Durch andere sprechen
Raul Zelik untersucht politische Gewalt mit den Mitteln des Romans.
Für taz-Autor Fanizadeh ist er deshalb Terrorsympathisant
Junge Welt, 10.8. 2007,
Thomas Wagner
Raul Zeliks neuer Roman
ist ein spannender Politkrimi. Die Hauptfigur, zugleich der Ich-Erzähler,
ist ein Sozialwissenschaftler aus Deutschland. Mit seinem Liebhaber
reist er nach Spanien, in die Region der Stadt X, einer leicht zu
entziffernden Chiffre für das Baskenland. Dort soll der Protagonist
in einem EU-Projekt über die »Konstitution staatenübergreifenden
Bürgerbewußtseins« forschen. Unerwartet tritt die
Vergangenheit in sein Leben. Zubieta, ein seit Jahren in der Illegalität
lebender Anführer einer bewaffneten politischen Gruppe, nimmt
Kontakt zu ihm auf und bittet den Freund aus Jugendtagen um einen
Gefallen. Er soll den gesuchten Terroristen in geheimer Mission
mit dem Auto durch Spanien fahren. Der Romanheld zögert, hat
Angst. Er fürchtet selbst in das Netz der Terrorfahnder zu
geraten. Schon vor Jahren hatte er dem untergetauchten Zubieta geholfen,
als er ihm eine auf ihn registrierte Kreditkarte zur Verfügung
stellte. Trotzdem entscheidet er sich, dem Freund erneut zu helfen.
Schließlich war er es gewesen, der den von beiden verehrten
Schriftsteller Sarrionandia aus dem Gefängnis befreit hatte.
Zelik schildert die
folgende Reise wie ein literarisches Roadmovie durch den politischen
Untergrund der iberischen Halbinsel mit viel Platz für sensible
Reflexionen über Freundschaft, emotionale Nähe, Staatsterrorismus
und die Fragwürdigkeit von militarisierter Gegengewalt. Die
Hauptfigur erfährt, daß es Menschen gibt, die wirklich
da sind, wenn man sie braucht. Gleichzeitig empfindet sie Abscheu
vor Akten »fürchterlicher Gewalt«, die Zubietas
Organisation immer wieder begeht. Einem Untergrundkämpfer hält
der Protagonist vor, sie hätten »einen Haufen Leute umgebracht,
die nichts mit der Sache zu tun hatten«. Auch gegenüber
den politischen Zielen der Untergrundgruppe nimmt er eine skeptische
Haltung ein. Das geforderte Recht auf Selbstbestimmung kommentiert
er spöttisch: »Tolles Recht: eine eigene Polizei, eine
Fahne und ein christdemokratischer Ministerpräsident.«
An einer Stelle räsoniert der Protagonist über die Allgegenwart
von Sprechverboten: »Zubietas Organisation wird in den spanischen
Medien ausschließlich als banda armada oder banda terrorista,
als bewaffnete oder terroristische Bande bezeichnet. Im Regionalradio,
das von der christdemokratischen Autonomieregierung verwaltet wir,
ist häufig der Begriff bewaffnete Organisation zu hören.
Die Selbstbeschreibung von Zubietas Leuten lautet: sozialistisch-revolutionäre
Organisation zur nationalen Befreiung. In der Tageszeitung schließlich,
die der verbotenen Partei nahesteht, ist von den jungen Kämpfern
die Rede. Auf diese Weise ist die Organisation/Bande/Gruppe, deren
Name in aller Munde ist, zu etwas Unsagbarem geworden. Jede Bezeichnung
sorgt für Ein- und Ausschluß. Man ordnet sich durch die
gewählte Bezeichnung einem der verschiedenen Lager zu. Mit
der Wahl des Begriffs scheint alles gesagt zu sein.«
Die scharfe Gewaltkritik,
die insbesondere der Ich-Erzähler im Gespräch mit seinen
Freunden immer wieder vorbringt, wird in der scharfen Buchkritik
von Andreas Fanizadeh (taz vom 2.8.2007) komplett unterschlagen.
Wo die Romanfiguren immer wieder über die Zweckmäßigkeit
und Legitimität des bewaffneten Kampfes streiten, will er allenfalls
»eingestreute Nachdenklichkeiten« erkennen, die »keinerlei
Disput« nach sich zögen. »Die Reflexivität
des Autors« erscheint ihm als bloß »angetäuscht«.
In Wirklichkeit gehe es Zelik »um die Immunisierung vor Kritik«.
Die Kritiker der ETA würden im Roman vor allem als »Weißwein
schlürfende Fettsäcke« geschildert, »die sich
mit Leibwächtern umgeben«. Im Gegenzug relativiere Zelik
den »Autobomben- und Kopfschußterror baskischer Supernationalisten«
durch die »Monsterisierung spanischer Staatsverbrechen«.
Um Zeliks Buch als »Agit-Prop-Literatur« entlarven zu
können, behandelt Fanizadeh den Roman nicht als eine literarische
Fiktion, sondern wie einen politischen Essay, den er einem politischen
Gesinnungstest unterzieht. Das Buch versuche »permanent glauben
zu machen«, daß sich »mit der ausbleibenden Amnestie
für die ETA-Kämpfer nach der Diktatur und quasi alttestamentarisch
mit den begangenen Verbrechen der Staatsseite« die »Fortsetzung
des bewaffneten Kampfs« ganz »locker rechtfertigen«
lasse. Sicher, Zeliks Roman ist eine Stellungnahme – aber
eine literarische. Nicht um die Herausarbeitung einer stringenten
Argumentation, einer kohärenten politischen Position geht es
hier, nicht um ideologische Überzeugungsarbeit, sondern um
einen Reflexionsraum ganz eigener Art, der Widersprüche, Zweifel,
Unsicherheiten zuläßt. Daß Fanizadehs Kritik mit
dem Inhalt und der Intention des Romans herzlich wenig zu tun hat,
wäre vielleicht noch zu verschmerzen. Schwerer wiegt, daß
er den Eindruck erwecken will, hinter dem Ich-Erzähler stehe
der »durch seine deutsche Hauptfigur sprechende Romanautor«
selbst. Abgesehen davon, daß er an dieser Stelle den Unterschied
zwischen literarischer Fiktion und realem Sprechakt verwischt, setzt
dies eine fatale Denunziationslogik in Gang: Wenn Fanizadeh den
Ich-Erzähler als Rechtfertiger terroristischer Gewalt hinstellt
und gleichzeitig behauptet, er sei das politische Sprachrohr des
Romanautors, dann ist es letztlich niemand anderes als Raul Zelik
selbst, der unversehens als Terrorsympathisant da steht. Ein gefundenes
Fressen für die hiesigen Sicherheitsorgane. Fanizadeh kommt
selbst aus der linksradikalen Szene. Er müßte eigentlich
wissen, was er da tut.