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BRIEF AN DEN AUTOR
mit Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe über Drastik
und Deutlichkeit hast Du unlängst einen ungewöhnlichen Briefroman
veröffentlicht. Da bietet es sich an - die Korrespondenz ist zwar an eine
unerwiderte Jugendliebe namens Sonja gerichtet, aber als Leser schlüpft
man ja gewissermaßen in die Rolle einer Kollektiv-Sonja -, Dein Buch auch
in Form eines Briefs zu besprechen.
Vorneweg ein Kompliment: Dein
Roman erinnert in mancher Hinsicht an Thomas Meinecke. Wie er zuletzt in
Hellblau (2001) oder Musik (2004) entwickelst auch Du in
Die salzweißen Augen eine Art gesampletes Schreiben. Du
verbindest das Sprechen über drastische Kultur - Heavy Metal, Horrorfilme,
Pornos - mit der bewusst ins Peinliche changierenden Erzählung einer
Jugendzeit, der Reflexion kritischer Theorie und kulturwissenschaftlichen
Fragmenten. Ich finde das sehr überzeugend. Wenn es stimmt, dass
politischer Diskurs und Theorie auch Narrationen sind, dann ist es
umgekehrt richtig, literarisches Erzählen politisch, theoretisch und
diskursiv werden zu lassen.
Das Vermischen von Stücken und
Tonlagen hat bei Dir einen grundlegend anderen Sound als bei DJ Meinecke.
Elektronische Musik und was man damit an Konzepten assoziiert, ist Dein
Ding offensichtlich nicht. Im Buchladen bei uns um die Ecke kolportiert
man sich, Du würdest Deinen ernormen Textausstoß - diesmal bist Du
ausnahmsweise einmal deutlich unter 500 Seiten geblieben - ausschließlich
unter Einwirkung harter, lauter Gitarrenmusik produzieren. Lustigerweise
schlägt sich das in einem Feuilleton-Deutsch nieder, das in seiner
präzisen Strenge durchaus als Hardcore bezeichnet werden kann - nicht weil
es "heftig" zu lesen wäre, sondern weil es sich durch eine ordentliche
Portion Purismus auszeichnet.
Du bist ein großer Schreiber,
trotzdem habe ich aber ein paar grundsätzliche Fragen an Dein Buch, die
allesamt inhaltlich sind. Natürlich erzählt Die salzweißen Augen
auch ganz einfach eine in ihrer Peinlichkeit drastische Jugend und Deine
Geschichte mit Sonja. Doch weil die Passagen zu Musik, Ästhetik, Form,
Politik und - natürlich! - Drastik stärker in Erinnerung bleiben, würde
ich behaupten, dass es eigentlich mehr um diese Überlegungen als um Sonja
geht.
Du schreibst, es gehe Dir um Drastik; um "unpopuläre
Massenkultur", jene "absichtlich besonders schlecht ausgeleuchteten,
peinlichen und fiesen Winkel ..., wo schlechter Geschmack, schäbige
Produktionsbedingungen, extreme Oberflächlichkeit ... Drogenmissbrauch,
Prostitution und Psychopathologie einander die Hände zu einem Reigen
reichen". Eine Verteidigungsschrift für Heavy-Metal-Bands und Pornos
willst du nicht verfasst haben, aber irgendwie durchzieht eine derartige
Argumentation Dein Buch dann doch. Immer wieder berichtest Du, wie Du Dich
erst in der Schule, dann in der Musikzeitschrift Spex, der Du
zeitweise als Chefredakteur vorstandest, und heute schließlich als
Wissenschaftsredakteur der FAZ für Deinen Geschmack rechtfertigen
musstest. Man hat das, bemerkst Du an einer Stelle durchaus beleidigt, nie
ernst genommen. Bis dahin kann ich folgen: Es ist nicht blöder, Iron
Maiden zu hören als neue elektronische Musik, über Splatter kann man so
intelligent oder dumm sprechen wie über Godard.
Von da jedoch
schlägst Du eine weite Brücke. Du sprichst zunächst von einer Analogie
zwischen Drastik und Aufklärung. In Horror- und Pornofilmen sehe man, dass
Dinge Folgen haben - nach einem Unfall steckt eine Glasscheibe im Auge,
Sex führt zu Samenerguss. Insofern sei Drastik, so Deine Argumentation,
eine Ästhetik der Vernunft: kausale Verknüpfungen würden gezeigt: "Dass
Drastik auf diesem verqueren Weg an das Versprechen der Aufklärung
erinnert, man könne den Dingen ins Augen sehen, wie sie sind, ist ihre
erhebende Seite und die Quelle des ästhetischen Genusses ihrer besseren
Produkte". Auch dieser These kann ich folgen. Doch dann begibst Du Dich
auf einen wahren Parforceritt. Du behauptest, dass es vor allem die
Antimodernen seien, die die Drastik - aus ziemlich dummen Gründen -
ablehnten. Mit diesem Vorwurf scheint ein breiter Kreis gemeint zu sein:
von alten Spex-Kollegen und FAZ-Vorgesetzten bis hin zu
Adorno/Horkheimer, Michel Foucault, Deleuze/ Guattari und Judith Butler.
