Ist das Abgeordnetenhaus überflüssig?
(Kommentar TAZ, September 2006)
Man könnte es sich mit einer Antwort natürlich
leicht machen und wie meine Freundin L., die nächstes Jahr immerhin
Lehrerin am Gymnasium wird, behaupten, dass „außer Politikstudenten
sowieso niemand weiß, was da geschieht“. Doch das ist
kein echtes Argument: Es gibt eine Menge Dinge, über die man
nicht wirklich Bescheid weiß und die trotzdem alles andere als
überflüssig sind. Eiskühlfächer zum Beispiel,
Elektrolytkondensatoren, Herzschrittmacher.
Wenn man das Abgeordnetenhaus für überflüssig halten
kann, dann deshalb, weil es im Unterschied zu Eiskühlfächern
oder Herzschrittmachern eben nicht dazu da ist, der Mehrheit zu nützen,
sondern das, was der Mehrheit nicht nützt, als legitim bzw. unvermeidbar
zu verkaufen. Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte unserer
Stadt: Einige moderne Raubritter, die man durchaus als Angehörige
einer herrschenden Klasse bezeichnen könnte, plündern jahrelang
eine öffentliche Bank, vernichten mit Immobiliengeschäften
gewaltige Geldmengen und vermehren dabei ihr privates Vermögen.
Öffentlich gemacht wird dieser Fall, der als Bankenskandal die
Runde macht, nicht in erster Linie von den Volksvertretern, sondern
von Bürgerinitiativen und einem Journalisten, der früher
mal ein Autonomer war. Als die Pleite der Landesbank absehbar ist,
rekurriert man im Abgeordnetenhaus auf sozialistische Konzepte: Anstatt
die Verursacher zur Kasse zu bitten, die erkleckliche Liegenschaften
in Zehlendorf&Co besitzen, vergesellschaftet man die Verluste.
Folgerichtiger Weise muss der Gürtel enger geschnallt werden
und die Allgemeinheit stellt überrascht fest – komisch
aber auch –, dass vor lauter Sparen die U-Bahn plötzlich
genauso viel kostet wie das Taxi und man deshalb besser gleich zu
Hause bleibt. Um die INNERE SICHERHEIT (neuerdings ganz groß
geschrieben!) zu gewährleisten, sorgen die Volksvertreter abschließend
noch dafür, dass die Initiative, die den Fall öffentlich
gemacht hat, mit V-Leuten polizeilich durchleuchtet wird.
Dieses wunderbare Ineinandergreifen von Demokratie, Staatlichkeit
und Enteignung zeigt letztlich allerdings, dass Abgeordnetenhäuser
aus einer anderen Perspektive doch nicht überflüssig sind.
Sie besitzen sehr wohl eine Funktion: Sie sorgen dafür, dass
Umverteilung politisch vermittelt wird und als vernünftig erscheint.
Nun könnte man andererseits die These vertreten, dass im Abgeordnetenhaus
auch immer wieder jene eine Stimme finden, die sich diesen Legitimationsübungen
widersetzen. Nicht ganz falsch, aber leider auch nicht ganz richtig.
Wen haben wir nicht schon alles gewählt, damit mal grundsätzlich
widersprochen wird? Alternative Liste, Grüne, Bündnis 90,
PDS, Linkspartei... Sobald der Einzug ins Abgeordnetenhaus einigermaßen
gesichert war, haben alle die gleiche Entwicklung vollzogen. So gesehen
bleiben, wenn man will, dass die herrschende Klasse zumindest für
das von ihr zerbrochene Geschirr selbst aufkommt, nur die soziale
Bewegungen.
Mit Leuten vom Abgeordnetenhaus hält man dann zwangsläufig
Kontakt: Die Volksvertreter schicken sicher wieder jemand zur Beobachtung
vorbei.
P.S. Wählen werde ich diesmal trotzdem gehen: Zum einen, weil
es eine Liste gibt, die als Nein-Stimme nicht unterschlagen werden
kann, zum anderen weil mein Kumpel M. ganz richtig angemerkt hat:
„Wenn Nicht-Wählen was verändern würde, wäre
es verboten.“
Raul Zelik