| SoZSozialistische Zeitung |
Der Berliner Autor und Journalist Raul Zelik hielt
sich voriges Jahr sieben Monate in Venezuela auf und hat soeben das Buch Made in
Venezuela. Notizen zur »bolivarianischen« Revolution (Rezension in SoZ 5/04)
veröffentlicht. Für die SoZ sprach Andreas Bodden mit ihm über die aktuelle Lage
in Venezuela.
Wie kann man das Verhältnis der verschiedenen Faktoren
zueinander, die innerhalb der linken Bewegung in Venezuela eine Rolle spielen —
Chávez, seine Partei, Teile des Militärs und die Basisorganisationen —
beschreiben? Du schreibst in deinem Buch vom »Rätsel Chávez«. Einige Linke in
Deutschland sehen Chávez sogar eher als Hindernis.
Also die Analyse,
dass Chávez ein Hindernis ist, die teilt in der aktiven venezolanischen Linken
mittlerweile niemand mehr. Vielleicht muss man da historisch ein bisschen
zurückblicken. Man kann sagen, dass diese Krise der Repräsentation Ende der 80er
Jahre mit diesem Volksaufstand, dem Caracazo, manifest wird, den damaligen
Plünderungen, der Armutsrevolte. Und dass diese Krise der Repräsentation für
eine neue Bewegung eigentlich Platz gemacht hat, die neue Bewegung ermöglicht
hat.
Manche Leute
sprechen von zwei Aufstandsbewegungen, die sich da entwickelt haben. Eine
Aufstandsbewegung ist die gesellschaftliche, die sich eben in Basisnetzwerken,
Stadtteilorganisationen und alternativen Medienprojekten manifestiert. Die
andere war die in der Armee. Dazu muss man wissen, dass das lateinamerikanische
Militär in seiner Totalität nicht so reaktionär oder rechtsradikal ist, wie dies
einem der Geschichtsblick so manchmal vermittelt.
Diese beiden Aufstandsbewegungen sind
beide ein Ausdruck dieser Krise des politischen Systems, wobei politisches
System nicht nur die herrschenden zwei Parteien meint, sondern durchaus auch die
Parteien der Linken. Insofern ist der Widerspruch zwischen den
Aufstandsströmungen unter den Offizieren und den Basisbewegungen gar nicht so
groß gewesen. Zum Teil waren das auch Leute, die sich schon damals kannten und
die schon 1992 bei den Versuchen, die Regierung zu stürzen, kooperiert haben.
Chávez kam auch aus dieser militärischen Aufstandsbewegung?
Genau, Chávez war ja derjenige, der im Februar 1992 den ersten
Putschversuch geleitet hat und da eben gab es im Vorfeld schon Gespräche mit
linksradikalen Stadtteilorganisationen. Was jetzt das heutige Verhältnis angeht,
würde ich sagen, dass das Verhältnis zwischen Chávez und den sozialen
Organisationen und den sozialen Bewegungen sich sehr positiv entwickelt hat.
Gerade wenn man den Vergleich zu 2000 hat, wo viele Linke noch sehr skeptisch
waren, weil sie gesagt haben, der zeigt gar kein klares soziales oder linkes
Profil, hat sich doch eine Menge getan.
Es sind wichtige Reformen eingeleitet
worden. Was jetzt eine andere Ebene ist, das ist die Geschichte mit der MVR, der
Regierungspartei, weil die nur eine Wahlkoalition ist. Die Regierungsparteien
haben keinen besonders guten Ruf in der Bevölkerung und in der Bewegung. Was
jetzt das Verhältnis zum Militär angeht, da würde ich sagen, die Armee lässt
sich überhaupt nicht als einheitlicher Körper fassen. Es gibt auch in der Armee
Rechte und Linke.
