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AUSNAHMEZUSTAND In
der Region von Arauca rückt die Armee gegen das andere Kolumbien
vor
Auf dem Weg nach Saravena ist es drückend heiß. Die von
Menschenhand unberührten Hänge der Cordillera Oriental versinken im Dunst.
Über dem Llanos, dem ostkolumbianischen Flachland, liegen tiefe
Regenwolken, und in dieses Stilleben der Ruhe schiebt sich ein Konvoi von
fünf Cascabel-Panzerwagen, die langsam die Hauptstraße hinunter gleiten,
in Richtung Saravena. Die im erdölreichen Department Arauca gelegene
40.000-Einwohner-Stadt gehört zu den militarisiertesten Ortschaften
Kolumbiens, überall türmen sich sandsackbefestigte Stellungen der Polizei,
Stacheldraht-Schikanen blockieren die Zufahrten von Straßen,
Krad-Einheiten patrouillieren martialisch durch die Wohnviertel.
Dass Arauca als Konfliktregionen gilt, weiß man auch über die
Grenzen Kolumbiens hinaus. Spätestens seitdem das Nationale Befreiungsheer
ELN (Ejército de Liberación Nacional) Anfang der achtziger Jahre
von den deutschen Pipeline-Monteuren der Mannesmann AG ein Schutzgeld in
Millionenhöhe erpresste - heute erscheint das wie eine harmlose Lappalie,
verglichen mit der Situation, die im vergangenen Jahrzehnt entstanden ist.
1990/91 begannen die Occidental Oil Company (OOC) und der
kolumbianische Staat massiven Druck auf die U´wa-Indígenas auszuüben, die
sich Ölbohrungen auf ihrem Territorium widersetzten. Seit 1999 sekundieren
- eine Konsequenz des Plans Colombia - US-Truppen bei
Strafexpeditionen, die gelegentlich unternommen werden, um den Eigensinn
der Ureinwohner zu brechen. 2002 erklärte die US-Regierung angesichts von
fast 100 Bombenanschlägen auf die Pipelines der OOC den Schutz der
Erdölanlagen von Arauca neben dem Drogenkrieg zum Hauptmotiv ihrer
Kolumbienpolitik und bewilligte zusätzlich 100 Millionen Dollar. Und
schließlich begann der rechtskonservative Präsident Alvaro Uríbe sofort
nach seiner Amtsübernahme im August des gleichen Jahres eine Offensive
gegen das von "der Guerilla korrumpierte Department", wie er es nannte.
"Fast 100 Führer sozialer Organisationen Araucas sind bisher 2003
erhaftet worden", klagt Rechtsanwalt Juan Carlos Torregroza von der
regionalen Menschenrechtskommission Joel Sierra, "allein in der Gemeinde
Tame hat die Armee 500 Leute erschossen. Die Streitkräfte ziehen sich hier
je nach Bedarf Armbinden der Paramilitärs über ihre Montur oder sie
fliegen Kontrakt-Killer aus Medellín ein - von diesen Todesschwadronen
werden die meisten Morde begangen. Die Armee weiß davon, wenn sie nicht
selbst beteiligt ist."
Vorfeldorganisationen
des Terrorismus
Wie auch in anderen Regionen versteht der
kolumbianische Staat in Arauca Guerillabekämpfung als Regime der massiven
Einschüchterung. Mit bezahlten Spitzeln und der Ermunterung zur
Denunziation werden jene Gruppen kriminalisiert, die über
Menschenrechtsverletzungen nicht schweigen, und gleichzeitig die Ortskerne
militarisiert. Die Bewohner von Saravena erzählen von nächtliche
Under-Cover-Aktionen, bei denen Polizisten vermummt in die Quartiere
fahren, um verdächtig aussehende Jugendliche einfach zu erschießen. Ein
Regierungsdekret zur Einrichtung von "Rehabilitationszonen" in Arauca,
Sucre und Bolívar ist zwar vom Obersten Gerichtshof in Bogotá für
verfassungswidrig erklärt worden, doch hält das die Soldaten nicht auf: in
den "Rehabilitationszonen" gilt der Ausnahmezustand. Wer in Saravena nach
Einbruch der Dunkelheit gegen 18.30 Uhr noch unterwegs ist, muss um sein
Leben fürchten.
