Auftrag gegeben haben soll.
Zudem sitzen fast 20 Abgeordnete von Uribes Regierungskoalition
wegen lokaler Bündnisse mit den Paramilitärs im Gefängnis.
Doch Uribe hat sich mit Befreiungsschlägen längst wieder
Luft verschafft. Die Tatsache, dass er Kommandanten der AUC-Paramilitärs
in das Hochsicherheitsgefängnis von Itagüí bringen
ließ, wird ihm der Öffentlichkeit als Stärke gegenüber
der Ultrarechten ausgelegt. Uribe, selbst Ziehvater des Paramilitarismus,
inszeniert sich mit tatkräftiger Unterstützung der einheimischen
Medienkonzerne heute als derjenige Präsident, der die Todesschwadronen
erfolgreich bekämpft.
Nicht minder ‚geglückt’ ist auch sein Krisenmanagement
in der Geiselaffäre. Bereits seit einigen Wochen bemüht
sich Uribe, eine Amnestie für seine Abgeordneten einzufädeln.
Nachdem er dabei auf heftigen Widerstand stieß, kündigte
er im Juni die einseitige Freilassung von 200 inhaftierten Guerilleros
an und forderte die FARC ihrerseits zur Befreiung der Geiseln auf.
Mit diesem Manöver verfolgte Uribe zwei Ziele: Er wollte den
Druck auf sich selbst verringern und der Freilassung der eigenen
Abgeordneten das Terrain bereiten. Die FARC erwiderten jedoch, die
Freigelassenen hätten mit ihrer Organisation nichts zu tun.
In diesem bizarren Schachspiel, das auch von der kolumbianischen
Öffentlichkeit nicht mehr durchschaut wird, machte Uribe daraufhin
den nächsten unerwarteten Zug: Er ordnete die militärische
Befreiung von Geiseln an. Nach Angaben der FARC kamen die elf Politiker
in „einem Kreuzfeuer“ zwischen der Guerilla und „nicht-identifizierten
Truppen“ ums Leben. Es spricht einiges dafür, dass es
sich dabei nicht einfach um einen zufälligen Zusammenstoß,
sondern um eine Operation mit Spezialtruppen gehandelt hat. In der
Regel weiß die Guerilla, wer sich in einem Kampfgebiet befindet.
Darüber hinaus sind die FARC die letzten, die ein Interesse
am Tod der Abgeordneten hatten. Für Uribe hingegen war die
letzte Woche ein voller Erfolg: Umso weniger Politiker sich in der
Macht der FARC befinden, desto geringer ist der Druck zu verhandeln.
Mit den Massendemonstrationen gelang es der Regierung, der Guerilla
die Schuld für die Gewalt im Land zuzuschieben. Und nicht zuletzt
spricht auch niemand mehr von Uribes Verstrickungen in den Paramilitarismus.
In Kolumbien sei etwas in Bewegung geraten, war zuletzt immer wieder
zu hören. Es steht zu befürchten, dass Uribe auch aus
diesen Bewegungen gestärkt hervorgehen wird.
Raul Zelik