Ein Land im Aufbruch
von Peter Nowak (Vorwärts-Schweiz / Juni 2004)
Was geht vor in Venezuela? Was bedeutet "Bolivarianische
Revolution "? Die Ereignisse in dem lateinamerikanischen Land stellen
auch viele Linke vor Fragen. Antworten gibt unter anderem das neue Buch
"Made in Venezuela - Notizen zur Bolivarianischen Revolution".
Lange hat die politische Entwicklung in Venezuela kaum jemanden
interessiert. Wer nahm schon wahr, dass am 11. April 2002 das Militär
die Regierung Hugo Chávez abgesetzt hatte, nachdem es bei einer
oppositionellen Demonstration zu Toten und Verletzten gekommen war. Als
zwei Tage darauf der gerade gestürzte Präsident wieder an die Regierung
zurückkehrte, sorgte das nicht für mehr Interesse. Ein gescheiterter
Putschversuch mehr. Im alternativen Info-pool Indymedia durfte sich eine
europäische Venezuela- Touristin darüber ausbreiten, wie euphorisch in
ihrer Umgebung der Sturz Chávez' gefeiert wurde und wie entsetzt alle
waren, als dann revolutionäre Gesänge und Slogans zu hören waren. Für
die Wohlhabenden das klare Zeichen des Scheiterns des Putsches. Dass in
den drei Tagen eine Massenbewegung die Rückkehr des Präsidenten erzwang,
war nur einem kleinen Kreis von Linken bewusst. Im aktuellen Buch "Made
in Venezuela", herausgegeben unter anderem vom Journalisten und
Schriftsteller Raul Zelik, wird noch einmal beschrieben, wie der Putsch
inszeniert wurde und das Weisse Haus schon zum Machtwechsel gratulierte.
Doch kam dann ein Faktor ins Spiel, den die Putschisten und ihre
Unterstützer wohl vernachlässigten: Die Armen, die Indigenen, die
BarriobewohnerInnen kamen von ihren Wohnstätten in den Hügeln runter ins
Zentrum von Venezuelas Hauptstadt Caracas. Mehr als vierzig Menschen
wurden dabei von den Putschisten erschossen. Wer Zeliks Buch liest,
erfährt, warum die Menschen diese Opfer auf sich nahmen. Sie
verteidig(t)en nicht die Person von Chávez, sondern den Prozess der
gesellschaftlichen Umgestaltung, der auch bolivarianische Revolution
genannt wird. Zelik zeigt mit seinen Berichten deutlich, was sich hinter
dieser Revolution verbirgt. Er weilte als Gast der Kulturstiftung des
deutschen Bundes in Caracas. Mit ArchitektInnen und UrbanistInnen aus
aller Welt sollte er mehrere Monate über die "Kultur der informellen
Stadt" diskutieren. Seine KollegInnen Sabine Bitter und Helmut Weber
steuern denn dem Buch auch einen interessanten Fototeil zur Architektur
in Venezuela bei. Diese Distanz zum Geschehen macht das Buch
interessanter. Immer wieder reflektiert der Autor, wie das, was gerade
vor seinen Augen abläuft, in der europäischen Linken diskutiert wird.
Souveränität von Nationalstaaten, Militärs als Unterstützer von
progressiven Massnahmen, religiöse Praktiken in den Elendsvierteln: Da
gehen in Europa die linken Warnblinker an. Ganz Schlaue sind sich
sogleich sicher, dass hier nur neue Herrschaft und Unterdrückung
herauskommen kann. Zelik zeigt immer wieder, dass sich die realen
Prozesse nicht an solche Schemata halten. Allerdings verfällt er auch
nicht in das andere Extrem, alles als revolutionär zu verklären. Immer
wieder zeigt er Widersprüche auf, deren Kommentierung er dem Leser und
der Leserin überlässt. So beschreibt er anhand konkreter Ereignisse, wie
sich linke BasisaktivistInnen und altgediente Staatsfunktionäre
gegenseitig blockieren. Auch ist die Korruption so schlimm wie noch nie.
Doch Zeliks Hauptaugenmerk gilt den zahlreichen Basisinitiativen, die in
den letzten Jahren in Venezuela aus dem Boden geschossen sind, in den
Barrios wie in der Landwirtschaft. Freie Radios lassen die Bevölkerung
nicht nur zu Wort kommen, sondern animieren sie zum Radiomachen. Selbst
die staatliche Druckerei ist mittlerweile ein Kollektivbetrieb in den
Händen der Beschäftigten. Gedruckt werden in Regierungsauftrag
Broschüren über die Gefahren der kapitalistischen Globalisierung oder
auch ein Interview des Präsidenten, in dem er über Marx und Negri
spricht. Zeliks Buch konnte natürlich die aktuellen Ereignisse nicht
mehr berücksichtigen. Die Opposition hat ein Referendum gegen die
Regierung durchgesetzt, obwohl strittig war, ob sie genügend
Unterschriften dafür gesammelt hat. Mitte August wird sich entscheiden,
ob die Regierung im Amt bleibt. Doch Zelik ist sich sicher: Der
gesellschaftliche Umwandlungsprozess lässt sich nicht so einfach
zurückdrehen. "Die entstandenen Bewegungen würden, wenn es der
Opposition in der nächsten Zeit doch noch gelänge, die Regierung Chávez
per Wahlen oder mit Gewalt zu beseitigen, nicht einfach von der
Bildfläche verschwinden."
ZELIK RAUL, BITTER SABINE, WEBER HELMUT: MADE IN VENEZUELA - NOTIZEN ZUR
"BOLIVARIANISCHEN REVOLUTION"
ASSOZIATION A, BERLIN, 144 SEITEN, 23.60 FRANKEN