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Über Peter zu
Franz

Der
Blickwinkel ist eigenartig: Es wird die Geschichte eines deutschen
Auswanderers erzählt, die davon lebt, dass in ihr ein Mann – der
Vater des Auswanderers – vorkommt, über den man mehr erfahren
möchte. Doch genau diese Person, um die es letztlich geht, glänzt
durch Abwesenheit. Wie ein Schatten bewegt sie sich durch das Buch,
zeigt kurz ihre Konturen und verschwindet dann wieder.
Auch wenn
es anders gedacht gewesen sein mag: Die von Annett Gröschner und
Peter Jung vorgelegte (Auto-)Biografie Peter Jungs lebt in erster
Linie von der Widersprüchlichkeit und dem Facettenreichtum der Figur
Franz Jungs (1888–1963), Peters Vater. Der Schriftsteller, den
Rezensenten gern mit den Klischees „Dadaist“, „Schiffsentführer“ und
„gescheiterter Revolutionär“ charakterisieren, bewegte sich in der
Hälfte des 20. Jahrhunderts wie ein tragischer Vagabund durch das
von Revolten und Kriegen erschütterte Europa. Getrieben von einer
Sehnsucht nach Veränderung, die schließlich in der Zerstörung seiner
selbst und seiner Umwelt mündete.
Deprimierend, aber auch fesselnd und auf eigenartige Weise
konsequent sind seine autobiografischen Schriften. Tief gehend,
düster, kompromisslos. Ganz anders hingegen der Tonfall seines
Sohnes Peter. In ruhiger, sehr entspannter Weise erzählt er die
Familiengeschichte, die einem Melodram gleichgekommen sein muss.
Der 1932
in Berlin geborene Sohn aus Franz’ dritter Ehe verlässt Deutschland
mit den Eltern, beides Journalisten, bereits 1937 als Fünfjähriger.
Der Vater hat wieder einmal Probleme mit der Staatsmacht; diesmal
wird er wegen Kontakten zu einer antifaschistischen
Widerstandsgruppe gesucht. Die Familie landet nach längeren
Zwischenstationen in Wien und Genf schließlich 1940 in Ungarn, wo
die mit Nazi-Deutschland alliierte Regierung Admiral Horthys
innenpolitisch etwas lockerer agiert. Franz Jung schlägt sich als
Wirtschaftskorrespondent durch – eine Tätigkeit, die er in
finanziellen Notsituationen immer wieder ausübt und später als
großes Hindernis für seine literarische Entwicklung bezeichnen wird.
Noch
bevor Ungarn 1944 von deutschen Truppen besetzt wird, zerbricht die
Familie. Der Vater beginnt eine Beziehung mit einer Tänzerin, löst
sich auf die für ihn charakteristische, gefühllos wirkende Weise von
seiner Frau Harriet und sucht, wie es scheint, sogar einen neuen
Lebensgefährten für Peters Mutter. Als die Rote Armee vor Budapest
steht, setzt sich Harriet mit dem Sohn Richtung Deutschland ab. Ohne
den Familienvater beginnen die beiden in Bad Nauheim ein neues
Leben. Franz Jung hingegen, der auch unter sowjetischer Herrschaft
mit Verfolgung rechnen muss, taucht unter und schlägt sich nach
Italien durch. Erst 1947 findet er mithilfe seiner Ex-Frau Cläre die
von ihm verlassene Familie wieder. Es bleibt bei postalischer
Korrespondenz. Franz Jung geht wenig später in die USA, wohin ihm
sein Sohn im Sommer 1949 nachfolgt. Die Familie, die nie richtig
eine war, erlebt eine neue Trennung – diesmal eine endgültige. Die
mittlerweile von Franz geschiedene Harriet erhält kein
Einreisevisum, bleibt in Bad Nauheim und stirbt ein halbes Jahr nach
Peters Abreise.
