Kampfsubjektivität - Über Emsdetten, Apocalypse Now und
das Wesen der Pädagogik
Zu Emsdetten ist gesagt worden, was zu erwarten war:
Die Protagonisten inhaltlicher und ethischer Leere haben die inhaltliche
und ethische Leere beklagt, die in den Jugendzimmern der Republik
Einzug gehalten habe. Talkshow- Moderatoren, denen keine Quote zu
„super“ sein kann, haben die Kritik der Kulturindustrie
für sich entdeckt und nach Grenzen für das Unterhaltungskapital
verlangt. Und die „Sicherheitspolitiker“ um Beckstein,
Stoiber und Co haben auf die Gewalt mit dem Ruf nach mehr Gewalt reagiert:
schärfere Kontrollen, härteres Vorgehen, präventive
Zugriffsmöglichkeiten auf potenzielle Straftäter.
Einig war sich der Fernseh- und Feuilleton-Talk schnell darüber,
dass an dem theatralisch inszenierten Durchdrehen von jungen Männern,
wie es nach Erfurt nun auch in Emsdetten zu beobachten war, das schuld
ist, was in der Freizeit der Jugendlichen geschieht – in einem
Raum, der pädagogisch nicht mehr ausreichend erfasst ist. Das
sozialkritischste Argument dieser Tage war denn auch, dass sich im
Amoklauf von Emsdetten das Scheitern der Schule manifestiere: Die
Pädagogik erreiche die Jugendlichen nicht mehr.
Was aber wäre, wenn es sich genau anders herum verhält?
Wenn in gewisser Hinsicht genau das Gelingen eines pädagogischen
Konzepts den Ereignissen von Erfurt oder Emsdetten den Boden bereitet?
In Deutschland sollte es einen grundsätzlich misstrauisch
stimmen, wenn gegen das ruchlose, blutrünstige, monströse
Bild zu Felde gezogen wird. Der Nationalsozialismus hat bekanntermaßen
ein regelrechtes Bilderverbot gegen Darstellungen des Abgründigen
und Ekelhaften verhängt, ohne dass das der Bereitschaft seiner
Bürger zu foltern und zu töten einen Abbruch getan hätte.
Es war im Gegenteil sogar so, dass die Fähigkeit zur Gewaltausübung
mit einer Ästhetik des Reinen, „Schönen“ und
Eindeutigen verschränkt war.
Insofern sind Bilderkonsum und Gewalt, Videospiele und bewaffnete
Amokläufe eben nicht in der Form miteinander verbunden, wie Jugendsoziologen,
Journalisten und Küchenpsychologie dieser Tage behaupten. Interessanter
wäre es, sich das anzuschauen, worüber nicht gesprochen
wird, weil es als völlig normal erscheint. Ein Dokumentarfilm
über sich bei einem Consulting-Unternehmen bewerbende BWL-Diplomanden,
der in der vergangenen Woche parallel zu mehreren Die-Jugend-muss-gerettet-werden-Talkshows
gezeigt wurde, könnte als Beispiel dafür dienen. Der Film
war unaufgeregt erzählt, die Äußerungen der Protagonisten
blieben unkommentiert. Ein Studiumsabsolvent saß mit den Eltern
in einem Familienwohnzimmer und sprach von den Anforderungen des Arbeitsmarkts.
Der Vater stellte – durchaus ein gewisses Bedauern erkennen
lassend – fest, dass sich die Situation in den Unternehmen verändert
habe. Die Konkurrenz sei größer geworden, auch zwischen
den Mitarbeitern, und sein Sohn, Mitte 20, fügte hinzu, dass
man nun härter angreifen müsse. In einem weiteren Interview
äußerte ein anderer Vater, die Ehefrau signalisierte nickend
Zustimmung, dass das ganze Leben ein Kampf sei – was er für
nichts Schlechtes halte. Genau das wolle doch die menschliche Natur,
das stete Ringen mit sich und den anderen. Der BWL-Diplomand ergänzte,
offensichtlich unmittelbar nach dem Bewerbungsgespräch, dass
er sich, falls ihn die Arbeit überfordern sollte, fragen müsse,
ob er an dieser Stelle richtig sei. Eine andere Bewerberin –
potenzielle Teamkollegin und Konkurrentin – zeigte sich zunächst
im Wellness-Bereich eines Hotels. Mit ein paar Bahnen im Schwimmbecken
bereitete sie ihren Körper auf die Belastungen des bevorstehenden
Arbeitstages vor. Im Hotelzimmer wenig später erklärte die
junge Frau, sie habe es immer schon geliebt, wenn etwas los sei. Genau
das schätze sie an ihrem – potenziellen – Arbeitgeber.
