Phantasie und neue Maßstäbe
Über den Kapitalismus hinausdenken
Beitrag für den
FREITAG 52 / 2008
VOM SINN DER ÖKONOMIE*Die aktuelle Krise wird nicht zum Post-Kapitalismus
führen, sondern nur zu anderen Regimen der Akkumulation. Trotzdem
ist es sinnvoll, über Alternativen nachzudenken
Epochenwechsel. In Anbetracht der neoliberalen Krise erstrahlt
das fordistische Zeitalter in neuem Licht: Das Fließband garantierte
stolze Produktivitätszuwächse. Gewinne und Reallöhne
stiegen gleichermaßen. Gute Einkommen garantierten den Absatz
der Massenproduktion, und aus den gefüllten Staatskassen
konnten antizyklische Infrastrukturprogramme finanziert werden.
Wer von der Neuauflage einer vergleichbaren Strategie träumt,
sollte allerdings daran erinnert werden, dass dieses Modell nicht
einfach von gierigen Neoliberalen weggeputscht wurde. Fordismus
und staatliche Interventionspolitik scheiterten in den siebziger
Jahren an immanenten Problemen: Ressourcen wurden knapper, die Endlichkeit
der Natur spürbar. Der Massenkonsum war zunehmend gesättigt,
und nicht zuletzt hatten auch die Arbeiter genug: Sie verweigerten
sich stupiden Tätigkeiten oder verlangten Löhne oberhalb
des Produktivitätszuwachses. Wenn jedoch Löhne schneller
wachsen als die Produktivität, reagiert die Unternehmerseite
in der Regel mit Preissteigerungen, um eine Umverteilung des Reichtums
zu verhindern. Auf diese Inflationsdynamik reagierte die US-Notenbank
bereits unter Präsident Carter, also vor dem Siegeszug der
Neoliberalen, mit jener Hochzinspolitik, die der fordistischen Akkumulation
das Wasser abgrub und den Boom des Finanzsektors einleitete.
Die neoliberalen Vordenker handelten dabei durchaus im gesamtkapitalistischen
Interesse. Sie sorgten dafür, dass sich Kapital wieder vermehren
konnte: durch eine Senkung des Lohnanteils, durch Transferleistungen
hoch verschuldeter Staaten wie Brasilien und Mexiko (aber auch der
realsozialistischen Länder Polen und Jugoslawien) und die Schaffung
neuer Wachstumsbranchen. 30 Jahre lang war der heute als "gierig"
geschasste Finanzsektor - neben den Informationstechnologien
- Motor dieser Entwicklung. Während die neoliberale Politik
Grundlagen bereit stellte: Die Deregulierung der Märkte eröffnete
(im Zusammenspiel mit der Konstituierung eines globalen Raums) den
Finanzakteuren ganz neue Möglichkeiten. Die Kreation immer
neuer - abgeleiteter - Produkte erweiterte das zirkulierende Kapitalvolumen,
was sich wiederum als Wachstum ausdrückte. Dass der Kapitalismus
in diesem Zusammenhang radikal anderen Logiken zu folgen begann,
ist hinlänglich bekannt: Kurzfristige Rentabilitätsentwicklungen
und spekulative Erwartungen wurden zum zentralen unternehmerischen
Kriterium. Die Folge war die profitable Abwicklung von Produktion.
Diese Entwicklung zeigt ein schönes Paradox: Der Übergang
zur finanzgetriebenen Ökonomie war systemrational. Er garantierte
hohe Akkumulationsraten. Gleichzeitig war dieses Modell allerdings
in hohem Maße irrational. Die Erzeugung finanziellen Reichtums
ging immer stärker mit der Vernichtung nicht-finanziellen Wohlstands
einher.
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, mit welchen Ba-nalitäten
sich auch kritische Stimmen zur Zeit beschäftigen. Slavoj Zizek
beispielsweise diskutierte unlängst in der Zeit, dass Märkte
stets der Regulation bedürfen. Welche Neuigkeit!
