Eine zweite Transición
Im baskischen Konflikt greift der spanische Staat seit der Bombardierung
Gernikas 1937 bis heute immer wieder auf terroristische Mittel zurück
Kommentar TAZ 26.4. 2007
Am 26. April
1937 zerstörten deutsche und italienische Bomber die baskische
Ortschaft Gernika. Die Bombardierung, mit der der systematische Angriff
auf Zivilisten als Kriegsstrategie erprobt wurde, verwandelte sich
– nicht zuletzt wegen Picassos gleichnamigen Gemäldes –
in ein Symbol für den spanischen Bürgerkrieg und den Schrecken
des Franco-Regimes.
Heute gelten die düsteren Jahrzehnte der Diktatur als überwunden.
Die Transición, der Übergang zur Demokratie in den 1970er
Jahren, wird als Erfolgsstory interpretiert. Beeindruckende Wachstumsraten,
die Autonomieregelungen für Katalonien und das Baskenland und
die langjährige Regentschaft der sozialistischen PSOE scheinen
die geglückte Modernisierung zu belegen. Nur die Existenz der
ETA, die auch nach dem Ende der Diktatur ihren bewaffneten Kampf fortsetzte
und in den letzten 30 Jahren 800 Menschen getötet hat, trübt
– so die verbreitete Lesart – die positive Bilanz.
Diese Geschichtserzählung unterschlägt jedoch eine ganze
Reihe von Fakten. Sie ignoriert, dass die Transición dazu diente,
einen politischen Bruch zu vermeiden. Sie ‚versöhnte’
Besiegte mit Siegern – oder anders ausgedrückt: Repressionsopfer
mit Tätern. Die alten Funktionäre in Justiz, Sicherheitsapparaten
und zum Teil auch der Politik kamen straffrei davon und sorgten für
Kontinuität. Der heutige Ehrenvorsitzende der Konservativen Manuel
Fraga beispielsweise gehörte zu den führenden Köpfen
des Franco-Regimes. Selbst König Juan Carlos, der als demokratische
Lichtgestalt gilt, ist keine unproblematische Gestalt. Es war Franco,
der den König ausbilden ließ und ins Amt eingesetzt hat.
Spanische Linksliberale haben in den vergangenen Jahren angefangen,
diese Aspekte der Transición zu debattieren. Sie kritisieren,
dass der Demokratisierungsprozess der Rechten nicht sehr weit fortgeschritten
sei. Tatsächlich werden auf Demonstrationen der oppositionellen
PP ungeniert Fahnen der faschistischen Falange gezeigt und Parolen
zur Hinrichtung von Ministerpräsident Zapatero gerufen (dessen
Großvater von Franco-Truppen erschossen worden war). Doch solche
Kritik greift zu kurz. Nicht nur die alte Rechte ist für die
Demokratiedefizite Spaniens verantwortlich. Die PSOE hat die dubiose
Kontinuität aktiv mitgestaltet. In ihrer Regierungszeit 1982-1996
unternahm sie nichts, um die alten Polizeikörper aufzulösen
oder grundlegend zu transformieren. Vielmehr setzte auch sie, v.a.
im Zusammenhang mit dem baskischen Konflikt, auf die repressive Karte.
Die 1977, mitten in der Demokratisierung aus den Reihen der Sicherheitsorgane
aufgebauten Todesschwadronen wurden nach der Amtsübernahme der
PSOE 1982 neu organisiert. Der damalige Innenminister José
Barrionuevo ließ die Antiterroristischen Befreiungsgruppen (GAL)
gründen, die in den 1980er Jahren an die 40 Personen bei Anschlägen
töteten. Das letzte Opfer dieses schmutzigen Krieges war 1989
der Journalist Josu Muguruza.
In den 1990er Jahren rückte Madrid von dieser Strategie ab, doch
das Vorgehen der Staatsmacht blieb fragwürdig. Der Ermittlungsrichter
Baltasar Garzón, zeitweise ebenfalls PSOE-Mitglied, leitete
Dutzende von Verbotsverfahren gegen Organisationen und Medien der
baskischen Linken ein. Garzón rechtfertigte die Verfahren mit
den Verbindungen der Organisationen zur ETA. Das Argument ist nicht
völlig aus der Luft gegriffen, doch es ist bezeichnend, dass
sich die spanische Justiz anderen Formen der Gewalt längst nicht
so entschlossen entgegen stellt. Ermittlungsrichter Garzón,
der sich mit der Verfolgung Pinochets international profilierte, hat
kein einziges Verfahren gegen die Verantwortlichen der Franco-Diktatur
eingeleitet. In Spanien erklärt man diesen Umstand mit der Amnestieregelung
von 1976, die allerdings – wie lateinamerikanische Beispiele
zeigen – durchaus revidierbar wäre. Dazu kommt, dass Verbrechen
der Ermittlungsbehörden eigentlich immer ungesühnt bleiben.
Menschenrechtsgruppen sprechen davon, dass Folter auf spanischen Polizeiwachen
nach wie vor an der Tagesordnung sind. Opfer berichten von Schlägen,
psychischen Misshandlungen, Schlafentzug, Vergewaltigung und den Praktiken
der sogenannten bolsa und bañera – dem Herbeiführen
von Erstickungsanfällen durch das Überziehen von Plastiktüten
oder das Untertauchen in Badewannen.
