Auch wenn der War on Terror dem Krieg gegen die Drogen in den letzten
Jahren den Rang abgelaufen hat, zählt die Drogenbekämpfung
nach wie vor zu den zentralen Paradigmen der US-Außenpolitik.
Allein Kolumbien hat seit 1998 in diesem Zusammenhang 500 Millionen
US-Dollar Militärhilfe jährlich erhalten. Bei derart massiven
Anstrengungen sollten sich eigentlich Resultate vorweisen lassen.
Und tatsächlich wurde bislang angenommen, dass der Drogenexport
Kolumbiens gegenüber den Boomzeiten in den 1980er Jahren stark
an Bedeutung verloren hat. Schätzungen gingen von 1 bis 2 Milliarden
US-Dollar Einnahmen jährlich aus – weniger als 1 Prozent
des Bruttoinlandsprodukts. Vor wenigen Wochen jedoch wurden neue
und gänzlich andere Zahlen genannt. Der in die USA ausgelieferte
Paramilitär-Kommandant Salvatore Mancuso erklärte, seine
Organisation habe die Drogeneinnahmen des Landes mit 7 Milliarden
US-Dollar mehr als dreimal so hoch veranschlagt.
Der Mann muss es wissen. Die rechten AUC-Milizen – die von
staatlichen Behörden, Großgrundbesitzern, aber auch ausländischen
Unternehmen wie Chiquita bei der Verfolgung mutmaßlicher Guerillasympathisanten
lange Zeit tatkräftig unterstützt wurden – haben
sich seit ihrer Demobilisierung als wichtigster Drogenhandelsring
Kolumbiens entpuppt. Oder wie der kolumbianische Sozialwissenschaftler
Gustavo Duncán es formuliert hat: „Nicht alle Narcos
waren Paramilitärs, aber alle Paramilitärs waren Narcos.“
Oppositionsbekämpfung, die bewaffnete Kontrolle von Territorien
und Drogenproduktion waren in Kolumbien in den vergangenen 25 Jahren
untrennbar miteinander verknüpft. Die – staatlich zumindest
tolerierten – AUC kontrollierten die wichtigsten Handelsrouten
und kassierten Prozente bei den beiden anderen großen Kartellen
Valle und Norte del Valle.
Das kolumbianische Drogenphänomen birgt eine ganze Reihe Überraschungen.
Erstaunlich ist beispielsweise auch die differenzierte Haltung mancher
Kokapflanzer. So gab der regionale Kleinbauernverband ADUC unlängst
bekannt, dass man im Department Arauca mit der manuellen Zerstörung
von Kokafeldern begonnen habe. 3500 Hektar seien bereits beseitigt
worden. Die Bauern verfolgen das Substitutionsprojekt, obwohl sie
weder von der Uribe-Regierung (die den Bauernverband ADUC kriminalisiert)
noch von NGOs unterstützt werden und obwohl Koka die einzig
einträgliche Einkommensquelle für sie darstellt. Ihre
Haltung begründen sie damit, dass der Drogenanbau örtliche
Sozialstrukturen zersetze und staatliche Repression legitimiere.
In Angriff konnten sie ihr Programm allerdings erst nehmen, nachdem
die FARC-Guerilla von einer anderen Rebellenorganisation, der ELN,
aus der Region vertrieben worden war. Denn die FARC – Kriegsgegner
der rechten Paramilitärs – fördern den Drogenanbau,
um ihn zu besteuern.
Auch auf Regierungsebene stellt sich das Drogenphänomen unübersichtlich
und widersprüchlich. Obwohl Präsident Álvaro Uribe
von Washington beste Noten für seine Drogenpolitik erhält,
hat die Organisierte Kriminalität den Staat während seiner
Präsidentschaft so massiv durchsetzen können wie noch
nie zuvor in der Geschichte. Ein aktueller Korruptionsskandal macht
die Ausmaße der kriminellen Machtnahme deutlich: So wurde
der Bruder des Innenministers, ein führender Staatsanwalt in
Medellín, verhaftet, weil er zur Oficina de Envigado gehörte.
