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23.03.04 11:08
Schönes
Leben, neu aufgelegt
![]() Von RAUL ZELIK
Keine
schlechte Idee, dass man das Motto aus den italienischen
Arbeitskämpfen für Proteste im öffentlichen Nahverkehr und vor
teurer gewordenen Schwimmbädern wieder entdeckt hat.
Nanni Balestrini: Wir wollen alles, Assoziation A
Verlag 2003
Manche literarische
Stilmittel geraten mit der Zeit derart außer Gebrauch, dass
sie sich einem als Leser einige Jahre später kaum noch
erschließen. Z. B. das des kollektiven Erzählers. Eines Ichs,
das nicht nur für einen einzelnen Protagonisten steht, sondern
für ein ganzes Massensubjekt und damit die allgemein übliche
Konstruktion von Realität grundsätzlich in Frage stellt.
Der 1971 erstveröffentlichte und von Peter Chotjewitz ein
Jahr später ins Deutsche übertragene Roman von Nanni
Balestrini Wir wollen alles ist aus dieser Perspektive
geschrieben und erzählt von den Brüchen, die Italien Ende der
1960er Jahre erschüttern. Junge italienische Arbeitsmigranten
erzählen ihre Geschichten über Verweigerung und Streiks und
verschmelzen dabei zu einer einzigen Person. Gemeinsam mit
den Büchern Die Unsichtbaren (das die 1977er Jugend- und
Kulturrevolte zum Thema hat) und Der Verleger, in dem
Balestrini die Freundschaft zu seinem Verleger Federico
Feltrinelli aufarbeitet (der sich 1973 bei einem Anschlag
selbst in die Luft sprengt), bildet Wir wollen alles eine
Trilogie über den – wie es in Italien emphatisch heißt –
Kampfzyklus zwischen 1969 und 1980. Doch anders als man
nach diesen Hinweisen vielleicht vermuten könnte, ist
Balestrini kein in erster Linie politisch motivierter Autor.
Der 1935 geborene Mailänder gehört vielmehr zu jenen rar
gesäten Schriftstellern, die Position, Inhalt und Form
gleichermaßen berücksichtigen. Als Neo-Avantgardist frühzeitig
auf Distanz zu den „politischen“, das hieß damals: der
Kommunistischen Partei nahe stehenden Schriftstellern
Nachkriegsitaliens gegangen, schrieb er in den 60er Jahren
überwiegend Lyrik und beschäftigte sich mit Fluxus und
Techniken der Sprachzertrümmerung. Mit den neuen Bewegungen ab
1969 öffnete sich für ihn eine Tür zur direkten Erzählung,
denn der gesellschaftliche Aufbruch brachte, wie Balestrini
sagt, auch eine neue, unverbrauchte Sprache hervor. Balestrini
begann, die Berichte von Aktivisten zu protokollieren – eine
Technik, an der er auch nach der Trilogie, etwa in dem
Fußball-Buch Die Furiosi festgehalten hat. In Wir Wollen Alles
fällt diese literarische Form vergleichsweise ‚realistisch’
aus; in seinen Romanen der 80er Jahre ist der Umgang mit der
Prosa deutlich experimenteller und deshalb auch aufregender.
Doch als historisches Dokument ist Vogliamo Tutto dennoch ein
in sich schlüssiges und powervolles Buch. Eine ganze
Generation widersetzt sich der Arbeit und realisiert den
Sprung ins Utopische: die unmittelbare Aneignung des Lebens.
Keine schlechte Idee, dass manche Studenten das Motto aus den
italienischen Arbeitskämpfen zuletzt für Proteste im
öffentlichen Nahverkehr und vor teurer gewordenen
Schwimmbädern wieder entdeckt haben. Wir wollen alles – und
zwar umsonst, sofort und für alle.
Nanni Balestrini:
Wir wollen alles, Assoziation A Verlag 2003, ISBN
3-935936-20-3, 12 Euro
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