Das Feld der Feindschaft
„Linke Mehrheiten“
und der Fall Bolivien - Debattenbeitrag für die Wochenzeitung
Freitag (Oktober 2008)
Die Debatte „Perspektiven der Linken“, die in den letzten
Monaten im Freitag geführt wurde, reflektiert die ganze Rat-
also Perspektivlosigkeit, die wohl ihr Anlass war: Linke? Mehrheiten?
Bürger? Klasse? Aufklärung? Alternativen?
Anders als Engler (5/2008) unterstellt, glaube ich nicht, dass
unser Problem mit mangelnder (Selbst-) Aufklärung zu tun hat.
Selten waren die globalen Verhältnisse in den Augen der Mehrheit
so diskreditiert wie heute. Es liegt ja auch auf der Hand: Die immer
extremere Reichtumskonzentration macht – vom politischen Skandal,
den sie darstellt, einmal abgesehen – auch volkswirtschaftlich
keinen Sinn. Die immer phantastischeren Zyklen von Kapitalvermehrung
und -vernichtung laufen sichtbar auf einen Kollaps der Güterökonomie
zu. Dass Haiti, dessen Bevölkerung kaum für den Klimawandel
verantwortlich gemacht werden kann, in einem Monat von vier verheerenden
Wirbelstürmen heimgesucht wurde, findet wohl auch kaum jemand
‚normal’. Und über den US-Wahlkampf, der sich auf
die Alternative „Krieg in Afghanistan“ oder „Krieg
im Irak, Pakistan und Afghanistan“ zuspitzen lässt, ist
zwar schon fast wieder vergessen, dass die Sicherung der Ölreserven
bereits mehreren Hunderttausenden Irakern das Leben gekostet hat.
Doch ernsthaft verteidigen tut diesen Krieg (außer fanatisch-religiösen
US-Rechten) eigentlich auch niemand.
Die globalen Mehrheiten sind keineswegs ahnungslos. Und es ist auch
nicht so, dass Alternativen unbekannt wären. Schon die Rückkehr
zu einer harmlosen keynesianischen Interventionslogik könnte
grundlegende Probleme – den Irrsinn der Finanzmärkte,
die Unterversorgung öffentlicher Dienste, den Hunger etc. –
deutlich eingrenzen. Wenn es dazu nicht kommt, dann liegt das weder
an mangelnder Aufklärung noch an fehlenden Konzepten.
Es liegt an Machtverhältnissen.
Machtfragen...
Der Glaube, dass politische Entscheidungen von Mehrheiten gefällt
werden, gehört zu den hartnäckigsten Vorstellungen bürgerlichen
Denkens. Dabei hat er mit unseren Alltagserfahrungen wenig zu tun.
Kaum jemand wird in Frage stellen, dass Vermögensbesitzer sehr
viel größere Möglichkeiten haben, sich Recht zu
verschaffen, ihre Meinung (hörbar) kundzutun und politischen
Einfluss zu nehmen. Weder Staat noch Öffentlichkeit sind herrschaftsfreie
Räume. Und dennoch wird es uns täglich gebetsmühlenartig
vorgesprochen: Der Staat ist der Repräsentant des Gemeinwohls,
und wenn Mehrheiten Veränderungen wünschen, dann setzt
die Politik sie auch um.
Die Regulationstheorie hat in Nachfolge von Antonio Gramsci (1891-1937)
und Nicos Poulantzas (1936-1979) den Zusammenhang von Politik, Staat
und kapitalistischer Ökonomie ziemlich plausibel beschrieben.
Die beiden Staatstheoretiker gehen – um dem zuzustimmen, muss
man kein Marxist sein – davon aus, dass die Kapitalakkumulation
nach wie vor Motor und grundlegendes Gesetz gesellschaftlicher Wirklichkeit
ist. Wirtschaftskreisläufe bedürfen jedoch der Stabilität.
