"Ich finde Wahlen ja nicht soooo wichtig"
(Interview zitty 15.9.)
Der Berliner Autor und Journalist Raul Zelik über seinen neuen Roman, Popliteratur, Rot-Grün und die Entscheidung am 18. September (von Stephanie Grimme und Hans-Hermann Kotte)
Passend gewählt, der Ort. Raul Zelik hat uns ins Café Marx gebeten, am Spreewaldplatz, dem urbanen Dorftreff in Downtown Kreuzberg. Es ist ein bisschen windig an der Ecke, deshalb behält der Schriftsteller seinen Sommerparka an und bestellt Bionade. Wir wollen mit ihm über "Berliner Verhältnisse" sprechen - so heißt sein neues, ebenso lustiges wie groteskes Buch, eine Art Schelmenroman für neoliberale Zeiten, der in Kreuzberg spielt. Hauptperson des Buchs ist ein sympathischer Loser namens Mario, der einen Inkasso-Dienst für entrechtete Billigarbeitskräfte gründet. Zelik, Jahrgang 1968, ist mit "Berliner Verhältnisse" für den Deutschen Buchpreis 2005 nominiert. Er arbeitet auch als Journalist seine Schwerpunkte sind Migration, soziale Bewegungen und Kapitalismuskritik.
Die „Süddeutsche“ hat 2001 geschrieben, dass Sie „der Manu Chao der
deutschen Popliteratur“ werden könnten. Gute Voraussicht. Mit dem Roman "Berliner Verhältnisse" haben Sie einen richtigen Hit.
Mit dem Vergleich waren meine Freunde ja nicht so einverstanden. Die
meinten, Manu Chao mache Schlagermusik für Globalisierungsgegner. Ich hör den ganz gern. Na ja, ich hoffe, ich produziere keine Schlager.
Das Label Pop lehnen Sie für sich selbst eher ab, oder? Schließlich
haben Sie die Popliteraten heftigst kritisiert.
Was heisst schon ablehnen? Das, was sich in den letzten Jahren
als Popliteratur etabliert hat, finde ich überwiegend blöde. Das entspricht
im übrigen auch nicht dem, was eigentlich mal mit Pop- oder Beatliteratur
gemeint war. Unangenehm an Leuten wie Stuckrad-Barre ist ihr unkritischer,
unintelligenter Humor und diese Kultivierung der Oberfläche. Das Kokettieren
mit der Markenreklame, die Selbstgefälligkeit.
Aber was ich in den letzten fünf Jahren gemacht habe, hat auf jeden Fall was
mit Pop zu tun. Ich habe versucht widerzuspiegeln, wie im Freundeskreis, auf
der Strasse gesprochen wird. Das finde ich literarisch interessant. Sowohl
in den "Berliner Verhältnissen" wie in den "Grenzgängerbeatz" stecken viele
Geschichten, die mir erzählt wurden. Ich finde, das sind lustige Storys und
gute Erzählstrukturen – sehr bildlich, vom Kino beeinflusst.
Ihre Geschichten sind vollgestopft mit sozialen Konflikten, politischen
Statements, Debattenthemen. Bei allem Humor, der darin steckt: ergibt
das nicht eine konzentrierte politische Korrektheit, die zur Pose
werden kann?
Erstens sind meine Geschichten überhaupt nicht korrekt. Und zweitens muss
man über politische Dinge sprechen dürfen, ohne gleich dieses langweilige
Argument von der Korrektheit zu hören zu bekommen. Die Personen in meinen
Erzählungen haben alle gebrochene, widersprüchliche Seiten. Okay, "Berliner
Verhältnisse" ist etwas schablonenhafter, weil die Geschichte wie ein Comic
erzählt ist, die Personen karikiert und Slapstick-artig überzeichnet sind.
