Raul Zelik hat einen Roman über einen Berliner
Helden geschrieben. Mario wohnt mit seinem
schwulen Mitbewohner Piet und den Rumänen Wassilij
und Didi in einer WG in Kreuzberg. Er hatte "im
Verlauf der Jahre mit verschiedenen Daseinsformen
herumexperimentiert (Hundebesitzer am Kottbusser
Tor, antifaschistisches Kollektiv, offene
Fünferbeziehung)". Mit seinen 32 Jahren kommt er
aus ihm unerfindlichen Gründen in eine Sinnkrise:
Plötzlich geht ihm der WG-Lärm auf die Nerven -
die Rumänen müssen raus! Wassilij und Didi sind
Bauarbeiter ohne Arbeitsgenehmigung, und zu allem
Übel warten sie vergeblich auf ihren Lohn. Deshalb
fasst die Wohngemeinschaft einen Entschluss: Sie
werden die Löhne eintreiben! Aber Schuldner und
Elektromeister Patzky ist auch nur Auftragnehmer,
und so entwickeln sich die deutsch-rumänischen
Freunde bald zu einem gefürchteten
Inkasso-Unternehmen. Bis Mario merkt, dass sein
eigener Bruder, der auch in der Bauwirtschaft
tätig ist, in den fiesen Machenschaften tief mit
drinsteckt ...
Ist Herr Lehmann als Mario im heutigen Berlin
angekommen? Das Buch ist vor Lehmann
entstanden, auf Basis einer Kurzgeschichte aus
2001, die Detlev Buck und ich zum Drehbuch
umgearbeitet haben. Und aus dem Drehbuch habe ich
jetzt den Roman gemacht. Aber mit Herrn Lehmann
hat das nix zu tun.
Auf den ersten Blick ist Mario arbeits- und
antriebslos. Nein, überhaupt nicht. Als
Figur ist der sehr offen. Der soll kein Schluffi
und kein Trottel sein. Er weiß über viele Sachen
sehr gut Bescheid, nur will er das Rad des
Funktionieren-Müssens und des Leistung-Gebens
nicht mitdrehen. Es geht darum, sich Dingen zu
verweigern. Das ist eine hohe Überzeugungs- und
Energieleistung, die man aufbringt, um da nicht
mitzuspielen. Er ist auch überhaupt nicht
desinteressiert, ganz im Gegenteil, weil er ja den
Antrieb entwickelt, sich für die Löhne von
illegalen Nachbarn ohne Papiere einzusetzen.
Ist Mario ein typischer
Kreuzberger? In dem Buch geht es genau
darum, wie blöde solche Identitätszuschreibungen
sind. Es werden zwar Klischees bemüht, aber dann
auch wieder aufgehoben. Insofern gibt es keinen
typischen Kreuzberger. Kreuzberg ist ein Klischee,
eine Erzählung.
Marios Mutter ist eine typische
Ex-Aussteigerin, die sich auf Gomera neu
orientiert. Und Marios Mitbewohner ist ein
Musterschwuler. Okay, es gibt einen Haufen
Klischees. Das Buch ist ja auch eine Komödie. Aber
das sind Pappkameraden, die aufgebaut werden, um
sie danach wieder umzuschmeißen. Der Musterschwule
wird heterosexueller Familienvater und dann doch
wieder schwul, und die rumänischen Bauarbeiter
sind Kunstgeschichtler, die gern John Cage
hören.
Wie viel hat Mario mit dir selbst zu
tun? Alle Personen, über die man schreibt,
haben viel mit einem selbst zu tun. Mit Mario
verbindet mich jetzt nichts im Besonderen. Obwohl
die Bruder-Konstellation mit mir zu tun hat, weil
mein Bruder auch in Immobilien gemacht hat und
Pleite gegangen ist.
Und daher auch das Insider-Wissen über die
Bauwirtschaft? Outsourcing ist ja heute
völlig normal, nicht nur auf dem Bau. Also prekär
beschäftigt zu sein und für Leute zu arbeiten, die
dann gar nicht diejenigen sind, die einen
bezahlen, sondern als Stationen dazwischen
geschaltet sind. Dass man seinen Lohn nicht
bezahlt kriegt, weil der eigentliche Arbeitgeber
pleite oder weg ist. Für viele ist das alltäglich.
Ich hätte gern gehabt, dass das Buch "Die
Tomaten-Outsourcing-Geschichte" heißt, aber das
fand der Verlag verständlicherweise nicht so
toll.
Der Untertitel lautet "Unterschichtenroman".
Sprichst du für die Unterschicht? Ich
vertrete keine Message. Aus dem Buch spricht die
Überzeugung, dass die gesellschaftlichen
Verhältnisse, wie sie sind, scheiße sind. Da
reicht ein Blick in den Lebensalltag von uns
allen. Die deutsche und europäische
Migrationspolitik zielt darauf ab, einen
wesentlichen Satz von Arbeitskräften auf dem Markt
in illegalen Arbeitsverhältnissen zu halten. Weil
illegale Arbeitsverhältnisse völlig entrechtet
sind und die Leute deshalb besonders billig
arbeiten - für drei Euro und weniger. Und das ist
erwünscht. An der Grenze zwischen Marokko und
Spanien sind in den letzten acht Jahren so viele
Leute gestorben wie in 40 Jahren an der
innerdeutschen Grenze, der früheren
BRD/DDR-Grenze. Dieses ganze Grenzregime ist nicht
dafür da, zu verhindern, dass Leute reinkommen,
denn man braucht diese Leute ökonomisch ja. Es
wird dafür gesorgt, dass eine bestimmte Zahl
reinkommt, dass man regulieren kann, wie viele das
sind. Und dass die, die reinkommen, für einen
Zeitraum als entrechtete Arbeitskräfte zur
Verfügung stehen. Das ist eine besonders perfide
Art, Profitbedingungen zu verbessern und die
Bedingungen für die Menschen zu verschlechtern.
Der ganze Einwanderungsdiskurs ist im Grunde
genommen eine große Heuchelei.
Willst du als politischer Schriftsteller
diese Zustände aufdecken? Nein, man
schreibt darüber, was einen beschäftigt. Da
schlägt sich die Haltung nieder, die man zu Dingen
hat. Man schreibt über seine Wut. Dieser Roman
kommt zwar pulpig daher, die Haltung kommt aber
trotzdem zum Ausdruck. Aber "aufdecken" will ich
nichts.
Autor Raul Zelik wurde 1968 in
München geboren, nach vielen
Lateinamerika-Aufenthalten lebt er heute als
freier Autor in Berlin. Er publizierte bisher die
Romane "Friss Und Stirb Trotzdem", "La Negra" und
"Bastard", den Erzählband "Grenzgängerbeatz" und
das Sachbuch "Made In Venezuela. Notizen Über Die
Bolivarianische Revolution". "Berliner
Verhältnisse" ist seine erste Veröffentlichung bei
Blumenbar. Das Venezuela-Buch erscheint demnächst
auf Spanisch. Zahlreiche Auszeichnungen und
Stipendien zieren seine vielseitige Vita. Er wohnt
mit seiner Freundin und seinem neun Monate alten
Sohn Malek in Berlin Kreuzberg, wo sonst?
Lesung Am 3. November um 21 Uhr
findet die Release-Party von "Berliner
Verhältnisse" im Festsaal Kreuzberg in Berlin
statt. Der Eintritt ist frei.
Raul Zelik Berliner
Verhältnisse Blumenbar, 318 S., EUR
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