Wenn Teile der Bevölkerung ständig protestieren, kann
nicht vernünftig gewirtschaftet werden. Daher entwickeln sich
Mechanismen zur Regulation von Konflikten. Bei Gramsci wird das
als Hegemoniebildung bezeichnet. Es geht darum, in einer –
widersprüchlichen – Gesellschaft der Vorstellung eine
Grundlage zu verleihen, die bestehende Ordnung komme allen zugute.
An einer derartigen Hegemoniebildung sind verschiedenste Diskurse,
Praxen und Akteure beteiligt. Bildungswesen, Medien, die Meta-Erzählung
der Politik – sie alle lehren, dass die Bürger gleich
sind und der Staat allen gleichermaßen zur Verfügung
steht.
Bei dieser Verzerrung von Zusammenhängen handelt es sich jedoch
nicht nur um Ideologie oder „falsches Bewusstsein“,
wie Behrens (13/2008) behauptet. Der Einbindungs- und Gemeinwohldiskurs
hat meistens auch einen realen Anteil. So garantiert der Staat zwar
ein Akkumulationsmodell und damit die Vormachtstellung bestimmter
Gruppen. Soziale Konflikte können sich aber auch in den Staat
einschreiben (zum Beispiel in Form von Arbeitsschutzgesetzen). Der
Staat ist also gleichermaßen ein Akteur in Konflikten und
ein Feld, auf dem diese Konflikte ausgetragen werden. Staatlichkeit
trägt somit immer auch Züge eines Kompromisses, einer
Verfestigung von Kräfteverhältnissen. Sie garantiert im
Ganzen den Fortbestand von Herrschaft, aber nicht alle Staatsfunktionen
dienen herrschaftlichen Interessen.
Anders formuliert ist der Satz also nicht völlig falsch: In
manchen Fällen können auch Mehrheiten politisch gestalten.
Hätten die 2 Millionen Demonstranten gegen die Hartz-IV-Reform
Kräfteverhältnisse verschieben, zum Beispiel Autobahnen,
Gütertransporte und so mit Kapitalakkumulation lahm gelegt,
wäre der Konflikt möglicherweise anders ausgegangen.
Der zweite Mechanismus, durch den Stabilität hergestellt wird,
ist die Formung von Subjektivität. Die „Köpfe und
Herzen der Menschen“ sind heute wie selten zuvor Ziel von
Politik, Macht und Krieg. Dass Massenmedien dabei eine zentrale
Rolle spielen, liegt auf der Hand. Als Individuen werden wir in
einer Intensität und Subtilität mit Glücks-, Leistungs-
und Handlungsbotschaften bombardiert, von der staatssozialistische
Regimes nur träumen konnten. Doch nicht weniger wichtig ist
auch weiterhin die Option der Gewalt. Repression und Hegemonie sind
nicht zu trennen. Repression trägt – wie man in Lateinamerika
noch sehr viel deutlicher beobachten kann – dazu bei, dass
eine existierende Ordnung als vernünftig akzeptiert wird. Mehrheiten
müssen nämlich nicht unbedingt von herrschenden Verhältnissen
überzeugt sein. Es reicht aus, dass ihnen Alternativen als
unrealistisch oder zu kostspielig erscheinen.
Die Filter bürgerlicher Demokratie
Wie man es dreht und wendet, man landet also immer wieder bei Kräftekorrelationen.
Von der vagen Ablehnung der sozialen Verhältnisse durch eine
Mehrheit bis zur realen Transformation sind in der Demokratie (zumindest
so wie wir sie kennen) zahlreiche Filter geschaltet: Eine Bevölkerung
nimmt die Untragbarkeit von Verhältnissen wahr, ist jedoch
der Überzeugung, dass es sich dabei um Sachzwänge handelt.
In einem mühseligen Prozess beginnt eine Gesellschaft, „Sachzwänge“
als Ausdruck eines politisch-ökonomischen Projekts zu kritisieren.