An der Spitze dieses Netzwerkes von Drogenhandel und Auftragsmord
steht ein demobilisierter Paramilitär-Kommandant. Involviert
in die Affäre sind außerdem der wichtigste Wachschutzunternehmer
des Landes, der von der Regierung für den Schutz demobilisierter
Paramilitärs Millionenbeträge kassiert, sowie Uribes Drogenbeauftragte,
die Pflanzungen der rechten Mafia vor Herbizidbesprühungen
aus der Luft geschützt haben soll.
Die verbreitete These, dass der Drogenhandel Gesellschaften eben
korrumpiert, kann die Situation in Kolumbien kaum befriedigend erklären.
Zwar stimmt es, dass der Drogenhandel mit seinen phantastischen
Gewinnmargen eine gewaltige Dynamik entfaltet. Und richtig ist weiterhin
auch, dass – in unterschiedlichem Ausmaß – fast
alle Glieder der Produktionskette finanziell profitieren: Das große
Drogenkapital hat traditionelle Wirtschaftssektoren regelrecht an
die Wand gedrängt. Das nordkolumbianische Montería,
Bastion der Paramilitärs, wird wegen seiner Villen heute als
„kolumbianisches Miami“ bezeichnet. Und auch ganz unten
verdient man am Geschäft: Der Tageslohn eines raspachín,
eines Kokapflückers liegt mit 20 Euro etwa vier Mal so hoch
wie das eines normales Arbeiters.
Dennoch beschreibt der Begriff der Machtkalküle das Phänomen
besser als das der Korrumpierung:
In den Debatten über „zerfallen(d)e Staaten“ und
Global Governance wird Staatlichkeit in der Regel als Gegenpol zu
Organisierter Kriminalität und ‚Warlordismus’ verstanden.
Die Schwäche peripherer Staaten, so die allgemein akzeptierte
These, trägt zur Ausbreitung illegaler Schattenökonomien
und zum Erstarken privater Gewaltakteure bei. In diesem Zusammenhang
werden Krieg und Staatszerfall für Banden, marodierende Rebellen
und Terroristen zur Grundlage ökonomischen Handelns. Destabilisierung
und Krieg ‚lohnen sich’.
Bei dieser Darstellung unberücksichtigt bleibt die Tatsache,
dass Organisierte Kriminalität und Warlords in staatliche und
imperiale Sicherheitsarchitekturen eingebunden sein können.
In Kolumbien etwa hat die Drogenökonomie in den vergangen 25
Jahren stets eine doppelte – sowohl destabilisierende als
auch stabilisierende – Funktion innegehabt: In den 1980er
Jahren überließ der Staat die Bekämpfung der Opposition
maßgeblich den Auftragsmördern des Medellín-Kartells.
Selbst die US-Regierung machte sich diese Verbindungen zunutze.
Wie Zeugen 1988 vor der Untersuchungskommission des US-Abgeordneten
John Kerry bekräftigten, stellten kolumbianische Capos Millionenbeträge
zur Finanzierung der nicaraguanischen Contra zur Verfügung.
1992 kooperierten US-Dienste erneut mit Strukturen der kolumbianischen
Gewaltökonomie: Bei der Jagd auf den außer Kontrolle
geratenen Drogenbaron Pablo Escobar griffen sie auf die PEPEs-Todesschwadronen
zurück, die von Abtrünnigen des Medellín-Kartells
gebildet wurden und im Auftrag der kolumbianischen Polizei Hunderte
Anhänger Escobars ermordeten. Unmittelbar nach dieser Operation
gründeten die Führer der PEPEs die AUC-Paramilitärs,
zu denen US-Behörden, wie sich anhand von freigegeben Akten
mittlerweile nachweisen lässt, ebenfalls Kontakt unterhielten.