Das Verhältnis zwischen Bewegung und Regierung ist produktiv, aber
auch konfliktreich. Und insofern ist es eigentlich interessant, weil es fast so
was aufzeigt wie eine Aussöhnung von Staat und Lokalmacht. In gewisser Weise
zeigt sich so an dem Verhältnis Regierung—Basisbewegung, dass Holloway mit
seiner Idealisierung der Bewegung von Autonomien totalen Quatsch erzählt. Das
ist sicherlich eine Möglichkeit, um zu überleben oder auch Gesellschaftlichkeit
zu organisieren. Aber was die Zapatisten machen müssen oder was in Argentinien
jetzt passiert, ist erst mal ein Einrichten in der Schwäche. Weil sie eben nicht
gesamtgesellschaftliche Zugriffe organisieren können, die Machtfrage nicht
stellen können.
Venezuela zeigt eigentlich, wie produktiv es ist, wenn solche
autonomen oder selbstständigen Bewegungen bis zu einem gewissen Punkt mit einer
Regierung auch kooperieren können.
Stimmt es, dass die Bewegung, seit
dem der Putsch von der Bevölkerung zurückgewiesen worden ist, eine ganz andere
Dynamik bekommen hat?
Man muss sagen, Chávez‘ politisches Profil ist
am Anfang nicht sehr deutlich gewesen. Und es spricht aber doch möglicherweise
auch für den Prozess, dass das gar nicht so sehr von ihm vorgegeben wird,
sondern durch diese soziale Dynamik und da würde ich deine Frage bejahen. Es ist
mit Sicherheit so, dass 2001/02 ein Bruch war, wobei der zum Teil von der
Regierung ermöglicht wurde. Es gab 2001 vier Reformpakete, die die Opposition
dazu gebracht hat zu putschen. Und zwar versucht die Regierung, die Kontrolle
über das staatliche Ölunternehmen PDVSA zurück zu bekommen, weil die PDVSA bis
dahin quasi Privateigentum der Oligarchie war.
Es gibt eine Bildungsreform, die
armen Studentinnen und Studenten den Zugang zu den Universitäten erleichtern
soll. Es gibt eine Agrarreform, die die Enteignung von Großgrundbesitz
ermöglicht. Und es gibt eine städtische Landreform, die die Legalisierung von
Slums ermöglicht, wenn die Leute sich vorher in selbstorganisierten
Nachbarschaftsversammlungen zusammentun. Und die Niederschlagung des Putsches
ist dann noch mal ein Katalysator, weil die Regierungsparteien bei der
Niederschlagung des Putsches eigentlich keine Rolle spielen. Diese wird wirklich
getragen von den Basisbewegungen und auch von Teilen der Armee. Man kann sagen,
dass diese Mobilisierung der Bevölkerung 2002 dann ein wesentlicher Punkt war,
warum die Protagonistenrolle der Basisorganisationen stieg und warum dann
eigentlich auch eine neue Dynamik eingeleitet wurde.
Welche Rolle
spielt diese Basisbewegung auf dem Land und in den anderen Städten außerhalb von
Caracas?
Darüber ein Bild abzugeben, was in Venezuela passiert, ist
sehr schwer, weil das bisher keine soziale Revolution ist, das steht fest. Es
ist ein politischer Transformationsprozess. Man kann durch Venezuela fahren und
den Eindruck bekommen, es hat sich gar nichts getan. Ich würde auch nicht
behaupten, dass es die Mehrheit der Bevölkerung erfasst hat, sondern es ist eine
interessante Minderheit der Bevölkerung, die sich daran beteiligt.
Ich habe die
Landlosenbewegung im Süden des Landes ein bisschen besser kennen gelernt. Da
kann man sagen, da hat sich viel getan. Es gibt eine sehr massive
Landbesetzerbewegung, wobei man wissen muss, dass nur 7% der venezolanischen
Bevölkerung auf dem Land lebt. Es ist bekannt, dass andere Bundesstaaten noch
deutlicher hinter der Regierung stehen als Caracas, aber möglicherweise, weil
die Prozesse dort stärker in den konventionellen Bahnen verlaufen, da führt dann
die Regierungspartei.