Vielleicht ist der Begriff politisch in diesem Zusammenhang auch nicht
besonders treffend. Der Roman hat einen gesellschaftlichen
Hintergrund und erzählt die Verhältnisse in der Stadt. In dem Buch
wird drüber gelacht, aber in Wirklichkeit ist es natürlich überhaupt
nicht zum Lachen, dass es immer mehr Leute gibt, die
keine Papiere haben und sich für drei Euro die Stunde verdingen müssen. Ist
man politisch korrekt, wenn man darüber redet?
Das Berlin in den Berliner Verhältnissen macht den Eindruck eines
sozialen Bürgerkriegsschauplatzes. Nehmen Sie die Stadt so wahr?
Bürgerkrieg finde ich einen ganz unpassenden Begriff. Man sollte vorsichtig
dabei sein, von Kriegskonstellationen zu sprechen. In Lateinamerika habe ich
erlebt, wie schnell solche Diskurse in den Köpfen dementsprechende Szenarien
erzeugen.
Die Stadt erlebe ich aber schon wie in den Berliner Verhältnissen als extrem
verschärft. Die Geschichten, auch wenn sie verdichtet sind und eine
Slapstick-Komponente haben, haben einen realen Hintergrund. Selbst die
Geschichte mit der Abschiebung ist real. Im Abschiebeknast in Grünau
haben wir jemand besucht, dem genau das gleiche wie im Roman passiert ist:
Sein Geschäftspartner, mit dem zusammen er 100 Häuser
saniert hat, hatte Schulden bei ihm. Statt ihm das Geld zu geben, hat
er ihn an die Ausländerpolizei verpfiffen.
In ihren Geschichten, besonders in ihrem Roman Bastard geht es immer
wieder um Identitätsfragen, die auch durchaus ernst genommen werden.
Auf der anderen Seite arbeiten sie auch mit klischeehaften Zuspitzungen – in einer Geschichte aus dem Band Grenzgängerbeatz ist beispielsweise
immer wieder von einem „Abitur-Kurden“ die Rede. Wie geht das für Sie
zusammen?
Bei Bastard ging es um die Verweigerung einer Identitätszuschreibung,
um den Druck, den es aufbaut, wenn man ständig erzählt bekommt, wer man
ist, und dass man möglichst auch noch irgendwie ethnisch zu sein hat. Mit der hiesigen Lebenswirklichkeit hat das wirklich nichts zu tun.
Die vehementesten Anti-Islamisten in meinem Freundeskreis haben türkische
Eltern. Es stimmt, dass die Erzählmethode bei den Grenzgängerbeatz und den
"Berliner Verhältnissen" eine andere ist. Bei den Erzählungen und jetzt bei
"Berliner Verhältnissen" ging es mir darum, Klischees aufzubauen, und diese
aufgebauten
Pappkameraden dann umzuschmeißen. Aber die Grundhaltung dahinter war bei
allen drei Büchern die gleiche: nämlich, dass diese Zuschreibungen von
Identität bescheuert sind.
In den "Grenzgängerbeatz" sind die Geschichten, die in der Fremde
spielen, eher ernsthaft und sehnsuchtsvoll. An hiesigen Schauplätzen
regiert meist der Slapstick. Zufall oder Absicht?
Das hat etwas mit der Entstehungsgeschichte der Geschichten zu tun.
Dass wir das in einem Erzählband zusammen gefasst haben, begründet sich
durch eine inhaltliche Klammer – die der Fremdheit. Die Erzählperspektiven
sind aber ganz unterschiedlich. Zum einen sind es autobiografische
Geschichten, die ich beim Reisen so oder ähnlich erlebt habe. Zum
anderen sind das Geschichten, die ich erzählt bekommen habe. Und da
steckt dann eben schon ganz viel von dem selbstironischen Witz der
Leute drin. Vieles von dem, was ich an den Grenzgängerbeatz großartig
fand und in den Berliner Verhältnissen aufgegriffen habe, habe ich mir nicht
selber ausgedacht.