Das Verhältnis von Staatsmacht und Drogenkriminalität
war dabei immer von einem Widerspruch geprägt: Einerseits ist
die US-Drogenbekämpfung real. Die hysterischen Anti-Drogen-Diskurse
schlagen sich auch in entsprechenden politischen Praktiken nieder.
Andererseits jedoch werden auch immer Strategien der Instrumentalisierung
verfolgt. Die Organisierte Kriminalität kann staatstragende
Gewalthandlungen ausführen, die Polizei und Armee untersagt
sind. Die Governance-Debatte, wie sie heute im Zusammenhang von
Failing States geführt wird (und an der FU Berlin die Einrichtung
eines ganzen Sonderforschungsbereich nach sich gezogen hat), ist
in dieser Hinsicht meist blind: „Robuste Staaten“ machen
sich – wie es bereits in den französischen und US-amerikanischen
Indochina-Kriegen oder im Afghanistan der 1980er Jahre der Fall
war – die Existenz von Schattenökonomien, Warlords und
privaten Gewaltakteuren immer wieder zunutze, um eigene geopolitische
Interessen informell durchzusetzen.
Insofern muss die Drogenökonomie in erster Linie als Machtressource
verstanden werden. In Kolumbien etwa ermöglicht sie seit 25
Jahren die Finanzierung staatsnaher Parallelarmeen, mit deren Hilfe
eine Gesellschaft autoritär transformiert wurde. Die ungeheure
Kapitalschöpfung des Drogenhandels sorgte dabei jedoch auch
für gewaltige Brüche innerhalb der Eliten: Der ökonomische
Aufstieg ‚narcoparamilitärischer’ Kriegsunternehmer
zog eine Verdrängung traditioneller Machtgruppen nach sich.
Dass diese Machtressource widersprüchlich wirkt, gilt schließlich
auch für die Gegner des kolumbianischen Staates – wie
sich am Beispiel der FARC-Guerilla zeigen lässt. Die spätstalinistischen
FARC setzten sich Anfang der 1990er Jahre eine militärische
Machtübernahme zum Ziel und finanzierten den Aufbau einer schlagkräftigen
Armee mit Drogensteuern. Die sprudelnden Einnahmen erlaubten der
Organisation zunächst ein rasantes Wachstum. 1996 ging die
Guerilla im Süden des Lands zum Bewegungskrieg über und
zerrieb ganze Eliteeinheiten der Armee. Dabei begann die ökonomische
und militärische Macht jedoch bald die Politik zu substituieren.
Die FARC, die stets ein auf den Staat fixiertes Machtkonzept verfolgt
hatten, verhielten sich immer häufiger als Besatzungsmacht,
die Zustimmung erkaufte und Widerstand mit Waffen unterdrückte.
Auf diese Weise jedoch verloren sie jene Kraft, die Militärtheoretiker
an Guerillabewegungen so fürchten: die power of weakness, eine
aus Unterlegenheit erwachsene politische Legitimität.
Dass die FARC vom Drogenhandel korrumpiert wurden, trifft die Sache
nicht wirklich. Es ist schwer vorstellbar, dass das FARC-Oberkommando
in der herrschenden Kriegssituation die Drogengelder persönlich
verprassen könnte. Unzweifelhaft ist hingegen, dass das politische
Projekt der FARC heute nur noch als orthodoxe Rhetorik zu erkennen
ist. Und es scheint, dass genau jene Machtressource, die die FARC
zeitweise so stark machte, zuletzt die schweren Schlägen gegen
diese Guerilla ermöglichte.
Raul Zelik
(lehrt zur Zeit als Gastprofessor an der Nationaluniversität
in Bogota. Im Frühjahr 2009 erscheint von ihm Die kolumbianischen
Paramilitärs – ‚Regieren ohne Staat’? im
Verlag Westfälisches Dampfboot)