"Es" scheint etwas zu tun zu
haben mit der Inkongruenz der "Berliner Verhältnisse" - nicht
umsonst der Romantitel - und Marios eigener Disposition: Anfang
Dreißig, ohne Job und Perspektive und dabei im allgemeinen auch noch
zufrieden. Da sich die Republik in diesem Moment nicht eben auf
Mario zubewegt, versucht der plötzlich von allen gängigen
Selbstzweifeln und Fremderwartungen Getriebene, ihr von sich aus zu
begegnen, was freilich im Desaster enden muß. Dreihundert Seiten
braucht der Held, um zu bemerken, daß er dem "Es" nur als
Entsagender näherkommt: "Nichts aus sich machen, sondern lieber noch
eine Runde weiterschlafen. Sich von dem Leistungsterror gar nicht
erst anstecken lassen, das war es." Auch der Maus hat die
neunmalkluge Anmache bekanntlich wenig genutzt.
Zwischen Krise und
Selbstfindung entfaltet sich eine turbulente Komödie, die ihren Witz
aus ebendieser Inkongruenz bezieht: Bei Verschiebung der
Wertmaßstäbe ins klischeehaft Basisdemokratische bleibt die
durchschnittliche Befindlichkeitsamplitude unverändert: Wut, Streit,
Minderwertigkeitsgefühle, Eifersucht, Robin-Hood-Phantasien, all
dies hat einen wirklichen Kern, während die auf einen
"Outsourcing"-Kreislauf reduzierte Business-Welt nur als groteske
Folie fungiert. Genau mit dem unternehmerischen Pol der Gesellschaft
aber läßt sich die Kreuzberger Wohngemeinschaft ein.
Anfänglich wollen Piet,
Wassilj, Mario und Didi lediglich den ausstehenden Lohn der
illegalen Rumänen eintreiben. Doch das Inkassogeschäft erweist sich
als so lukrativ, daß die vier Antikapitalisten voll einsteigen und
von ihrem Anteil auf größerem Fuß zu leben beginnen. Die Probleme
kommen nicht unbedingt durch das Geld, aber doch zeitgleich. Zum
einen kreuzen sich bald die Wege von Mario und Wolfgang, dem
chaotischen Immobilienmakler. Zudem verliebt sich Mario in die
"Einzelhandelstusse" Melek, die vor Jahren als Kontingentflüchtling
aus Bosnien nach Deutschland gekommen ist. Ihr möchte der schluffige
Held den erträumten Edeka-Laden vor die Füße stellen, weshalb er
mehr Geld benötigt, während die anderen bald genug haben. Die
Katastrophe aber bahnt sich an, als die gesamte Kommune Mario und
seinen Bruder verdächtigt, mit dem Klassenfeind schlechthin - der
Ausländerpolizei - kooperiert zu haben. Doch alles nimmt ein gutes
Ende: Wolfgangs oktroyierte Rückkehr zur Natur (Rumänien) gerät zur
Heilung ("keine Immobilien mehr machen"), und Mario landet nach
Durchstehen einer gleichgeschlechtlichen Scheinehe doch noch in den
Armen der Geliebten.
Zelik arbeitet stark mit
direkter Rede, pointengespickten Dialogen und Selbstgesprächen. Ohne
Hemmungen bildet er auch phatische oder mißlingende Kommunikation
ab. Warum aber erscheint eine Ewigkeit nach Popliteratur, Wladimir
Kaminers "Russendisko" und Sven Regeners "Herr Lehmann" überhaupt
noch ein Berlin-Roman von unten? Innovativ wirkt hier allein die
Strategie des Ex-Stasi-Inkasso-Konkurrenten, der seine Klienten
zwecks Demütigung im Hasen- oder Entenkostüm verfolgt. In bezug auf
die literarische Form jedenfalls kann Zeliks Roman nur auf einen
Trostpreis spekulieren. Und inhaltlich läßt einen die
Späßchen-Verkettung oft im Satireregen stehen. Dem entspricht ein
(längst üblicher) lapidarer Sprachgestus, der sich eher an E-Mails
orientiert: "Was also tun? Mario ließ den Blick die Straße
entlangschweifen . . . Genau: Saufen!" Beiseitegesprochenes,
versteckte Apostrophen halten den Leser wach: "Was waren Donuts
eigentlich genau? Irgendwas Gebäckmäßiges. Und es machte
offensichtlich fett. In Amerika, wo die Leute so was aßen, waren
alle fett."
Warum also ein
"Unterschichtenroman", wie es im Untertitel heißt? Die Antwort
verbirgt sich in dieser - ernstgemeinten - Genrebezeichnung. So mag
Oskar Lafontaines von Victor Hugo ausgeborgte Kalenderweisheit auch
in ihrer Umkehrung zutreffen: Keine Ohnmacht ist größer als die
einer Idee, deren Zeit vorüber ist. Ohnmacht nämlich ist es, die
Zelik als letztes Refugium des Wahren im Falschen gilt, politisch
gesprochen: Anarchie. Es ist diese Haltung (und nicht das
sprachliche oder literarische Substrat), welche den Roman prägt, ein
Optipessimismus, der nicht einmal die Verächter siegen läßt.
Schließlich kämpft Mario nicht, er zelebriert das eigene
Scheitern.
Die politische Dimension
gewinnt Konturen, nimmt man die übrigen Veröffentlichungen Zeliks
hinzu. So monierte der Autor beispielsweise die in der
Agamben-Rezeption zu beobachtende Grenzverwischung zwischen
"No-Border-AktivistInnen" und "bürgerlichem Feuilleton", denn nach
wie vor gelte: "Die Staatsmacht ist nicht die, die sie zu sein
vorgibt." Jüngst hat sich Zelik den selbsternannten Hugo-Nachfahren
gewidmet: Das Entstehen der Linkspartei sei zwar ein Symptom der
Krise des durch Rot-Grün nach rechts gerückten "hegemonialen
Konsenses", doch diene sie tragischerweise ihrer Überwindung. Am
Ende werde der Konsens gekittet sein, "die herrschende Politik"
erneut "als alternativlos" hingenommen werden. Einen
gegendiskursiven Jux will Zelik sich machen.
Die "Berliner Verhältnisse"
führen "es" vor Augen: ein jenseits von Mitte zu verortendes
Einwanderungsland (die meisten Figuren sind Migranten), in dem sich
niemand um heute allerorten nachgeplapperte Leerformeln wie
Sparzwang oder weltpolitische Verantwortung schert. Das ist
sympathisch, beinahe revoluzzerisch. Die "taz" hat Zelik bereits zum
"modernen Vertreter der engagierten Literatur" gekürt.
Doch ist diese Arbeit am
Paradigma bedroht von der Einlinigkeit, geradezu Simplizität des
Textes. Wo das Leben eine Pleiten-Pech-und-Pannen-Baustelle ist, wo
die fetten Jahre derart kurzatmig und humoresk vorüber sind, da ist
man nicht in Utopia, sondern im deutschen Witzkino. Tatsächlich
entstand Zeliks Roman als Seitenstück zu einem gemeinsam mit Detlev
Buck erarbeiteten Drehbuch. So steht - von wegen Rilke! - die
brachial lustige Verfilmung mit allen bekannten Haupt- und
Nebenrollen zu erwarten. Auch das sind Berliner Verhältnisse.
OLIVER JUNGEN.
Raul Zelik: "Berliner
Verhältnisse". Roman. Blumenbar Verlag, München 2005. 318 S., geb.,
18,- [Euro].