Nicht nur die Konservativen, sondern auch die PSOE haben diese Praktiken
gedeckt und ermöglicht. Sie haben das Kontaktsperregesetz verabschiedet,
das es erlaubt, Gefangene fünf Tage lang von der Außenwelt
zu isolieren. Weil die Inhaftierten in dieser Zeit keine Vertrauenspersonen
sprechen können und die angewandten Praktiken so angelegt sind,
dass sie keine sichtbaren Spuren hinterlassen, können die Misshandlungen
vor Gericht nicht bewiesen werden.
Baskische Anti-Folter-Aktivisten sprechen von 7000 Menschen, die im
Baskenland seit Beginn der Demokratisierung gefoltert wurden. Das
entspricht 0,2% der Bevölkerung. Von diesem politisch kalkulierten
Einsatz des Schreckens erfährt die spanische Öffentlichkeit
jedoch nichts. Foltervorwürfe werden stets als ETA-Propaganda
abgetan. Dabei stammen die Berichte längst nicht nur von ETA-Militanten.
Der Chefredakteur der linksliberalen Tageszeitung Egunkaria Martxelo
Otamendi berichtete 2003 im baskischen Parlament, was ihm nach dem
Verbot seiner Zeitung von der Guardia Civil angetan worden war. Die
Ermittlungen gegen seine Peiniger sind mittlerweile eingestellt –
wie immer aus Mangel an Beweisen. Dass die spanische und europäische
Öffentlichkeit hiervon nichts weiß, ist ein Skandal und
ein Hinweis darauf, dass die Berichterstattung über den baskischen
Konflikt alles andere als objektiv ist. Vor 14 Tagen habe ich das
Ausmaß dieser Nicht-Informationspolitik unmittelbar miterlebt.
Als Folteropfer auf einer Pressekonferenz über Anfang April erlittene
Misshandlungen berichteten, war kein einziges spanischsprachiges Medium
anwesend.
Sicher: Spanien ist mit einer Ausnahmesituation konfrontiert, die
ETA hat den Staat frontal herausgefordert. Das Erschießen von
Gemeinderäten und an Flughäfen platzierte Autobomben haben
mit Befreiungskampf nichts zu tun. Und doch muss die spanische Öffentlichkeit
begreifen, dass auch ihr Staat für die Polarisierung der Gewalt
im Baskenland Verantwortung trägt. Seit der Bombardierung Gernikas
1937 – und auch noch lange nach Francos Tod – hat er immer
wieder auf Mittel zurückgegriffen, die man ebenfalls als terroristisch
bezeichnen kann.
Heute besteht die historische Chance, den baskischen Konflikt endlich
zu beenden. Im März 2006 verkündete die ETA einen Waffenstillstand,
in Madrid wurde von einem Friedensprozess wie in Nordirland gesprochen.
Doch seitdem gibt es kaum Positives zu berichten: Zahlreiche linke
baskische Organisationen sind weiterhin verboten, die Regierung Zapatero
hat jedes noch so bescheidene Zugeständnis verweigert, ETA bei
einem Bombenanschlag im Dezember erneut zwei Menschen getötet.
Man kann gut verstehen, warum spanische Politiker, die Attentate überlebt
haben, den Friedensbekundungen der ETA nicht trauen wollen. Aber umgekehrt
ist eben auch nachvollziehbar, warum baskische Linke, die Opfer von
Folter oder parapolizeilichen Anschlägen wurden, nicht an Spaniens
Demokratie glauben mögen.
Batasuna, die illegale, ETA-nahe Partei, hat vor wenigen Wochen vorgeschlagen,
die Bewohner der baskischen Autonomieregion und Navarras in getrennten
Referenden über den Status ihrer Regionen entscheiden zu lassen.
Sie argumentiert, nicht ganz zu Unrecht, dass die demokratische Legitimität
des jetzigen Status zweifelhaft ist. Die Verfassung wurde im Baskenland
1978 beim Referendum abgelehnt, das Autonomiestatut wurde vor dem
Hintergrund rechter Putschdrohungen angenommen, eine gemeinsame Autonomie
für alle vier Provinzen mit baskischsprachiger Bevölkerung
von Madrid untersagt. Es gehe in diesem Sinne, so Batasuna, um eine
nachholende Demokratisierung, eine zweite Transición.
Der 70. Jahrestag der Bombardierung Gernikas, deren Überlebende
bis heute nicht entschädigt worden sind, könnte ein Anlass
sein, um über die Verantwortung Madrids im baskischen Konflikt
nachzudenken. Die Gewalt geht eben nicht nur von der ETA aus. Eine
Lösung des Konflikts wird es nur geben, wenn die politischen
und historischen Ursachen beseitigt werden, die vor gut 50 Jahren
zum Entstehen der ETA führten und ihr Weiterbestehen auch nach
1976 möglich gemacht haben.
Raul
Zelik ist Schriftsteller. Im Juni erscheint sein neuer Roman „Der
bewaffnete Freund“ (Blumenbar-Verlag), der die aktuellen politischen
Konflikte in Spanien als Hintergrund hat.