"Die IG Metall ist Teil der Unternehmensführung"
Interview mit den Gewerkschaftern Benito Uterga und Mikel Ansa
von der baskischen Linksgewerkschaft LAB
Bei VW in Irunea
(Pamplona) arbeiten heute etwa 4000 Menschen. Obwohl VW die Gewerkschaften
UGT und CC.OO (sozialdemokratisch bzw. Izquierda Unida nahe stehend)
protegiert, ist die Gewerkschaftslinke im Betrieb stark. Die linksnationalistische
LAB stellt mit 22% Stimmen einen der beiden stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden,
die ebenfalls oppositionelle CGT liegt bei 11%.
LAB entstand noch während der Franco-Diktatur aus einer Fabrikrätebewegung.
Sie steht der verbotenen Partei Batasuna nahe und gilt als klassenkämpferischste
Gewerkschaft im Baskenland. Bemerkenswerterweise ist ihre Unterstützung
auch auf Landesebene in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich
gewachsen: von 4,5% auf heute etwa 16% der Beschäftigten.
Benito Uterga (54 Jahre, LAB-Delegierter bei VW) und Mikel Ansa
(26, internationale Beziehung von LAB) waren im November auf Einladung
der Antifaschistischen Linken Berlin und der VW-Betriebsgruppe Konfrontation
– Für eine kämpferische Betriebspolitik auf Rundreise
durch mehrere Städte.
Ihr habt in Irunea 2005/06 über Monate einen Arbeitskampf
geführt, der auch außerhalb des Betriebs zu spüren
war. Diesen Kampf musstet ihr gegen die Betriebsratsmehrheit organisieren
und habt trotzdem breite Unterstützung in der Belegschaft bekommen.
Wie war das?
Uterga: Die Betriebsratsmehrheit von UGT und CC.OO handelte vor
zwei Jahren mit VW einen Lohnverlust aus – ohne Billigung
der Belegschaft. LAB rief daraufhin mehrere Monate lang zu 20-minütigen
Streiks an jedem zweiten Arbeitstag auf. Diese Aktionen haben die
Stimmung im Betrieb politisiert und die anderen Gewerkschaften gezwungen,
gemeinsam mit uns eine Plattform gegen die Flexibilisierungs- und
Stellenabbaupolitik von VW aufzustellen. Nach langem hin und her
- LAB und CGT wollten die 35-Stundenwoche durchsetzen, UGT und CC.OO
dem Unternehmen weitere Zugeständnisse machen – haben
wir für April 2006 einen gemeinsam getragenen Streik vorbereitet.
Doch kurz davor hat sich UGT – wieder ohne Wissen der Belegschaft
– mit VW geeinigt. Wir haben den unbefristeten Streik daraufhin
abgeblasen, aber weiter zu Aktionen mobilisiert, die zur Überraschung
von UGT und VW von der Mehrheit der einfachen UGT-Mitglieder mitgetragen
wurden.
CC.OO und UGT sind daraufhin nach Deutschland gereist und haben
mit VW noch eine zweite Einigung erzielt. Der Belegschaft wurden
schließlich nur zwei Vorschläge zur Abstimmung vorgelegt
– die beiden mit VW erzielten Vereinbarungen. Dennoch war
es ein wichtiger Arbeitskampf: Trotz des massiven politischen Drucks
haben sich große Teile der Belegschaft an den Auseinandersetzungen
beteiligt und regelmäßig auf Vollversammlungen diskutiert.
Und es gab die größten Arbeiterdemonstrationen in Irunea
seit 20, 25 Jahren.
VW hat mit der Verlagerung der Produktion nach Brüssel
und Bratislava gedroht. Es heißt allerdings auch, ihr wärt
relativ wichtig für den Konzern, weil ihr den Polo herstellt.
Uterga: Wie wichtig man für das Unternehmen ist, weiß
man nie genau. Aber für uns klar, dass wir uns nicht erpressen
lassen dürfen mit Standortargumenten. VW macht überall
Gewinn – in Irunea, Brüssel, Bratislava, Wolfsburg und
China. Wir hingegen profitieren nur, wenn wir einigermaßen
lebenswerte Arbeitsbedingungen verteidigen. Wenn wir das aufgeben,
um einen Standort zu halten, verlieren wir alles. Unser Interesse
als Arbeiter besteht schließlich nicht darin, in Irunea mehr
Autos herzustellen. Unser Interesse ist es, die Arbeitszeit zu reduzieren
und akzeptable Lebensbedingungen zu verteidigen. Und zwar gemeinsam
mit den Kollegen in Brüssel, Bratislava oder wo auch immer.
Wie stellt sich die IG Metall aus eurer Sicht dar? Bei
VW ist sie über die Mitbestimmung ja Teil der Konzernleitung.
Und wie seht ihr den VW-Gesamtbetriebsrat?
