In dem Roman "Der gefrorene Freund" geraten drei baskische Jungs mit einer ETA-Aktion in Verbindung. Später flüchten sie nach Südamerika. Zwischen dem Ende der Kindheit und einer "eisigen" Verlorenheit in einem ungewissen Exil 30 Jahre später klafft im Buch eine Leerstelle.
Wenn ein abgetauchter ETA-Terrorist nach mehreren Gedichtbänden einen Roman veröffentlicht, rechnet man mit einem Buch, das zumindest Elemente eines politisch-ideologischen Bekenntnisses enthält. Sie könnten rechtfertigender oder auch widerrufender Natur sein, aber irgendeine Einladung zur Auseinandersetzung mit dem brandheißen Thema des baskischen militanten Nationalismus hätte man sich gewünscht.
Joseba Sarrionandia spart eine grundlegende Diskussion der Motive seiner Figuren, die sie einst in die Reihen der ETA führten und später in die Emigration, deutlich aus. Stand hier die Überlegung im Vordergrund, der Falle eines politischen Romanpamphlets zu entgehen? Vielleicht. Wichtiger aber dürfte als Schreibanlass ein Grundgefühl sein, das eine der Figuren nach langen Jahren der Emigration und der Flucht zum Romanende hin zum Ausdruck bringt: "Wie ein abgehackter, liegen gelassener Baumstamm blicken wir von draußen auf die Welt."
Das Thema dieses Romans ist die Distanz als Lebensgefühl, das Sich-Entfernen von einem Lebensinhalt, der irgendwann einmal sehr wichtig war, hin zu einer schwebenden, undefinierten Existenz, die letztlich mit keiner Realität mehr in Verbindung steht. Der Romantitel deutet das ebenso an wie die gescheiterte Antarktis-Expedition per Schiff, für die sich eine der Romanfiguren anheuern lässt: ein langsames Treiben zwischen Packeis und Eisbergen, das am Ende ohne ein Ziel bleibt, weil sich das Schiff im Eis "festfährt".
Auf zwei Zeitebenen, die konsequent alternierend in den Kapiteln behandelt werden, spielt sich das Romangeschehen ab. Zum einen im Spätfranquismus, um 1970, als sich Goio, Andoni und Maribel als jugendliche Schüler in einer Kleinstadt im Baskenland begegnen. Sehr realistisch und ohne Überzeichnungen schildert der Autor ein gedämpft repressives Klima, in dem die Halbwüchsigen nur vage die politischen Spannungen registrieren, sich wie normale Pubertierende verhalten und eher zufällig mit einer ETA-Aktion in Verbindung geraten. Die zweite Zeitebene ist das Jahr 2000. Den drei Hauptfiguren begegnet man in Lateinamerika wieder, wohin sie sich geflüchtet haben, allerdings jeder für sich und nicht etwa als Gruppe.
Zwischen Nikaragua, Ekuador und Kolumbien spielt hier die Handlung, und es ist die Ebene, auf der sich die existentielle Verlorenheit der Personen in Szene setzt. Goio, jener "gefrorene Mann" aus dem Titel, ist offensichtlich von einer schweren Depression befallen, er ist apathisch und spricht kein Wort. Maribel, "die Briefträgerin", will ihm helfen und sucht dafür den Kontakt mit Andoni. Das Unternehmen gelingt, Goio wird schließlich "aufgetaut", aber in diesem Prozess zeigt sich auch die weitere Verschärfung der Situation. Seit sich mehrere lateinamerikanische Länder bereit erklärt haben, ETA-Terroristen aufzuspüren und an Spanien auszuliefern, werden die Fluchträume und Rückzugsmöglichkeiten immer rarer.
Das große Manko dieses Romans besteht im Ausblenden der entscheidenden Mitte, die diese Biographien offenkundig geprägt hat. Zwischen dem Ende der Kindheit und einer "eisigen" Verlorenheit in einem ungewissen Exil 30 Jahre später klafft der Abgrund, klafft das Eigentliche als eine riesige Leerstelle, die den Leser zunächst vor unlösbare Fragen stellt. "Liest" man diese Leerstelle freilich als ein gezielt eingebautes Romanelement, wird sie durchaus als Kommentar erkennbar.
Rezensiert von Gregor Ziolkowski
Joseba Sarrionandia
Der gefrorene Freund. Roman
Aus dem Baskischen von Petra Elser und Raul Zelik
Blumenbar Verlag, München 2007
430 Seiten, 22,00 Euro
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