![]() |
||
|
|
||
|
Der Staat, das unbekannte WesenOder warum ein wenig Staatstheorie der linken Debatte gut tun würdeSammelbesprechung: Wochenzeitung Freitag April 2007Dass die Linkspartei, noch nicht gegründet, sich bereits nach
„Verantwortung“ sehnt, ist kaum zu übersehen. In
Berlin beschafft sie auch weiterhin Legitimation für jene Umverteilung,
die der CDU-Senat politisch nicht mehr durchsetzen konnte, in Thüringen
sendet sie vorausschauend schon jetzt Signale an die SPD, und selbst
im Westen, wo sie mit der Fünfprozenthürde zu kämpfen
hat, sind Leute wie Klaus Ernst um ein staatstragendes, potenziell
regierungsfähiges Bild bemüht. Was aber ist dann der Staat? Zunächst muss man wohl festhalten,
dass er auf absehbare Zeit nicht verschwinden wird, wie in der Globalisierungsdebatte
zeitweise etwas hyperventiliert erörtert wurde. Die suprastaatlichen
Machtstrukturen, die Michael Hardt und Toni Negri als Gerüst
eines sich konstituierenden Empires ausmachten, haben in den vergangen
Jahren eher wieder an Bedeutung verloren. Die USA haben den Weg
des Unilateralismus eingeschlagen, die Schaffung von internationalen
Rechts- und Sanktionssystemen stockt, Nationalstaatlichkeit bleibt
eine zentrale Kategorie in der globalen Ordnung. So vereinbaren
Unternehmensführungen mit nationalstaatlich orientierten Gewerkschaften
Stellenstreichungen in Brüssel, um das heimische Wolfsburg
zu „schützen“. Und den Außenminister begleiten
hochrangige Konzerndelegationen, wenn es auf Auslandsreisen um Ölvorkommen
oder Absatzmärkte geht. Die ‚Heuschrecken’ tragen
Landestracht und haben festen Wohnsitz. Wie lässt sich jedoch erklären, dass der bürgerliche
Staat einerseits eine Herrschaftseinrichtung sein soll, gleichzeitig
aber offensichtlich auch Handlungsräume für alternative
Politik eröffnet? Linke Hegemonie- und Staatstheoretiker haben
sich – von Antonio Gramsci, über Louis Althusser und
Nicos Poulantzas bis hin zu den französischen Regulationstheoretikern
– immer wieder darüber den Kopf zerbrochen. Es gibt niemanden,
der diese Debatten so gut zusammengefasst hat wie Joachim Hirsch.
Dass Staatlichkeit, wie Poulantzas sagt, als strategisches Feld und Prozess diskutiert werden sollte, legt auch Heide Gerstenbergers neu aufgelegtes und überarbeitetes Monumentalwerk „Die subjektlose Gewalt“ (2006) nahe. Die Bremer Professorin zeichnet in dieser bereits 1974 begonnenen historischen Arbeit die Entstehungsgeschichte des modernen Staates nach. Dabei schenkt sie (ganz ähnlich wie Charles Tilly) dem Thema der Gewalt besondere Bedeutung. Sie fragt, warum Aneignung und Zwangsgewalt in der bürgerlichen Gesellschaft von der ökonomischen Herrschaft getrennt sind. Im Feudalismus nämlich war Aneignung ein unmittelbarer Bestandteil von Herrschaft, d.h. die ökonomischen Beziehungen zwischen Lehnsherr und Bauern fußten auf direkter Gewalt. In der bürgerlichen Gesellschaft entstand mit dem Staat eine gesonderte Instanz, die über die Beziehungen zwischen einzelnen Rechtssubjekten wacht. Personale Herrschaft wird auf diese Weise subjektlos, die Verhältnisse verrechtlichen sich, ohne dass dadurch Herrschaftsbeziehungen aufgehoben würden. Gerstenberger betont, dass diese Entwicklung keineswegs determiniert war. Die historische Herausbildung einer gesonderten Gewalt, die einen berechenbaren Handlungsrahmen für Wirtschaftskreisläufe schafft, war das relativ zufällige Ergebnis von Machtdynamiken, technisch-ökonomischen Entwicklungen und Krieg. Ein möglicher Erklärungsstrang könnte folgendermaßen lauten: Die Söldnertruppen, derer sich die Adelshäuser im Mittelalter bedienten, stellten für diese immer auch eine latente Gefahr dar. Zudem wurden die Militärapparate aufgrund technischer Entwicklungen immer kostspieliger. Die politischen Herrscher gingen in diesem Zusammenhang dazu über, eigene stehende Heere aufzubauen und ihre Steuererhebungen zu systematisieren. Dies wiederum trug zur Herausbildung einer verlässlichen Bürokratie mit bei. Die europäische Staatlichkeit ist in dieser Hinsicht ein kontingentes und doch zufälliges Ergebnis von Machtkämpfen, Ökonomisierungszwängen usw. Eine Erkenntnis von großer aktueller Relevanz – liefert sie doch eine Erklärung, warum Staatsbildung nicht einfach (im Zusammenhang von Krisenregionen wie Afghanistan immer wieder versucht) technisch eingeleitet und vollzogen werden kann. Lesenswert ist schließlich auch der Sammelband „Poulantzas
lesen“ (2006) von Bretthauer u.a. Sachkundig ordnen die Herausgeber
Poulantzas Thesen in die aktuelle staatstheoretische Debatte ein
und öffnen dann das Feld für die Erörterung spezifischer
Fragen. Es geht um das Verhältnis Poulantzas’ zu Marxismus
und französischem Strukturalismus, um die Verbindungslinien
zu Foucault, die Bedeutung des Gesetzes, Poulantzas Beitrag zu einer
Theorie des Raums und schließlich um politische Handlungsansätze.
Im Band versammelt sind Beiträge von vielen Autoren, die in
den vergangenen Jahren zum Themenkomplex Hegemonie, Staat und Emanzipationsbewegung
geforscht haben: u.a. Bob Jessop, Alex Demirovic, Joachim Hirsch
und Ulrich Brand. Abschließend kann man festhalten: Für linke Debatten
wäre die Auseinandersetzung mit einigen staatstheoretischen
Grundlagen sehr hilfreich. Man könne lernen, mit einer paradox
erscheinenden Situation umzugehen: Der Staat ist zwar eine Herrschaftseinrichtung
und insofern Gegner jeder grundlegenden Emanzipationsbewegung, gleichzeitig
aber auch notwendigerweise ein Feld für Gegenbewegungen. Er
organisiert herrschende Gruppen und damit jene Hegemonie, die es
zu überwinden gilt, und ist doch zwangsläufig immer ein
Raum, in dem die Konflikte ausgetragen werden. Das bedeutet nun
allerdings keineswegs, dass man „in die Verantwortung“
müsste, um etwas zu bewegen. Gesellschaftliche Kämpfe
schlagen sich nämlich immer im Staat nieder – völlig
unabhängig davon, wer gerade die Regierung stellt. Die entscheidende
politische Frage lautet deshalb nicht: Wer ist an der Macht? Sondern:
Was mobilisiert eine gesellschaftliche Dynamik und verschiebt damit
die Kräfteverhältnisse? Joachim Hirsch: Materialistische Staatstheorie, VSA-Verlag
2005
|
|
|