Der prinzipiellere Zusammenhang wird dagegen kaum beleuchtet: Dass
sich das Kernprinzip kapitalistischen Wirtschaftens - der Sachzwang
zur Akkumulation - zunehmend als gesamtökonomischer Unsinn
entpuppt. Eine einfache Rückkehr zur Staatsintervention kann
dieses Problem nicht beheben. Das finanzgetriebene Modell setzte
sich um 1980 ja gerade deshalb durch, weil der keynesianisch regulierte
Fordismus strukturelle Wachstumsgrenzen erreicht hatte. Gefragt
wäre deshalb system-alternative Phantasie.
Die These, dass es innerhalb des Kapitalismus keine Lösungen
gibt, ist für sich genommen nun zugegebenermaßen auch
nicht besonders originell. Denn: Was bedeutet es, den Kapitalismus
"abzuschaffen"? Über Verstaatlichungsstrategien muss
im historischen Rückblick nicht viel gesagt werden. Sie ermöglichte
eine nachholende Entwicklung, führte jedoch - trotz wichtiger
Unterschiede zwischen den Modellen - in der UdSSR, China und Jugoslawien
zu ähnlichen Ergebnissen: Die Staatsökonomien zeichneten
sich durch Mangel, den ineffizienten Umgang mit Ressourcen, Innovationsblockaden
und die Herausbildung neuer Klassenstrukturen aus. Auch die neueren
Erfahrungen aus Venezuela deuten in eine ähnliche Richtung.
Aber was wäre dann eine nicht-kapitalistische Ökonomie?
Im Kern geht es um etwas Simples: um eine gesellschaftliche Kontrolle
ökonomischer Handlungen. Es ist nicht länger der "Sachzwang"
zur Kapitalvermehrung, der eine Gesellschaft hetzt, sondern umgekehrt
entscheidet eine Gesellschaft, was sie an Gütern und Dienstleistungen
erwünscht und wie sie diese produziert. Sie verständigt
sich darüber, welche Formen von Arbeit akzeptabel sind, was
umweltverträglich ist, wie Reichtum verteilt wird - also über
Kriterien, die ansatzweise auch heute diskutiert werden. Diese Verständigung
muss nicht ausschließlich in Form von Planung erfolgen. Immerhin
spricht einiges für das klassisch-liberale Argument von Ludwig
van Mises, wonach Ökonomie - wie jeder lebendige soziale Prozess
- nicht komplett vorausgedacht werden kann. (Es sei denn, es handelt
sich um Kommandobeziehungen.) Doch Mises´ Argument wäre
kein prinzipieller Einwand. Politische Entscheidungen können
schließlich auch im Nachhinein regulierend wirken.
Warum fällt es uns so schwer, festzuhalten, dass der Kapitalismus,
dessen Beschleunigungstendenzen einen gewaltigen Entwicklungsschub
ausgelöst haben, seine historische Schuldigkeit getan hat?
Die früher in solchen Fällen regelmäßig vorgebrachte
These, dass die Konkurrenz dem menschlichen Charakter innewohnt
und es bei Ausschaltung dieses "natürlichen" Antriebs
zu realsozialistischer Verwahrlosung kommt, mutet heute etwas überholt
an. In den Management-Etagen werden kooperative soft skills höher
geschätzt als das testosterongesteuerte Verhalten von Alpha-Tieren.
Aus unserem eigenen Alltag wissen wir, dass persönliche Bereicherung
keineswegs das zentrale Handlungsmotiv darstellt, sondern es Freischaffenden
viel häufiger darum geht, etwas auszuprobieren. Und bemerkenswert
ist schließlich auch, dass seit 2002 Dutzende von argentinischen
Unternehmen, die von ihren Besitzern in den letzten Jahren geschlossen
werden "mussten", nach einer Besetzung durch die Belegschaft
in Selbstverwaltung wirtschaftlich weiterbetrieben worden sind.
