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Packesel und Cat
Woman

Cem ist
„Sauerland-Kanake“, präziser „Abiturtürke“. Er schreibt Briefe nach
Korea, in denen er sich über die „Currywurstbuden-Einöde“ und die
typische Abendgestaltung an der nächsten Autobahnraststätte
auslässt. Er bleibt ruhig, er kann nichts anderes tun, denn Carla
Lee, um die es in Raul Zeliks Roman „Bastard“ geht, ist schwierig
und in Seoul, um dort als Journalistin zu arbeiten.
Lee ist
27 Jahre alt, in Deutschland aufgewachsen und ein Bastard
(portugiesisch/koreanisch). Mischlinge von Menschen bezeichnet man
parallel zu Mischlingen von Tieren (besonders Maultier, Maulesel),
und diese nennt man nach ihren Funktionen. So kommt der Begriff
Bastard von Packsattel, und es ist nicht ein lustiger Zeugungsakt im
Sattel, sondern ein zum Bepacken gezeugtes Wesen. Carla Lee fühlt
sich bepackt, vor allem mit Kalorien. Erst frisst sie sie in sich
rein, sozusagen identitätsstiftend, kotzt sie dann aber doch lieber
wieder aus, weil es nicht original Identität macht, sondern eben
bloß eine angefressene ist. Das mit dem Original und der Realität
ist unzuverlässig bis zur Selbstaufgabe im Roman „Bastard“. Carla
Lee rennt tageweise als „Cat Woman“, „Lady Di“ oder Avatar ähnlichen
Kalibers in Korea herum. Sie fällt nicht auf, sieht ganz koreanisch
aus, kann also erwachsen spielen und sehr heikel, für nicht
Auslandskoreaner undenkbar frech und ungehobelt recherchieren über
Vertuschungsaffären, die aber jedem Koreaner, der es wissen will, eh
klar sind. Was will Carla Lee in Seoul? Sie weiß es nicht.
„Außer
Fremdheit gibt es kaum Erinnerung“, weder in Korea (Vaterland) noch
in Deutschland (Geburtsland). Und Portugal, das Heimatland ihrer
Mutter ist Lee wegen Saudade, also altmodischer Melancholetta,
völlig suspekt. Das delikate Gleichgewicht/Körpergewicht zwischen
Einheit ( „Lee Carla, FU Berlin, 12. Semester Soziologie und
Koreanistik, 7. Semester Publizistik“ (auch schon ganz schön viel))
und Vielheit (Cat Woman, Bastard, Vaterland, etc.) gilt es
fortwährend wiederherzustellen, es ist in der Tat nichts anderes als
die Erinnerung selbst. Diese sinnstiftende Herausforderung gerät zum
enervierenden Eiertanz um Kalorientabellen und Karrieregeilheit. Wie
es ausgeht, weiß man nicht. Carla Lee wird aus Korea ausgewiesen.
Ihr Besuchervisum abgebrochen.
Auch auf
den letzten Seite kein Abschluss zu bemerken. Einzelne Kapitel sind
mit Level, Ladegeschwindigkeit und kleinen asiatischen
Spiegelfechtern illustriert flankiert, die sich in ihrer Auflösung
durchaus unterscheiden. Es ist, als würden hier Carla Lees
Funktionssehnsüchte bebildert, die aber nie in der prosaischen
Sprache Raul Zeliks ankommen. Der Text ist eigenartig unberührt vom
Layout und geht immer weiter, in verschiedenen Typen und manchmal
kursiv. Keine Weinerlichkeiten. Außerdem beschreibt Raul Zelik en
passant politischen, gewerkschaftlichen, journalistischen Alltag.
Cem holt am Ende seine bulimische Erfolgsjournalistin, Tochter eines
koreanischen Gewerkschaftsführers vom Flugzeug ab. Umstrukturierte
Identitäten und Staaten, Flächentarifverträge für Körper und
Heimatländer und bitte endlich Klarheit in Fragen, wie man zu
reagieren hat ...
Es gibt
derzeit noch kein eigenes Wort für diese Gruppe Menschen, zu der
auch Lee und Cem gehören, aber die Beschreibungen werden präziser:
„Bevölkerung mit Hamburger-Schule-V-Ausschnitt oder
Deleuze-Rollkragen und Pizzicato-5-Hornbrille und Spex-Abonnement.“
Nora Sdun
Raul
Zelik, Bastard (die Geschichte der Journalistin Lee). Assoziation A
Verlag, 236 Seiten, Roman, 15 Euro 
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