Sohn und
Vater beginnen in New York eine neue Existenz. Während Franz den
düsteren „Weg nach unten“ beschreitet, der ihn schließlich zurück
nach Europa führen und ihm dort einen einsamen Tod bescheren wird,
schlägt Peter die entgegengesetzte Richtung ein. Das mittellose
Einwandererkind arbeitet sich hinauf. Schon als Schüler jobbt er
während der Ferien; er erkämpft sich ein Stipendium, gehört auch an
der Universität zu den Besten und schafft es schließlich bis ins
Management des Erdölkonzerns Esso.
Der
Verlag Edition Nautilus betont zwar, dass man „Ein Koffer aus
Eselshaut“ als von der Franz-Jung-Gesamtausgabe unabhängiges Projekt
betrachte, doch ganz überzeugen will die Aussage nicht. Worüber man
im Buch auch liest – ob nun über die Jahre, als die Familie Jung
noch vereint in Budapest lebt, oder über Peters Existenzgründung im
texanischen Houston –, ständig sucht man Informationen, die etwas
über den Vater erzählen. Dessen Handlungen, Überzeugungen und
Schaffen bleiben jedoch eigenartig blass. Der Sohn hebt es selbst
mehrfach hervor: Er wisse über seinen Vater weniger als viele von
dessen Biografen. Einige familiäre Begebenheiten hätten sich ihm
erst erschlossen, als er die verschworene literarische
Anhängerschaft seines Vaters 1995 auf einem Symposium kennen gelernt
habe.
Franz
Jung wandelt offensichtlich nicht nur durchs Buch wie ein Schatten,
er tat es offensichtlich auch in der eigenen Familie. Auf der
Strecke blieb so etwas wie Nähe und Fassbarkeit. Der Revolutionär
Franz Jung, der die Welt und Leben verändern wollte und in so vieler
Hinsicht mit den bürgerlichen Konventionen radikal brach, verhielt
sich seinen Mitmenschen gegenüber wie ein Fremder. Insofern ist die
eigentümliche Perspektive von „Ein Koffer aus Eselshaut“ durchaus
schlüssig gewählt. Die Leerstellen erzählen über den Abwesenden
mehr, als explizites Reden es je könnte. Die Reisenotizen Annett
Gröschners verstärken diesen Eindruck noch. Die Berliner
Schriftstellerin wandelt auf den Spuren der Jungs, besichtigt Orte,
sucht Zeitzeugen auf. Dabei wählt sie eine Erzählform, in der es
weniger um Biografisches im Eigentlichen geht als um Räume und
Szenarien. Die Intercity-Fahrt auf einer Strecke, über die die Jungs
nach Budapest kamen; der Spaziergang am Pier 84 in New York. Man
erfährt durchaus, dass Vater und Sohn hier 1949 wieder
zusammengekommen sind, und doch sind die Notizen Gröschners so, dass
nie jene falsche Authentizität behauptet wird, mit der das
biografische Schreiben „Wahrheit“ zu konstruieren versucht.
Dass „Ein
Koffer aus Eselshaut“ im letzten Drittel schließlich doch nicht
völlig überzeugt, hat mit dem Grundproblem zu tun. Die Biografie des
Sohnes trägt nicht allein. Man interessiert sich eben doch mehr für
den Vater. Für dessen Einsamkeit in den letzten Jahren, sein
Bekenntnis des Scheiterns, seine Sprachlosigkeit. Man liest zwar
davon in den Briefen zwischen Vater und Sohn, aber die
Hoffnungslosigkeit Franz Jungs erschließt sich einem daraus nicht
wirklich. Und so hat man als Leser das Gefühl, sich am falschen
Schauplatz zu befinden; der falschen Geschichte zu folgen.
Man mag
viele Einwände gegen den Revolutionär und Schriftsteller (vom
Mitmenschen ganz zu schweigen) Franz Jung vorbringen können; seine
Geschichte fasziniert einen. Auf diese Weise sorgt die
(Auto-)Biografie des Sohnes vor allem für eins: Neugier auf die
Geschichte des Vaters. Gut möglich, dass man im Verlag letztlich
genau das im Kopf gehabt hat.
Raul
Zelik
Annett
Gröschner / Peter Jung: Ein Koffer aus Eselshaut. Berlin – Budapest
– New York, Edition Nautilus 2004
Franz
Jung: Der Weg nach unten, Edition Nautilus 2000

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