Wenn heute also ausgehandelt wird, was auf den finanzgetriebenen
Kapitalismus folgt, warum setzen wir uns dann nicht zunächst
mit den ideologischen Prämissen auseinander? Rendite, Wachstum,
ja selbst die Schaffung von Arbeitsplätzen besitzen an sich
keinerlei ökonomischen Wert. Das eigentliche Ziel des Haushaltens
ist es, Mittel so einzusetzen, dass eine Gemeinschaft gut leben
und unangenehme Tätigkeiten reduzieren kann. Dafür ist
Innovation, aber kein Wachstum notwendig - dieses kann sogar schädlich
oder, wenn systemische Grenzen erreicht werden, lebensbedrohlich
werden. Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts jedoch bemisst Effizienz
immer noch mit Kennziffern, die Zerstörung systematisch doppelt
registrieren. Die Inwertsetzung öffentlichen Wassers beispielsweise
erhöht das Wachstum von Privatunternehmen und erhöht den
Arbeitszwang für Konsumenten, die mehr Lebenszeit aufwenden
müssen, um das gleiche Gut zu erhalten. Mit Ökonomie hat
das wenig zu tun. Schon eher mit Herrschaft und abstrakter Mathematik.
Welchen Kriterien müsste alternatives Haushalten dann folgen?
Mit jenen Mitteln, die tatsächlich knapp sind - also vor allem
der Natur -, muss sparsam umgegangen werden. Dafür braucht
es Effizienzermittlung und Innovation. Der Realsozialismus hatte
darauf kaum Antworten parat, weil er zentral voraus zu denken versuchte
und jede autonome Korrektur im System die Legitimität der politischen
Führungsgruppe in Frage stellte. Für knappe Güter
(im Übrigen gibt es auch Güter, die nicht knapp sind,
so etwa die intellektuelle Produktion) geht es also weiter um die
Suche nach einer optimalen Allokation. Diese muss - wie es auch
im Kapitalismus gang und gebe ist - sowohl durch Vorausplanung als
auch durch ex post ermittelte Kosten-Nutzen-Rechnungen bestimmt
werden. Kapitalvermehrung ist jedoch kein guter Maßstab für
Ressourceneinsatz. Genauso wenig wie Verdrängung und Existenzangst
ein gesamtwirtschaftlich nützliches Verhalten von Individuen
hervorbringen.
Völlig klar: Das Kapital ist nicht nur scheinbarer Sachzwang,
sondern vor allem ein soziales Verhältnis. Wenn sich Kapital
nicht mehr vermehrt, können Kapitalbesitzer nicht mehr von
Rendite leben. Eine Mehrheitsentscheidung für eine andere Ökonomie
würde das Zwangssystem Kapitalismus deshalb nicht einfach beseitigen.
Eine besitzende Mehrheit wird ihre Vorteile zu verteidigen wissen.
In Anbetracht realer Kräfteverhältnisse wird der sich
abzeichnende Epochenbruch deshalb kaum zum Post-Kapitalismus, sondern
nur zu neuen Akkumulationsregimen führen. Trotzdem ist es sinnvoll,
die Frage nach Alternativen zu stellen. Dass der Wohlfahrtsstaat
fundamentale Verbesserungen mit sich brachte, hatte nicht zuletzt
damit zu tun, dass es im 20. Jahrhundert Alternativen zu geben schien.
Das Fließband geht eben nicht zwangsläufig mit Arbeitsschutz
einher. Es kann auch im 14-Stundentakt laufen. Wenn heute also neue
Modelle der Regulation ausgefochten werden, müssen Linke prinzipiell
andere Maßstäbe ins Gespräch bringen: Diejenigen,
die kein Millionenvermögen besitzen, haben kein prinzipielles
Interesse daran, dass die Produktion wächst oder Deutschland
Exportweltmeister ist. Für uns ist viel wichtiger, dass ökonomische
Entwicklung in Kennziffern der Lebensqualität ausgedrückt
wird - Zugang zu Bildung und Gesundheit, eine unbelastete Umwelt
etc. Für uns ist von Bedeutung, dass politische Regulation
(durch Steuern, Gesetze, direkte Eingriffe und so weiter) jenes
Wirtschaften belohnt, das Kooperation und die Einsparung von knappen
Ressourcen fördert. Das solche Unternehmen unterstützt,
in denen solidarische und demokratische Arbeitsbeziehungen entwickelt
werden.
Sprechen wir also über den ureigensten Sinn von Ökonomie:
über das Verhältnis von Einsatz und gesellschaftlichem
Nutzen. Sprechen wir über Kriterien, die vom Zwang zur Akkumulation
verdeckt werden.
Raul Zelik ist Schriftsteller und lehrt zur Zeit als Gastprofessor
Politikwissenschaften an der Nationaluniversität in Bogota.