| SoZ Sozialistische Zeitung |
Mit seinem neuesten Buch Made in Venezuela
unterstreicht Raul Zelik, dass er hervorragende Reportagen schreiben kann.
Zusammen mit der Künstlerin Sabine Bitter und dem Künstler Helmut Weber war er
im letzten Jahr in Venezuela. Das Buch stellt die Aufzeichnungen der drei zu
einem Bild des derzeitigen Venezuela zusammen. Das Bild von Chávez bleibt auch
nach der Lektüre zwiespältig. Doch wird es ergänzt durch vielfältige Eindrücke.
Raul Zelik belegt, dass die Entwicklung in Venezuela, besonders in Bezug auf die
Basisorganisationen, mindestens genauso wichtig ist wie der Aufstand der
Zapatisten im Süden Mexikos. Auf verschiedenen Ebenen taucht der Bericht in die
Wirklichkeit und den Alltag der Menschen Venezuelas ein mit einer ganz klaren
politischen Position, die Raul Zelik selbst als »postoperaistisch« bezeichnet.
In der Tat handelt es sich bei dem Buch auch um eine »militante Untersuchung« im
besten Sinne.
Das
Buch gibt ebenfalls Stimmen der Opposition wieder. Doch die Wahrnehmungen sind
zu unterschiedlich. Die Kommunikation mit den Aktiven der Basisorganistaionen
stellt kein Problem dar, auch wenn die Ergebnisse oft verwirrend erscheinen. Ein
Negri zitierender, autoritärer Chef einer Regierung, die sich auf die
Basisisorganisationen der Slums einer 5-Millionen-Metropole stützt, deren
Lebensstandard sich unter dieser Regierung nicht verbessert hat. Auf
Versammlungen fordern Teilnehmende mit der neuen Verfassung in der Hand die
»partizipative, protagonistische Demokratie« ein. Doch ist die Macht der
Bürokratie höchstens angekratzt.
Die Reise durch die »bolivarianische
Revoultion« beginnt mit einer der sonntäglichen Fernsehshows des Präsidenten und
führt über Stadtteilkomitees, alternative Radios, Taxifahrer, Ingenieure,
Philosophen und Frauenaktivistinnen zu den Erdölarbeitern. Immer wieder finden
sich dabei Vergleiche mit Chile Anfang der 70er Jahre. Die Unterstützung der USA
für den Putschversuch im April 2002 gegen Chávez ist kein Geheimnis. Unbeliebt
hatte sich Chávez bei der US-Regierung gemacht, als er weder die Militäraktionen
gegen Afghanistan begrüßte, noch sich dazu bereit erklärte, Washington im
»Antidrogenkampf« in Kolumbien zu unterstützen. In der Auseinandersetzung
zwischen der Regierung in Bogotá und der FARC- Guerilla versucht Chávez zu
vermitteln und hob das uneingeschränkte Nutzungsrechts des venezolanischen
Luftraums durch US- Militärflugzeuge auf. Auch die Wiederaufnahme der
diplomatischen Beziehungen zu Kuba hat das Weiße Haus nicht freundlich gestimmt.
Da Raul Zelik ein
Kenner der Situation in Kolumbien ist, finden sich auch zahlreiche Vergleiche
mit der Situation des Nachbarstaats. Dabei schneidet Venezuela positiv ab. Dabei
geht es nicht um einen unkritischen Blick auf die Situation, sondern um die
Beschreibung von emanzipatorischen Prozessen, von Aneignung des Alltags. Wir
erhalten ein Bild, dass zum Beispiel dem von Gaby Weber widerspricht, die in ila
Nr.254 (März 2002) schrieb: Chávez »lässt die zivile Gesellschaft nicht an der
Macht teilhaben, sondern zentralisiert Entscheidungen in seiner Hand. Kein
Dialog mit den Bürgern, sondern stundenlange Monologe, übertragen vom
staatlichen Fernsehen, jeden Sonntag«. Vielleicht stimmt es, dass die
»bolivarianische Revolution« erst mit der Zurückweisung des Putsches 2002 so
richtig in Gang gekommen ist, wie Raul Zelik an einer Stelle bemerkt.
Im Mittelteil des Buches
finden wir Fotos von Sabine Bitter und Helmut Weber, die sie im Rahmen des
Projekts »Die Kultur der informellen Stadt« gemacht haben. Sie stehen trotz der
kurzen Einführung etwas unvermittelt neben dem Text.
Doch das kann den Wert dieser
»Notizen« nicht schwächen, die eine im emanzipativen Sinne parteiische
Einschätzung Venezuelas bieten.
Tommy Schroedter
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