Uterga: Aus unserer Perspektive ist die IG Metall tatsächlich
Teil der Unternehmensführung und somit für die Angriffe
auf Arbeiterrechte mitverantwortlich. Wir wissen natürlich,
dass es in der IG Metall auch andere Positionen gibt, und zu diesen
Leuten suchen wir auch Kontakt. Aber bei VW identifiziert sich die
Gewerkschaft eindeutig stärker mit dem Konzern als mit den
Arbeitern in anderen Ländern.
Etwas Ähnliches muss man auch über den Europa- und Weltbetriebsrat
sagen: In diesen Gremien sitzen ausgewählte Gewerkschaften
– wir dürfen z.B. nicht teilnehmen, obwohl wir genauso
viele Stimmen haben wie CC.OO –, die dort Direktiven von der
Unternehmensleitung erhalten. Mit der eigentlichen Aufgaben eines
solchen Gremiums, nämlich einen gemeinsamen Widerstand gegen
de Konzern zu organisieren, hat das nichts zu tun.
LAB kommt ursprünglich aus einer basisdemokratischen
Fabrikrätebewegung. Stellt sich für euch das Problem der
Bürokratisierung heute nicht auch?
Ansa: LAB entwickelte sich während der Franco-Diktatur als
Antwort auf die offiziellen, vertikalen Gewerkschaften des Franquismus.
In den 1960er Jahren entstanden überall im spanischen Staat
autonome Arbeiterversammlungen, LAB wurde 1974 als Koordination
linksnationalistischer Betriebsversammlungen gegründet. Drei
Jahre später haben wir uns als Gewerkschaft konstituiert.
Um eine Bürokratisierung von LAB zu verhindern, messen wir
dem Versammlungsprinzip und der internen Demokratie weiter große
Bedeutung bei. Noch entscheidender ist aber vielleicht, dass die
Gewerkschaft für uns nur ein Mittel zum Zweck ist: zur Verbesserung
von Lebens- und Arbeitsbedingungen, zur Durchsetzung von demokratischen
Rechten, von Unabhängigkeit und Sozialismus. Für die meisten
europäischen Gewerkschaften ist die Organisation dagegen zu
einem Selbstzweck geworden. Sie wollen Mitglieder gewinnen und Strukturen
stärken, ohne das mit einem gesellschaftlichen Alternativprojekt
zu verbinden.
Uterga: Die großen spanischen Gewerkschaften werden immer
mehr zu Dienstleistungsapparaten. In Navarra lassen sich CC.OO und
UGT ihre unternehmerfreundliche Politik von der rechten Regionalregierung
durch Bauland vergüten, das dann den Mitgliedern zur Verfügung
gestellt wird. So werden die Gewerkschaften in Machtstrukturen eingebunden
und stellen sozialen Frieden her. Dabei zeigt sich eine bemerkenswerte
Parallele: Im Betrieb versuchen diese Gewerkschaften, Arbeitskämpfe
zu verhindern, im baskisch-spanischen Konflikt positionieren sie
sich auf der Seite der spanischen Rechten, die Navarra vom Baskenland
abtrennen und eine demokratische Lösung verhindern möchte.
Das ist nicht ganz leicht zu verstehen: Ihr beansprucht
einen Klassenstandpunkt, verteidigt gleichzeitig aber auch das nationale
Anliegen als Basken. Vor allem in Irunea und Bilbo gibt es immer
mehr afrikanische und lateinamerikanische Einwanderer. Ihr versteht
euch auch als Organisation für diese Leute. Aber wie kann man
sie erreichen, wenn man die Bedeutung der baskischen Frage ständig
betont?
Ansa: Immigranten gewerkschaftlich zu erreichen, ist erst mal deswegen
schwer, weil sie fast immer in prekären und irregulären
Arbeitsverhältnissen stecken. Aber wir haben trotzdem auch
positive Erfahrungen gesammelt, z.B. mit den Fischern in Ondarroa.
Viele von den Leuten, die auf den Fischerbooten dort arbeiten, sind
Afrikaner. Wir haben Aktionen dort gemacht und Rechtsberatung angeboten,
um den Sklavenhalter-Verhältnissen etwas entgegen zu setzen.
Das hat die Situation öffentlich gemacht und einigen Unternehmern
enormen Schwierigkeiten bereitet.
Uterga: Man muss, glaube ich, verstehen, dass wir uns als Teil
eines unterdrückten Volks betrachten, dem kulturelle und politische
Grundrechte verweigert werden. In diesem Sinn sind wir abertzale,
also ‚patriotisch’. Das bedeutet aber nicht, dass wir
uns abgrenzen würden. In unserem Nationenbegriff spielt Herkunft
keine Rolle. Alle Menschen, die hier leben, sind für uns Basken
– und zwar nicht erst seit heute. In den 1950er und 60er Jahren
hat der kapitalistische Ausbeutungsprozess Hunderttausende Arbeiter
aus Andalusien und Galizien ins Baskenland gebracht. Viele von ihnen
sind Teil der linken Unabhängigkeitsbewegung geworden. Für
die Einwanderer von heute gilt das Gleiche. LAB verteidigt die Rechte
von allen, die nicht von ihrer Arbeit leben müssen.