Die parlamentarischen Repräsentationsformen sorgen jedoch dafür,
dass das Projekt fortgesetzt werden kann, obwohl es abgewählt
worden ist (man erinnere sich an Rot-Grün 1998-2005). Die Verweigerung
gegenüber dieser Politik führt möglicherweise zum
Entstehen neuer Bewegungen (z.B. den Globalisierungsprotesten ab
1999). Diese werden jedoch sofort vor die Wahl gestellt, sich Regeln
und Sachzwängen, also Grenzen der Hinterfragbarkeit, zu unterwerfen
oder aber mit harter Repression konfrontiert zu sein (in Teilen
erklärt das, was 2001 in Genua geschah, und warum den Anti-G8-Protesten
2007 in Rostock so massiv die „Gewaltfrage“ aufgeherrscht
wurde).
Trotz dieser Filter ist es dennoch nicht ausgeschlossen, dass
der artikulierte Wille einer Mehrheit in einen Bruch mündet.
Nachdem man jahrelang den Eindruck hatte, die Bedeutung von Wahlen
beschränke sich darauf, welches Personal ein feststehendes
sozio-ökonomisches Programm verwaltet, hat es im letzten Jahrzehnt
zumindest in Lateinamerika überraschende Veränderungen
gegeben. Dafür verantwortlich waren drei miteinander verschränkte
Faktoren: a) Die Krise der Parteien, b) die vom Neoliberalismus
zu verantwortenden soziale Krisen und c) das Auftauchen bis dahin
unsichtbarer gesellschaftlicher Akteure (in Ecuador und Bolivien
der Indigenen, in Venezuela der Bewohner der Armenviertel).
Die vergangenen Wochen in Bolivien haben jedoch erneut bewiesen,
dass – wie Rossana Rossanda bereits 1972 über Chiles
Allende schrieb – die Kontrolle einer Regierung noch lange
nicht gleichbedeutend mit Macht ist. Wie soll man eine reformistische
Transformation einleiten, wenn traditionelle Machtgruppen Medien,
Wirtschaft, Justiz, Polizei und Militär kontrollieren und die
USA – wie vor 35 Jahren – das gesamte Arsenal verdeckter
Destabilisierungspolitik auffahren? Denn auch das ist offensichtlich:
Ein alternatives Projekt hat es nicht nur mit Machtgruppen im eigenen
Land, sondern auch mit globalen Führungsmächten zu tun,
die bislang keine Anstalten machen, den theoretisch eigentlich überholten
klassischen Imperialismus durch zurückhaltendere Formen der
Einwirkung zu ersetzen.
Die Linie Lenin-Carl Schmitt
Für traditionelle Linke liegt das auf der Hand: Es stellt
sich eben immer die Machtfrage. Im 20. Jahrhundert kreiste das linke
Denken kontinuierlich um dieses Problem. Und das Erstarken des Antiimperialismus
in Lateinamerika geht mit einer stillen Renaissance des leninistischen
Machtkonzepts einher.
Doch ich befürchte, dass diese Antwort bereits Teil der Perspektivlosigkeit
ist. Das Dilemma – das einen regelrecht zur Verzweiflung treiben
kann – besteht darin, dass sich die Machtfrage zwar offensichtlich
stellt, aber eine emanzipatorische Bewegung sie kaum annehmen kann,
ohne ihren emanzipatorischen Charakter aufs Spiel zu setzen.
Wenn man den deutschen Rechtsaußen Carl Schmitt liest, wird
einem das deutlich vor Augen geführt. Das Denken Schmitts führt
– zumindest in einer zentralen Frage – erschreckend
nah an Konzepte einer antiimperialistischen, leninistischen Linken
heran. Dass viele deutsche Linke nach 1968 den NS-Kronjuristen mit
so großem Interesse lasen, ist kein Zufall.