Du bezeichnest sie als antiaufklärerische Antiintellektuelle.
Dagegen mimst Du den Streiter für die Moderne. Du behauptest, dass
jeder, der "hinter die große Industrie zurück möchte, grausam und dumm"
sei, weil erst die Massenproduktion ein Wohlsein der Menschen ermögliche.
Du wirfst den Kritikern des Staatlichkeitsapologeten Thomas Hobbes
Esoterik vor, lässt über Foucault und Deleuze den Satz fallen, sie seien
obskurantistisch, und klagst schließlich - schon wieder etwas beleidigt -,
ein Verteidiger der Aufklärung mache sich heute "entschieden unbeliebt".
Natürlich sollte der Begriff der Entwicklung gegen romantische
Sentimentalitäten verteidigt werden - ganz in dem Sinne, dass links ein
Synonym für prozessual und rechts für Fixierung ist, wie der neue
Documenta-Kurator Roger Buergel unlängst in einem Interview (Felix
Guattari zitierend) gesagt hat. Aber wie Du von da auf den Gedanken
kommst, Foucault und andere seien reaktionär, wenn sie die Repressivität
von Aufklärung und Liberalismus entschlüsseln, ist mir wirklich
schleierhaft.
In den Passagen, in denen Du Dich darauf beziehst,
steckt so viel Verve, ja fast schon Verachtung, dass ich mich frage, ob
hier nicht ein eigenartiger Kurzschluss stattgefunden hat. Für mich liest
sich die Verteidigungsschrift von Moderne und Aufklärung wie ein Rückfall
in jene unsägliche Zeit, als Linke auf esoterischste Weise an den
objektiven historischen Ablauf der Dinge glaubten: erst Feudalismus, dann
bürgerliche Gesellschaft, industrieller Sprung und schließlich geordneter
Einmarsch in die sozialistische Weltgesellschaft. Viel Vergnügen!
Wenn Du schreibst, Du wärst nicht gern Frau in Afghanistan und
lebtest nicht gern im Mittelalter, affirmierst Du mit dieser allgemein
durchgesetzten, aber trotzdem blödsinnigen Gleichsetzung den ganzen
geschichtsdeterministischen europäischen Herrschaftsmüll: Hier ist die
Mitte, der Rand muss modernisiert werden. Als wäre Afghanistan in 40
Jahren international geführten Kriegs nicht überaus erfolgreich
modernisiert worden. Als wäre Frauenunterdrückung das Mittelalter und
nicht - ebenso wie MTV und Internet-Cafés - das entfaltete 21.
Jahrhundert.
Die Taliban sind eben nicht nur, wie Du behauptest,
Ausdruck gescheiterter Aufklärung, sondern auch Produkt ganz real
materialisierter Vernunft. Ohne Informations-, Geheimdienst-, Verkehrs-
oder Waffentechnologien, die es ohne Aufklärung nicht geben könnte, sähe
es in der Welt und in Afghanistan anders aus - ob besser oder schlechter,
weiß ich nicht zu sagen. Genau das macht die Widersprüchlichkeit des
Zivilisatorischen ja aus. Industrie bringt nicht nur preiswerte Jeans für
uns hervor, sondern auch Sklavenarbeit in Peking und Djakarta. Und noch
allgemeiner: Weder Wissenschaft noch Technik können neutral sein, ständig
werden Herrschaftsverhältnisse in sie neu eingeschrieben. Das Fließband
etwa wurde nicht erfunden, weil es effizienter ist, sondern um die
Handlungsabläufe der Arbeiter besser kontrollieren und unterwerfen zu
können. Die Suche nach der Vernunft hatte nie nur die Emanzipation aus der
Unmündigkeit zum Ziel, sondern produzierte in konkreten Verhältnissen auch
immer Herrschaft mit. Genau der Irrsinn dieses inneren Risses ist es, der
die Kritik von Aufklärung und Vernunft, ob nun vorsichtig wie bei Adorno
oder radikaler wie bei Foucault und Deleuze, so lesenswert macht.
Wahrscheinlich kennst Du diese Argumente besser als ich. Man kann
ihnen, je nach Folie, die man heranzieht - freischwebende Berliner
Nischenexistenz oder das Leben in der Favela von São Paulo - sicherlich
unterschiedliche Bedeutung beimessen. In Zeiten jedoch, in denen viele
junge Linke in Deutschland vom globalen Süden (von Urlaubsdörfern einmal
abgesehen) nichts mehr wissen wollen, die zivilisatorische Wirkung von
US-Kriegen preisen und keine Ahnung davon haben, dass es jenseits
esoterischer Ökobewegung auch eine linke Determinismus- und Technikkritik
gab, finde ich es ärgerlich, wenn etwas in so überflüssiger Weise
vereinfacht und zurecht gelegt wird.
Abgesehen davon, lieber
Dietmar Dath: große Schreibe, gutes Buch!
Dietmar Dath: Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe zur
Drastik und Deutlichkeit. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005,
224 S., 19, 80 EUR |