Hier werde man nie in Ruhe gelassen, täglich vor neue Aufgaben
gestellt, habe ständig etwas zu erledigen. Es klang, als werde
– nach erfolgreich vollzogener Gehirnwäsche – ein
Körper-Seele-Paket zum Verkauf feilgeboten.
Diese Bemerkungen sind deswegen so bemerkenswert, weil sie deutlich
machen, was sich in den letzten Jahren im Alltagsverstand durchgesetzt
hat: Die Gesellschaft gilt als Kampfzusammenhang und das Individuum
als konkurrentes Subjekt, das sich in einem lebenslangen Wettbewerb
zu behaupten hat, sich geistig und körperlich permanent fit machen
muss, ja mehr noch: sich fit machen will. Mark Terkessidis und Tom
Holert haben 2002 in ihrem Buch „Entsichert“ die These
aufgestellt, in der deutschen Gesellschaft bilde sich so etwas wie
eine neoliberale Kriegsidentität heraus. Einhergehend mit den
neuen Auslandseinsätzen der Bundeswehr würden militärische
Codes und Selbstwahrnehmungen die Subjektivität der Einzelnen
durchdringen. Bei Terkessidis / Holert findet diese Mobilmachung keineswegs
gradlinig statt. Nicht das rechtskonservative Stahlhelmgehabe sei
in erster Linie für die Entwicklung verantwortlich, die Kampfidentitäten
würden sich vielmehr besonders in den Aussteigergeschichten und
sub- / popkulturellen Differenzierungsgesten entwickeln. Als Beispiel
für diese nicht sofort einleuchtende These ziehen die Autoren
den Film „Apocalypse Now“ von Francis Coppola heran. Sie
behaupten, der Film, normalerweise als Manifest gegen den Vietnam-Krieg
interpretiert, habe die Hippie-Generation mit der Army ausgesöhnt
und ein neues Bild des Soldatischen hervorgebracht. Zur Erinnerung:
Im Mittelpunkt des Coppola-Films stehen zwei Einzelkämpfer: Captain
Willard (Martin Sheen) wird von der US Army damit beauftragt, sich
allein zu Colonel Kurtz (Marlon Brando) durchzuschlagen und den offensichtlich
verrückt gewordenen General Kurtz, der sich im kambodschanischen
Hinterland ein Privatimperium aufgebaut hat, unauffällig zu eliminieren.
Der Auftrag führt Captain Willard immer tiefer hinein in eine
knallig-psychedelische Welt im südostasiatischen Dschungel. In
dieser Reise, so Terkessidis / Holert, manifestiert sich ein Prototyp
neoliberaler Selbstwahrnehmung: Der Einzelne befindet sich in einer
exotisch feindlichen Umgebung, das Überleben wird zum Egotrip,
der Krieger zum Individualisten und umgekehrt, der Kampf zum Erlebnis.
Man kann einwenden, dass Terkessidis / Holert ihrer Hauptthese von
der neoliberalen Militarisierung allzu viel unterzuordnen versuchen.
Richtig bleibt allerdings, dass es hinsichtlich der Einzelkämpfergeschichten,
die jeder nach 1965 geborene Mensch irgendwie in die eigene Weltwahrnehmung
integriert hat, eine Verbindungslinie zwischen dem Soldaten Willard,
dem Amokläufer vom Emsdetten und den erwähnten BWL-Diplomanden
gibt. Sie alle bewegen sich in einem feindlichen Dschungel, ihre Dauerkonfrontation
scheint erlebnisförmig aufgewertet.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich eine Gesellschaft,
die ihren Mitgliedern ständig von individueller Kampfbereitschaft
erzählt und diese sogar von ihnen einfordert, darüber wundern
darf, wenn sich die Kampfsubjektivität dann auch in allen Varianten
entfaltet?