Dass sich die Uríbe-Regierung ausgerechnet auf
Arauca konzentriert, hat nicht nur mit den hier liegenden Erdölvorkommen
zu tun. Die Region durchzieht ein einzigartiges Geflecht von Kooperativen
und sozialen Organisationen. Dazu gehört - wie ein Flaggschiff sozialer
Autonomie - die ECAAS, ein selbst verwaltetes Unternehmen, das in Saravena
für die Müllabfuhr, Wasserversorgung und Kanalisation sorgt. "Ich glaube,
wir sind in dieser Hinsicht ein einzigartiges Projekt in Kolumbien,
vielleicht sogar in Lateinamerika überhaupt", meint Juan Guerra Camargo
von der Direktion. "Unser Betrieb ist von unten her gewachsen. Jede der 28
Stadtteilversammlungen Saravenas entsendet zwei Delegierte in den
Aufsichtsrat. Diese 56 Leute kontrollieren das Unternehmen. ECAAS gehört
also weder dem Staat noch der Gemeinde noch einem Privatunternehmer, es
ist eine Firma des Volkes und für das Volk. Wir bieten die billigste und
beste Wasserversorgung im Department. Außerdem stellen wir unsere
Fahrzeuge und Tankwagen sozialen Basisgruppen zur Verfügung." - Dafür hat
ECAAS teuer bezahlt ebenso wie die Menschenrechtskommission Joel Sierra
oder die Gewerkschaftszentrale CUT, der Bauernverband ADUC und die
Jugendorganisation ASOJER. "Elf Mitarbeiter von ECAAS sitzen wegen
Terrorismusverdacht im Gefängnis, ein Kollege wurde ermordet. Unser
Verwaltungsgebäude ist von Militärpanzern attackiert worden." Guerra
Camargo zeigt auf Einschusslöcher im Raum des Aufsichtsrates.
ECAAS ist kein Einzelfall. Die vom Bauernverband gegründete
Kooperative COAGROSARARE unterhält Agrarschulen, 40 Kooperativläden und
eine Schokoladenfabrik, dazu Schlachthöfe sowie Taxiunternehmen, eine
große Transportfirma und Gesundheitsstationen. Für Präsident Alvaro Uríbe
sind derartige Projekte schlichtweg "Vorfeldorganisationen des
Terrorismus". Was auch damit zu tun haben dürfte, dass dem Staatschef als
erklärtem Parteigänger des Neoliberalismus die partielle Autonomie des
Departments von Staat und Kapital ein Dorn im Auge ist.
Tatsächlich lässt sich diese eigentümliche politische Landschaft
der Region ohne die Guerilla nicht begreifen. Während der siebziger Jahre
gründeten Bauern unabhängig von dem 1965 entstandenen ELN eigene
Guerillagruppen, die sogenannte Frente Domingo Laín. Die
Einheiten sahen sich bald in der Lage, gegen den kolumbianischen Staat
parallele Machtstruktur zu etablieren. Über die öffentliche Verwaltung,
die Vergabe von Agrarkrediten oder Entwicklungsprogramme im Department
wurde von der Frente selbst entschieden.
Als der ELN später die
bereits erwähnten Schutzgelder von Mannesmann erpresste, floss die Hälfte
dieser Einnahmen in Sozialeinrichtungen oder kam einer Agrarreform zugute,
die von der Guerilla durchgesetzt wurde. Mit anderen Worten: Formationen
wie die Frente Domingo Laín oder der ELN sorgen in Arauca seit
Jahrzehnten als Korrektiv dafür, dass Regierungen und Gouverneure nicht an
der Bevölkerung vorbei administrieren können. Dass die Guerilla dafür im
Gegenzug staatliche Fördergelder einbehält, wird allgemein als zulässiger
Ausgleich für diese Mission akzeptiert.