Was würdet ihr als die Prinzipien von LAB bezeichnen?
Worin unterscheidet ihr euch von anderen Gewerkschaften?
Ansa: LAB ist eine sozio-politische Gewerkschaft. Das heißt,
wir treten nicht nur für unsere Mitglieder ein, sondern arbeiten
am Aufbau eines souveränen und gesellschaftlich anders organisierten
Baskenlands. Unabhängigkeit und soziale Befreiung gehen für
uns in diesem Sinne miteinander einher.
Wir positionieren uns im baskisch-spanischen Konflikt: solidarisieren
uns mit den politischen Gefangenen, fördern die baskische Sprache,
schaffen Strukturen, die die Unabhängigkeit des Baskenlands
ermöglichen. Gleichzeitig füllen wir diese Ansätze
mit sozialen Alternativen. Als Beispiel könnte man die Entwicklungs-
und Infrastrukturpolitik nennen. Die christdemokratische Regionalregierung
im Baskenland und die Rechtsregierung in Navarra haben in den letzten
Jahre riesige Großprojekte durchgesetzt: die Umstrukturierung
in Bilbao, den Staudamm von Itoiz oder jetzt den Hochgeschwindigkeitszug
TAV. Wir sehen, dass diese Projekte nur ein paar Konzernen, nicht
aber den Menschen nützen und organisieren deshalb gemeinsam
mit sozialen Bewegungen Widerstand gegen die Projekte.
Wenn wir uns für eine baskische Bildungs-, Infrastruktur- oder
Gesundheitspolitik einsetzen, dann heißt das auch immer: für
eine alternative Politik, die die kapitalistische Paradigma in Frage
stellt. Gegen den Hochgeschwindigkeitszug heißt für einen
‚sozialen Zug’, der für alle bezahlbar ist und
sich nicht an den Interessen der Geschäftsreisenden orientiert.
Außerdem stellen wir uns als Gewerkschaft stärker als
andere dem Problem der Prekarisierung. Vor allem Jugendliche und
Frauen arbeiten heute in ständig fluktuierenden Beschäftigungsverhältnissen.
Um dem etwas entgegen zu setzen, müssen soziale Bewegungen
und Gewerkschaften zusammenarbeiten und sich Aktionen inner- und
außerhalb von Betrieben ergänzen.
Uterga: Für mich ist LAB v.a. eine Klassenorganisation. Wenn
du von sozialen Gegensätzen ausgehst, hast du zwangsläufig
ein konfliktives Verhältnis zu Unternehmen und Regierung. Ich
glaube, dieser Punkt unterscheidet uns am stärksten von den
meisten europäischen Gewerkschaften.
Die Forderung nach einer politischen, revolutionären
Gewerkschaftsarbeit klingt reichlich abgedroschen. Hat der Begriff
trotzdem noch eine Bedeutung?
Uterga: Sicher. Wenn du dich als Gewerkschafter konsequent auf
der Seite von Ausgebeuteten und Unterdrückten siehst, musst
du eine grundsätzlich andere Gesellschaft anstreben.
Eine der wichtigsten sozialen Auseinandersetzungen der vergangenen
Jahren im Baskenland war die Kampagne gegen Zeitarbeitsfirmen.
Ansa: Die Kampagne ging von (mittlerweile verbotenen Jugendorganisation)
Jarrai aus und setzte sich zum Ziel, die Expansion von Zeitarbeitsfirmen
zu stoppen. Die Zeitarbeit war noch von der letzten PSOE-Regierung
legalisiert worden – mit Unterstützung von UGT und CC.OO.
Die Kampagne hat das ganze Baskenland von unten erreicht, mit Aktionen
in Nachbarschaften und Dörfern. Jugendzentren, Schüler-
und Studentenvertretungen, aber auch die Jugendorganisationen von
Izquierda Unida und der anarchistischen CNT haben – trotz
des Widerstands ihrer Mutterorganisationen – mit Jarrai zusammengearbeitet.
Die Aktionsformen waren sehr unterschiedlich: Manche haben Flugblätter
verteilt, andere Kundgebungen vor den Firmen organisiert, wieder
andere illegale direkte Aktionen gegen diese Firmen gemacht. Als
Ergebnis mussten viele Zeitarbeitsfirmen ihre Büros aufgeben
oder sich zumindest unsichtbar machen.
Ich glaube, das war das wichtigste an der Kampagne: Wir haben gesehen,
dass sich etwas durchsetzen lässt, dass man dem Kapitalismus
Grenzen setzen kann – auch wenn man die Welt dadurch nicht
grundsätzlich verändert. Und es war eine gemeinsame Kampagne
von Jugendbewegungen und Gewerkschaft. LAB und Jugendorganisationen
haben sich damals zum Ziel gesetzt, strategisch zusammenzuarbeiten.
Dass ich heute bei LAB bin, ist ein bisschen ein Ergebnis davon.
Ich habe die Kampagne damals noch bei Jarrai mitgemacht.
Fragen: Raul Zelik