Doch was hat das, wie am Anfang des Textes behauptet,
mit Schule und Erziehung zu tun? Man kann zunächst einmal daran
erinnern, dass die Pädagogik als ‚Disziplinierungswissenschaft’
entstanden ist – ein Gefüge von Diskursen, die die systematische
Formung von Kindern und Menschen thematisieren. In ihr findet eine
Normierung statt – ein Prozess, der gleichzeitig Individualisierung
und Totalisierung bedeutet. Menschen werden (ähnlich wie im Justizsystem,
im Krankenhaus oder der Psychiatrie) in einen Gesamtzusammenhang gestellt,
eine gesellschaftliche Norm von Leben, Gesundheit, Gefügigkeit
etc. formuliert, gleichzeitig jedoch wird eine Vielzahl von Differenzierungen
vollzogen. Die Aufgabe des Lehrers in der bürgerlichen Schule
besteht wesentlich darin, die Fähigkeiten des Kindes anhand einer
Norm zu bewerten und auf diese Weise zu ökonomisieren. Er forscht
nach Eigenschaften gesucht, die wirtschaftlich nutzbar sind oder –
wie es neudeutsch heißt – ‚einem auf dem Arbeitsmarkt
weiterhelfen’. Doch die Schule ist nicht nur ein Ort, wo sortiert
und kategorisiert wird, intellektuelles von handwerklichem Geschick,
naturwissenschaftliches Denkvermögen von ‚Leitungsqualitäten’
unterschieden werden. Noch viel stärker ist die Schule ein Ort
der Subjektbildung.
In dieser Hinsicht ist die Pädagogik die biopolitische Wissenschaft
überhaupt. In dem Maße, indem sie sich die systematische
Bildung von ökonomisch handelnden Akteuren zum Ziel setzt, verwandelt
sie das Leben in ein Objekt von staatlicher Lenkung. Foucault hat
sich in den 1970er Jahren verstärkt mit dieser produktiven Seite
von Macht beschäftigt. Während man mit dem Begriff der Disziplinierung
v.a. das Unterbinden bestimmter Handlungen assoziiert (den Einzelnen
wird beigebracht, Wünsche und Handlungen zu unterdrücken
und sich der Ordnung in einer Armee, einer Fabrik, einer Schulklasse
zu unterwerfen), will die Subjektbildung, wie sie von der Erziehung
formuliert wird, aktives Verhalten hervorbringen. Die Individuen werden
geschult, sich in einer bestimmten Weise wahrzunehmen, und zu spezifischen
Handlungen animiert; „gute“ Regierungspolitik ist in dieser
Hinsicht immer auch ein pädagogisches Projekt. Arbeitslose sollen
aktiviert werden, sich selbst weiterzubilden und um Jobs zu kümmern,
Kinder Spaß an Leistungsbereitschaft und Teamfähigkeit
entwickeln, die Einzelnen sich als unternehmerische Subjekte, ihre
Körper als Kapital, ihr Leben als Ich-AG begreifen. Foucaults
Begriff ‚Gouvernementalität’ meint genau das: Die
Kunst der Lenkung, das Vermögen, Menschen als handelnde Subjekte
zu aktivieren.
In diesem Sinne erzeugt die Gesellschaft, in der wir leben, einen
stetigen Appell, sich zu messen, als Individuum zu behaupten, zu konkurrieren,
trotzdem teamfähig zu bleiben und zu kämpfen. Selbstverständlich
soll mit diesen Aktivierungsdiskursen kein Krieg in der Gesellschaft
ausgelöst werden und doch wirken sie aggressiv, weil sie den
Druck der Konkurrenz weit ins Individuum hinein vorantreiben.
Dass junge Männer sich daraufhin bewaffnen und um sich schießen,
ist selbstverständlich trotzdem nicht zwangsläufig. Kampfdiskurse
zwingen niemanden, seine Mitmenschen zu anzugreifen – auch nicht,
wenn man sich an Ansprüchen gescheitert fühlt. Wie sich
gesellschaftlicher Dauerstress beim Einzelnen artikuliert, ob man
ihn sich als konstituierenden Moment von Subjektivität zueigen
macht oder als Motiv der Rebellion begreift, ob er sich in Aggressionen
gegen Mitmenschen niederschlägt, eher selbstzerstörerisch
äußert, sozial gewendet oder einfach ignoriert wird –
das ist individuell verschieden und zu verantworten. Und dennoch ist
eigenartig, dass nach Emsdetten darüber nicht gesprochen worden
ist. Der Wunsch, die Schule zu zerstören, könnte mit der
Einrichtung Schule selbst zu tun. Nicht minder plausibel als über
das Verbot von Ego-Shooter-Spielen, könnte man über die
Abschaffung einer Normierungs- und Aktivierungsinstanz diskutieren.
In gewisser Hinsicht hat sich die Gewalt, die der Schule strukturell
innewohnt, im Amoklauf von Emsdetten auf ekelhafte Weise ausgedrückt
und fortgesetzt.
Raul Zelik