Guerilla ist nicht gleich Guerilla
Schon
wenige Kilometer außerhalb größerer Ortschaften Araucas wird diese
Autorität des Maquis schlagartig offenbar. Abseits der asphaltierten
Trassen bewegen sich Guerilla-Patrouillen auf geländegängigen Jeeps wie
selbstverständlich durch die Savanne, darunter auch Rebellen der FARC, der
Revolutionären Streitkräfte (*) - bereits 1959 gegründet und
teilweise aus der Kommunistischen Partei hervorgegangen, handelt es sich
um die älteste und größte Guerilla-Armee Kolumbiens. Vicente, ein
Bauernführer aus der Gegend, sieht die FARC jedoch mit spürbarem
Unbehagen: "Die kamen erst 1991 hierher, und wir begriffen sehr schnell:
Guerilla ist nicht gleich Guerilla. Die FARC-Leute haben nicht selten
Führer der sozialen Bewegungen bedroht, Leute verschwinden lassen oder
zwangsrekrutiert. Bei Vorstößen von Paramilitärs ziehen sie sich lieber
zurück, anstatt bedrohte Gemeinden zu verteidigen. Außerdem ermuntern sie
die Leute zum Koka-Anbau. Sicher ist Koka für viele die einzige
Überlebensgrundlage, aber man ruiniert damit die soziale Struktur. Die
FARC-Leute haben aber vor allem ein Problem: Sie glauben, man muss das
Volk kommandieren. Doch das können wir ganz gut mit uns selbst tun."
Wir fahren mit dem Pickup Richtung Osten und passieren auf 30
Kilometern drei Guerillakontrollen. Die FARC haben ihre Fronten 10 und 45
nach Arauca verlagert und werden im Department auf etwa 1.000 Mann
geschätzt, der ELN auf etwa 700. Dazu kommen noch 10.000 Milizionäre, die
nur nebenher Guerilleros sind. Für den Bauernführer Vicente sind diese
Zahlen nicht sonderlich beeindruckend. "Neun von zehn Bewohnern Arauca
sind in sozialen Organisationen aktiv, und das ist das Entscheidende.
Warum sonst will die Regierung gerade das zerstören?"
Wir besuchen
eine von der Kooperative aufgebaute Finca, an der Bauern vier Tage im
Monat ein sogenanntes "Agrar-Abitur" nachholen können. Vicente führt durch
Zuckerrohrplantagen und eine Anlage zur Sirup-Produktion. "Der Boden ist
zwar nicht besonders geeignet für Zuckerrohr, aber wenn sich der Konflikt
verschärft, und das Militär Straßen blockieren sollte, müssen wir uns
selbst versorgen können." Wie zur Bestätigung fliegen Armeehubschrauber
über uns hinweg.
Auf dem Rückweg nach Saravena stoßen wir mit
einem FARC-Kommando zusammen - wortwörtlich. Ein mit Guerilleros besetzter
Jeep rauscht auf der Straßenmitte auf unseren Pickup zu, so dass dem
Fahrer nichts übrig bleibt, als in den Graben auszuweichen. Er blutet an
der Stirn, eine Schnittwunde, wie sich zeigt. Eingeschüchtert geht er zu
den Bewaffneten hinüber, die es offenkundig nicht für nötig halten, sich
zu entschuldigen - die Stimmung ist angespannt. Minuten später fährt ein
Pickup ohne Kennzeichen vor und bringt uns in die nächstgelegene
Ortschaft. Der Kommandant der örtlichen ELN-Front, in Zivil und wenig
autoritätseinflössend, sitzt am Steuer: "Ich werde dafür sorgen, dass die
FARC-Leute den Fahrer des Jeeps entschädigen."
(*) Fuerzas Armadas Revolucionarias de
Colombia |