In ihrem neuen Buch, sind gerade die, die versuchen, alles richtig zu
machen, tragische oder lächerliche Gestalten. Gibt es überhaupt ein
richtiges Leben im Falschen?
Natürlich gibt’s kein richtiges Leben im Falschen. Aber man kann ja
trotzdem versuchen, es richtiger zu machen. Die Leute
in der Geschichte, die nicht den leichtesten Weg gehen, machen vieles
falsch. Darüber macht sich das Buch lustig. Aber ich finde nicht, dass sie
diffamiert werden. Und viele Fehler, die die Hauptperson Mario macht,
liegen ja auch darin begründet, dass ihm der Floh ins Ohr gesetzt
wurde, er müsse was aus seinem Leben machen. Die Moral aus der
Geschichte ist vielleicht, dass man eben nicht so viel aus seinem Leben
machen sollte.
War das Schreiben der Berliner Verhältnisse für Sie Entspannung von den
politischen Kommentaren, die sie ja auch schreiben?
Nein, das steht in einer Linie. Es ist nicht so, dass die
journalistische Arbeit mich anstrengt oder deprimiert. Gerade bei den
harten, schwierigen Reportagen, zum Beispiel aus Kolumbien, verschafft
mir das Schreiben Erleichterung. Es gibt einem die Möglichkeit, sich zu
artikulieren und mit seiner Ohmacht umzugehen.
Bei den Berliner Verhältnissen kam uns neben Grimmelshausen und Rio
Reiser ein bisschen der Herr Lehmann in den Sinn. Schlimm?
Rio Reiser – der ist doch auch Schlägersänger für
Globalisierungsgegner, oder? Nein, ist überhaupt nicht schlimm. Der
Gedanke an Herr Lehmann liegt für mich eigentlich nicht nahe – außer
der offensichtlichen Parallele, dass beide Geschichten in Kreuzberg
spielen.
Auch Herr Lehmann hat die Idee, dass er was mit seinem Leben anfangen
muss!
Wobei der sich die ganze Zeit verweigert und am Schluss bekehrt wird.
Mein Protagonist wäre die Antwort auf Lehmann. Er merkt am Ende,
dass der Anfangszustand eigentlich okay war.
Ihr neues Buch wird im Untertitel als „Unterschichtenroman“ bezeichnet.
Klingt das nicht nach Zynismus a la Harald Schmidt?
Die Idee kam relativ zum Schluss, als das Buch schon in der Mache war. Es
ist eine Selbstironisierung des Buches. Ich wollte ja, dass der Roman "Outsourcing-Story" heißt. Das fand der Verlag verständlicherweise nicht so
toll. Der Verweis auf Harald Schmidt aber gefällt mir gut. Man weiß bei dem
nie genau, wie lustig es wirklich ist. Seit er bei der ARD ist, finde ich
ihn übrigens besser.
Wie empfinden Sie diese Tage kurz vor den Bundestagswahlen? Im
Fernsehen laufen rund um die Uhr Polit-Talkshows, die Stadt hängt
voller wichtigtuerischer Plakate.
Man kann ja weggucken. Das hat man sich auch bei der Zigarettenwerbung
antrainiert. Ich finde Wahlen nicht so wichtig, weil ich nicht der
Überzeugung bin, dass Politik in den Parlamenten entschieden wird. Man
hat ja an Rot-Grün gemerkt, dass das eine Illusion ist.
Gesellschaftliche Verhältnisse ändern sich, wenn auf breiter Basis in
der Gesellschaft Kräfteverhältnisse verschoben werden. Momentan werden
sie schon verschoben – aber in eine andere, aus meiner Sicht eher
beschissene Richtung. Welche Partei die Mehrheit hat, ist in dem
Zusammenhang nicht so entscheidend. Ich bin zu den Wahlen außer
Landes, deshalb muss ich mir nicht den Kopf zerbrechen, ob ich jetzt doch
mein Kreuzchen setze oder nicht.