Es gibt sicher in anderen Landesteilen auch Kooperativen, Netzwerke,
Landlosenbewegung, ökologische Projekte, im Süden gibt es eine sehr starke neue
Indigenenbewegung. Man muss auch sehen, Caracas und drei oder vier Erdölzentren
sind mit Sicherheit entscheidend für das, was im Land passiert. In und um
Caracas wohnt ein Drittel der Bevölkerung Venezuelas. Es ist einfach das Gebiet,
wo der politische Konflikt entschieden wird.
Welche soziale Schicht
trägt die Bewegung?
Man kann auf jeden Fall sagen, es ist die
Bewegung der Zahnlosen. Auf den Oppositionsdemonstrationen sind immer Leute,
deren Gebiss komplett ist, bei den Regierungsanhängern siehst du immer eine
ganze Menge Leute, denen du die Armut ansiehst. Es ist sicher eine Bewegung, die
von den Barrios getragen wird. Man kann auch nicht sagen, die
Gewerkschaftsbewegung ist geschlossen so rechtslastig wie die Bürokratie des
Dachverbands CTV.
Die Kleinbauernverbände haben sicher auch eine Rolle gespielt, die
Indigenenverbände haben eine Rolle gespielt, die afrovenezolanische Bewegung
ebenso. Aus der Sicht von Caracas würde ich sagen, dass die
Barrioorganisationen, also eine territoriale Macht, die alternativen Medien und
die alternativen pädagogischen Netzwerke das getragen haben. Und da ist ja
interessant, dass die Klassenzusammensetzung in den Barrios nicht so ganz
eindeutig ist. Weil das ja territoriale Organisationsformen sind, kommen da
durchaus unterschiedliche Leute zusammen. Leute, die sich als Straßenhändler
verdingen, das sind manchmal auch Kleinkriminelle. Aber eben dann auch untere
Mittelschichten, das unterschätzt man ja auch.
In unserem Buch geht es bspw. sehr
stark um das Neubauviertel »23 de Enero«, das in den 50er Jahren besetzt worden
ist, da haben viele Leute Berufsausbildung, also da sieht es in den Wohnungen
eher kleinbürgerlich aus. Die Leute kommen territorial zusammen, wegen
ethnischer Diskriminierung, wegen der Landfrage oder auch durch eine politische
Erzählung. Das darf man auch nicht unterschätzen. Die politische Erzählung des
Bolivarianismus, die immer wieder appelliert an die nationale Souveränität,
nationale Würde, das Recht auf soziale Reformen im souveränen Raum.
Welche Rolle spielt die neue Verfassung?
Die Verfassung
ist nicht ausschließlich in der verfassunggebenden Versammlung entstanden. Ich
glaube, dass die Regierungsanhänger das ein bisschen übertreiben und ein
bisschen schön reden, wenn sie sagen, das sei ein völlig kollektiver
gesellschaftlicher Prozess gewesen. Aber es ist in vielen Orten über die
Verfassung diskutiert worden und die Wege zur Politik sind und waren sehr kurz.
Die Leute in der verfassungsgebenden Versammlung waren alle neu, aus
Stadtteilorganisationen u.ä.
Die Verfassung ist ein politisch-inhaltliches Konzept des
Transformationsprozesses. Da steht z.B. drin, dass man sich vom Neoliberalismus
lösen möchte und neue Sektoren solidarischer Ökonomie aufbauen will. Die
nationale Souveränität, der Freiraum gegenüber den USA und Europa, eine
Gestaltung einer eigenständigen Sozialpolitik wird sehr stark betont.
Im Süden wird die Forderung
nach sozialer Emanzipation immer noch sehr stark verknüpft mit der Forderung
nach nationaler Souveränität. Es gibt die Indigenen-Gesetze, die von den
Indigenen auch entwickelt wurden. Die Indigenenparagrafen ermöglichen, dass die
Indigenengemeinschaften eine weitgehende Autonomie zurück erlangen. Die
Genderproblematik wird wahrgenommen, Hausarbeit wird als Mehrwert schaffend
definiert in der Verfassung, überall wird die weibliche Form reingeschrieben.
Die Verfassung gibt Transformationsziele vor. Das ist ihre wichtige Funktion.
Informationen und Meinungen sollten keine Waren sein.
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umsonst aus. Wir brauchen Eure Euros.
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