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Grenzgängerbeatz Erzählungen von Raul
Zelik von Gaby Küppers
Schnoddrig ist wahrscheinlich nicht das richtige Wort. Zu
altmodisch. „Cool“ vielleicht? Ist ebenfalls eine Jahrgangsfrage. Vor
einigen Jahren noch standen wir einem „coolen Typen“ misstrauisch
gegenüber. „Cool“ war gleichbedeutend mit unterkühlt, souverän, eine Spur
blasiert, nicht unbedingt sympathisch. Heute steht „cool“ am vorläufigen
Ende einer Chronologie, die mit dem vorzeitgrauen „dufte“ anfängt, über
„Spitze“, „Klasse“ und „super“ verläuft und bei „geil“– für heutige Kids
verständlich – endet.
Einigen wir uns also auf das
neudeutsche „cool“ für die Sprache in Raúl Zeliks Erzählungenband
„Grenzgängerbeatz“. Szenesprache und überhaupt die Szene der under
thirties aus dem Kiez, aus Hochhaussiedlungen und Großfamilien, sind das
Material, aus dem der Autor die Träume seiner HeldInnen wirkt. Obwohl...
HeldInnen geht auch irgendwie nicht, auch wenn sie moralisch, immer wieder
durch und durch moralisch sind. Melek zum Beispiel, in „Lob der
Ausländerkriminalität“, eine typische Kreuzbergerin, deren Vorfahren über
Albanisch-Mazedonien und die Türkei schließlich in Berlin landeten. Weil
Melek so gutmütig ist und eine gehörige Portion Verantwortungsgefühl für
die Unikümer und Strauchelnden der Nachbarschaft entwickelt, gehen im
Lebensmittelladen der Eltern auch mal Waren zweifelhafter Herkunft über
die Theke. Bis dass ein Kontaktbeamter auftaucht... Dass die Geschichte
gut ausgeht, liegt daran, dass, von Nahe besehen, die Menschen ganz anders
ticken, als die Paragraphen vorschreiben. Und dass Vorteilskrämerei
keineswegs eine Tugend ist, die Angehörigen nicht-deutscher
Stammbäume besonders im Blut läge.
Oder nehmen wir „Gül, die Rose“. Gül ist die Ghetto Queen
(„Hey, Mann, iss alles Ghetto, Alter“), die „Aufsteiger-Alis und Omis aus
dem 4. Stock“ nicht leiden kann, ihren Stiefel als moderne Kurdin
durchzieht. Dann aber wird sie doch in der Türkei mit einem Cousin
verheiratet, der ihr jedoch nicht gewachsen ist. Gül haut ab, taucht
unter. Das Roadmovie hat ebenfalls ein Happy-End im besten Kreuzberger
Sinne, will sagen, ein Ende jenseits von Sozialromantik und
Rollenschemata, die auf die neue (Entschuldigung: )Multikultigeneration
einfach nicht passen.
Das geht auch j.w.d. in der Provinz. In den
„Iserlohn Beats“ gerät der Kurde Fikret in eine Bilderbuchfehde um die
ausgespannte Braut eines Jugoslawen aus Dortmund, „der dort in der zweiten
Generation auf Stahlkocher-ABM machte.“ Und während die Jungs einen auf
Macho machen, hat die seitengesprungene Braut als einzige den Durchblick,
was sie freilich nicht rettet...
Raúl Zelik portraitiert eine
Generation, deren Welt sich aus auf der literarischen Landkarte noch kaum
entdeckten Koordinaten zusammensetzt. Mit so großer Kenntnis ihres
Innenlebens, dass man ihn wie Hitchcock in seinen Filmen immer wieder in
einer Nebenrolle sucht. Doch nicht in diesen Miniaturen aus dem Leben der
Ghettokids, Kaufhallen-Lans, von Menschen, die Ceyhan, Slobo, Serol oder
Horstundrenate (sic) heißen und Aldijacken tragen, taucht ein erzählendes
Ich auf, sondern in einer zweiten Sorte von Texten in diesem Band, in
zwischengeschalteten Reiseerinnerungen. Sie führen, wie nebenstehend
„Unter der Raffinerie“ aus Kolumbien, nach Lateinamerika, aber auch ins
Baskenland („Von Lieferwagen, Schmugglern und Grenzgängern“) und nach
Nordafrika („Der mauretanische Schlüsselfetischist“). In ihnen tritt ein
ganz anderer Aspekt in den Vordergrund.
Wo in den Kurzgeschichten
ein Insider die Vorurteile gegenüber einer nicht mainstream-deutschen
Jugend persifliert, geht es in den Reiseerinnerungen um die Reflexionen
eines Besuchers, der eine grundsätzliche Fremdheit nicht überwinden kann
und sich am Ende doch wider Willen als „Gringo“ herausstellt. In
Barrancabermeja geht der Erzähler am Ende seiner Angst auf den Leim; in
Marokko muss er feststellen, dass sein Aufenthalt ihn den
Saharaoui-Konflikt keinen Deut besser verstehen läßt; in Guyana fühlt er
sich am Ende „waschlappenmäßig“ wie nie. Wie auch in den in Deutschland
spielenden Kurzgeschichten legt Raúl Zelik ein unglaubliches Gespür für
das Detail an den Tag, in dem sich eine Stimmung am exaktesten einfangen
läßt. Und manchmal reicht ihm eine Apposition für einen ganzen
Denkhorizont. Kostprobe: „Fikret, der Abiturkurde mit der
stickdeckenfreien Wohnzimmereinrichtung“.
Wenn ich jetzt „echt
cool“ sage, ist das wahrscheinlich absolut omihaft. Okay, okay.
u
Raul Zelik: Grenzgängerbeatz, Erzählungen, Verlag Assoziation
A (Zusammenschluss des Verlages Libertäre Assoziation mit dem Verlag der
Buchläden Schwarze Risse/Rote Straße), ISBN 3-922611-89-3, 204 Seiten,
gebunden, 29,80 DM. |