Die rot-grüne Ära geht zu Ende. Ist es trotzdem schade drum?
Das Problem ist doch, dass Rot-Grün die gesellschaftlichen Verhältnisse nach
rechts vorschoben hat. Es wurden
Sachen durchgesetzt – der Kosovo-Krieg zum Beispiel, die Hartz-Reformen
- die, wenn das die Rechte gemacht hätte, auf starken
gesellschaftlichen Widerstand gestossen wären. Rot-Grün hat es als
zwangsläufige Position erscheinen lassen. Damit wird kaschiert, dass
sich dahinter Interessen und politische Projekte verstecken. Auch hat
Rot-Grün ein kritisches Potential aus der Gesellschaft rausgenommen.
Auf einer symbolischen Ebene wurde das zum Beispiel bei der
Diskussion um die Flick-Collection offenbar. Da wurde einem der
größten, aus Nazi-Zwangsarbeit erwachsenen Vermögen eine Absolution
erteilt - unter einer rot-grünen Regierung und aktiver Beteiligung
führender linksliberaler Köpfe. Natürlich wird es noch schlimmer, wenn
die CDU in diesem nach rechts verschobenen Meinungsspektrum noch
einen draufsattelt. Deswegen stimmt wohl doch nicht ganz, was ich gerade
gesagt habe: Mit Merkel wird es noch schlimmer.
Und die Entwicklung dieser neuen Linkspartei, wie betrachten sie die?
Ist es eine Alternative, sein Kreuz da zu machen?
Klar, kann man machen ... Es ist im Moment ja schwierig, etwas Kritisches
zur Linkspartei sagen, ohne in das gleiche Horn zu stoßen, wie der „Spiegel“
oder der
„Focus“. Und weil ich das nicht möchte, stottere ich jetzt ein bisschen rum
...
Cornelia Reinauer, unser Direktkandidatin hier im Bezirk, hatte in
ihrer Funktion als Bürgermeisterin die Möglichkeit, kommunale
Liegenschaften sozialen Bewegungen oder kulturellen Projekten zur
Verfügung zu stellen. Sie hat sich verhalten, als müsse sie ihren
Privatbesitz verteidigen. Das ist kein Einzelfall in der PDS - dieses
Bedürfnis, Teil des ganz normalen Establishments zu sein. Ich finde
interessant, dass die Phasen immer kürzer werden, bis sich Parteien in
dieser Anpassungsmühle assimilieren. Die SPD hat Anfang des 20.
Jahrhunderts noch 20 Jahre gebraucht, die Grünen haben es in 10 Jahren
geschafft, die PDS in fünf Jahren und bei der Linkspartei geht’s dann
in einer Woche. Da wird die Forderung nach einem Mindestlohn von 1.400
Euro innerhalb einer Woche um 400 Euro runtergeschraubt, weil man nicht
anecken möchte.
Also wäre das Kreuz für die Linkspartei dann doch so etwas wie eine
Protestwahl oder Rache?
Es wäre wohl mehr als eine Protestwahl, aber nichts, womit man große
Illusionen verbinden muss. Natürlich ist nicht ganz bedeutungslos, wenn
Leute wie Tobias Pflüger im Europaparlament sitzen, der konsequent
antimilitaristische Positionen vertreten hat. Bislang waren die
Vertreter der PDS noch immer am ehesten die, die man in
Sachen Solidaritätsarbeit für Lateinamerika ansprechen konnte. Oder die
Antifas in Kleinstädten in Ostdeutschland: Die haben als einzigen
Ansprechpartner die PDS. Insofern geht’s nicht darum, die in die Pfanne
zu hauen. Trotzdem müssten sie sich anders begreifen, wenn sie wirklich
was verändern wollen. Es geht nicht darum, im Berliner Senat zu sitzen
und die gleiche Politik zu machen, die Rot-Grün auch gemacht hätte. Das
ist doch überflüssig wie sonst nur was.