Der gute Terrorist
(Neue
Zürcher Zeitung, Beatrix Langner, 22.8.2007)
Vor zwei Jahren war der deutsche Schriftsteller Raul
Zelik im Baskenland unterwegs auf den Spuren des hierzulande völlig
unbekannten baskischen Schriftstellers Joseba Sarrionandia. Er besuchte
auch das «Industriedorf» Iurreta nahe Bilbao, in dem Sarrionandia
1958 geboren worden war. Seit 1985 hat niemand den Dichter und Romancier
mehr gesehen. Sarrionandia ist einer von geschätzten 2000 politischen
Aktivisten des Baskenlandes, die im lateinamerikanischen Exil oder
irgendwo in Europa in der Illegalität leben. 2004 wurde im südfranzösischen
Béarn der ETA-Führer Mikel Albizu verhaftet, der 1985
untergetaucht war. Albizu war an der Befreiung Sarrionandias aus einem
spanischen Gefängnis beteiligt und verschwand gleich ihm in der
Illegalität. In Zeliks neuem Roman taucht er als «Der bewaffnete
Freund» wieder auf, als charmanter Sympathieträger eines
zivilen, friedensbereiten baskischen Selbstbewusstseins.
Demokratiedefizite
Das Baskenland wird seit 1978 von einer autonomen Regierung
geführt, mit eigenen Verwaltungsstrukturen und Baskisch (vermutlich
eine der europäischen Ursprachen) als Amtssprache. Erst vor kurzem
wurden drei ranghohe Mitglieder der militanten baskischen Organisation
ETA in Südfrankreich verhaftet. Zahlreiche weitere Verhaftungen
seit Juni dieses Jahres zeigen, dass die spanischen Behörden
nach dem Anschlag auf den Flughafen Madrid Ende 2006 und den heftigen
Bürgerprotesten gegen Verhandlungen mit der ETA nun hart durchgreifen
wollen. Man spricht allgemein von mehr als 800 Anschlagsopfern seit
Gründung der ETA 1959.
Aus baskischer Sicht stellt sich der Konflikt natürlich
anders dar. Die Verfolgung baskischer Aktivisten, ihre Flucht in die
Illegalität, der Boykott baskischer Bücher, Zeitungen oder
Popmusik ausserhalb der Euskadi, brutale Folterungen von ETA-Anhängern
bei Polizeiverhören bezeugen auch nach Ansicht des Schriftstellers,
Lateinamerikanisten und Politologen Raul Zelik vor allem die Demokratiedefizite
Spaniens nach dem Ende der Franco-Diktatur, die immerhin nun schon
Jahrzehnte zurückliegt.
Den Basken, allen voran ihrer radikalsozialistischen
Partei Batasuna, gehe die antifaschistische Umgestaltung Spaniens
nicht tief, nicht weit genug. Sie forderten «eine nachholende
Demokratisierung, eine zweite Transición», schrieb Zelik
im April dieses Jahres anlässlich des 60. Jahrestages der Zerstörung
der baskischen Stadt Guernica, mit der auch die erste spanische Republik
und die Autonomie der Basken vernichtet wurden. Die drei Euskadi-Provinzen
Bizkaia, Alava und Gipuzkoa und ihre Organisationen repräsentieren,
so gesehen, schon seit mehr als siebzig Jahren im Spektrum der spanischen
Politik den äussersten linken Rand. So wie Spanien am geografischen
Rand des Kontinents eher unfreiwillig die Rolle zugefallen ist, das
vereinte Europa gegen afrikanische «Eindringlinge» zu
verteidigen, verteidigen die Basken mit ihrer Identität auch
ein anderes Spanien.
Wenn man Raul Zeliks «Der bewaffnete Freund»
gelesen hat, stellt sich allerdings eher der Eindruck her, als würden
die Basken vor allem unter dem Liebesentzug der Spanier leiden, die
ihre ältesten europäischen Verwandten partout nicht als
Nachbarn leiden mögen. Zelik schildert in seinem spannenden politischen
road movie die illegale Autofahrt eines hohen ETA-Funktionärs
von Südfrankreich quer durch Spanien zur Meerenge von Gibraltar.
Er lässt ihn den Hass der spanischen Hotelwirte und Taxifahrer
spüren, sich auf den eigenen ganzseitigen Fahndungsfotos betrachten,
schwer krank, aber nie humorlos werden und mit spanischen Milizionären
Katz und Maus spielen. Dieser Zubieta, etwa fünfzigjährig,
wird von einem jungen Deutschen gefahren, der sich zu Europastudien
an der Universität von Bilbao aufhält. Wer Zeliks politische
Analysen und Kommentare in den letzten Jahren verfolgt hat, wird in
der Figur Zubieta unschwer das reale Vorbild Mikel Albizu erkennen.
Entfernte Verwandte
Zelik plädiert mit Klugheit, moralischer Integrität
und verhaltener Trauer, doch nie unparteiisch, für die Beendigung
der Gewalt und den längst fälligen Übergang des baskischen
Konflikts in ein zivilgesellschaftliches, gewissermassen gesamteuropäisches
Lösungskonzept, das von gemeinsamer Verantwortung getragen wäre.
Aus dem Terroristen Zubieta wird im Schlussbild der liebevolle Familienvater.
Ein romantischer Traum? Zeliks konziser Abriss der historischen Wurzeln
des Konflikts, seine Figurenporträts, die Begegnungen mit dem
alltäglichen Spanien sind jedenfalls von einer Mitmenschlichkeit
getragen, die aus Lesern Mitfühlende, entfernte Verwandte, Europäer
macht. Man kann diesen Roman nach der Lektüre nicht gleichgültig
weglegen. Seine nachdenkliche, de-eskalierende Erzählweise, gemischt
aus Essay, Dossier und Novelle, ist ein wohltuendes Antidot gegen
die aufgeheizten Terrorismusdiskurse unserer Tage.
Beatrix Langner