Das Problem scheint mir dabei weniger, dass man punktuell mit Schmitts
Liberalismuskritik übereinstimmen mag. (Immerhin ist die Frage
berechtigt, ob sich der bürgerliche Diskurs zu Demokratie und
Völkerrecht in Anbetracht real existierender Verhältnisse
nicht bisweilen als Farce entpuppt.) Wirklich problematisch ist
vielmehr der unbedingte Wille zur Dichotomie, zum großen Gegensatz,
den viele Linke mit Schmitt teilen.
Ohne Feindschaft keine Politik, behauptete der NS-Kronjurist im
schlimmsten seiner Bücher, dem „Konzept des Politischen“
– wobei Feindschaft für Schmitt auch immer die Bereitschaft
zum Krieg einschließt. Ganz so abstoßend ist das Stahlgewitter
bei der Linken zwar nicht. Doch auch hier steht – zumindest
in Leninscher Lesart – eine Klasse erst für sich, wenn
sie den Kampf angenommen hat. Und der Kampf mit einem Gegner, dessen
Macht sich institutionell, kulturell, ökonomisch und militärisch
ausdrückt, bedeutet zwangsläufig auch Konfrontation auf
all diesen Feldern.
Möglicherweise ist das die Crux, die die wachsende Unzufriedenheit
mit den Verhältnissen keinen Ausweg finden lässt. Veränderungen
sind nur möglich, wenn Gegenbewegungen nicht einfach mitspielen
in der Repräsentationsmühle, antagonistische Widersprüche
kenntlich machen und Machtfragen aufwerfen. Damit jedoch zieht,
ob gewollt oder nicht, auch die Schmittsche Feindschaft –
als Grundbegriff jeder Politik – am Horizont herauf. Wer sich
dieser Wahl verweigert, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit.
Man denke nur an die radikalen Aktivisten Michel Foucault und Gilles
Deleuze, die die Praxis des Widerspruchs von einer mannigfaltigen
Praxen der Differenz abgelöst sehen wollten und an die man
sich heute nur noch als Stichwortgeber herrschaftskonformer Diskurs-
und Medientheorien erinnert. Wer die Welt verändern will, ohne
die Macht zu übernehmen, endet als (sympathische) Marginalie
der Politik.
Wer die Machtfrage hingegen annimmt, begibt sich auf das Feld jener
Feindschaft, die den Krieg als Möglichkeit in sich trägt.
Die Wahrscheinlichkeit, auf diesem Feld zu unterliegen, ist hoch.
Doch ein Sieg führt auch nicht viel weiter. Es gibt kein Feld,
auf dem so wenig Platz für Emanzipation ist, wie auf dem Feld
der Feindschaft.
Die Frage mag abstrakt klingen, ist aber durchaus konkret: Wie
geht man mit Herrschaftsverhältnissen um, die mit allen Mitteln
der Feindschaft aufrecht erhalten werden, ohne dabei die Feindschaft
zur Grundlage des eigenen Handelns zu machen? Eine Mehrheit zu sein,
reicht nicht aus – man muss auch Macht- und Gewaltmittel in
der Hand haben, um der Mehrheit Geltung zu verschaffen. Doch wo
führt diese Konfrontation hin?
Bolivien ist heute das demokratischste Projekt in Lateinamerika.
Die Regierung Morales ist aus Basisbewegungen hervorgegangen und
kommt ohne Personenkult aus. Anders als Chávez kann man Morales
nicht begründet vorwerfen, die Öffentlichkeit künstlich
polarisiert zu haben. Doch es scheint, dass die Regierung Morales
genau deshalb heute die größten Schwierigkeiten in Lateinamerika
hat: Mit der rassistisch aufgepeitschten Mittel- und Oberschicht
und ihren Unterstützern in den USA gibt es nichts zu reden.
Zwischen Bedeutungslosigkeit und der Logik der Feindschaft scheint
es keinen emanzipatorischen Platz zu geben. Und wahrscheinlich ist
es ein Privileg, sich nicht für die Feindschaft entscheiden
zu müssen.
Raul Zelik ist Schriftsteller und zur Zeit Gastprofessor für
Politik an der Nationaluniversität in Bogotá (Kolumbien).