Sympathisanten der ETA fordern Unabhängigkeit und Sozialismus für das Baskenland
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Raul Zelik ist ein politischer Schriftsteller und damit eine absolute
Ausnahme in der deutschen Gegenwartsliteratur. Aber nicht nur das: Er
kann auch richtig gut schreiben. »Es ist immer tröstlich, wenn das
Leben überrascht«, lautet ein Satz in »Der bewaffnete Freund«, mit dem
sich auch dieser Roman charakterisieren läßt. Das Buch steckt voller
Überraschungen, nimmt jede Menge ungeahnte Wendungen und liest sich
dadurch ganz nebenbei wie ein packender Thriller.
Dabei
ist Protagonist Max anfangs eine eher leidenschaftslose Figur, ein
typischer deutscher Großstadtintellektueller mit der Unfähigkeit zu
emotionalen Regungen. Zu Beginn des Romans reist er zusammen mit seinem
Freund Rabbee ins Baskenland, um dort an einer Uni-Studie über
europäische Identität zu arbeiten. Die Vergangenheit holt ihn auf
dieser Reise in mehrfacher Hinsicht ein. Zum einen sind da seine
ehemalige Freundin und die gemeinsame Tochter, deren Wege sich mehrfach
in Spanien kreuzen. Zum andern ein Freund aus lange vergangenen Tagen,
von dem er zunächst nur aus der Zeitung erfährt: Zubieta, der von der
spanischen Polizei als führender Kopf der ETA gesucht wird. Daß Max
inzwischen einen Mann liebt und Schwierigkeiten hat, eine tiefere
Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen, wird in dem Roman nur beiläufig
gestreift. »Der Eindruck, von nichts wirklich berührt zu sein«,
bestimmt das Leben des linken Intellektuellen, der weder das Glück in
der Beziehung finden noch an die Revolution mehr glauben kann. Die
Uni-Studie geht Max ebenfalls nur halbherzig an, seinen deutschen
Professor Haberkamm und dessen spanische Kollegen verachtet er für
ihren ungebrochenen bildungsbürgerlichen Glauben an das humanistische
Projekt Europa. »Genau das, denke ich, ist Europa, genau damit müßten
sich Leute wie Haberkamm auseinandersetzen: Daß die Verhältnisse, die
sie in der Welt kritisieren – Guantánamo, Ausnahmezustand,
Rechtlosigkeit – konstituierender Bestandteil auch der europäischen
Wirklichkeit sind«, denkt Max angesichts eines brutalen
Polizeieinsatzes gegen die Sympathisanten der Terroristen.
Daß
Zelik einen eher kühlen, distanzierten Charakter zum Protagonisten
wählt, ist geschicktes Kalkül, denn es erspart dem Autoren die Arbeit,
große emotionale Beziehungsdramen spinnen zu müssen. Es scheint jedoch
nicht nur Bequemlichkeit gewesen zu sein, sondern auch eine bewußte
Entscheidung gegen die Innerlichkeitsprosa unserer Tage, die
suggeriert, daß alleine Beziehungen und Familie so etwas wie Lebenssinn
stiften können. Die Wendung in Zeliks Roman verläuft anders: Es ist das
Politische, das Max im Laufe des Romans mehr und mehr auftauen läßt und
in eine regelrechte Achterbahn der Gefühle versetzt. In der zweiten
Hälfte des Romans entscheidet sich Max nämlich trotz großer Angst und
Zweifel an den Inhalten und Taten der ETA, seinen alten Freund Zubieta
von Frankreich zurück in dessen ehemalige Heimat zu fahren. Ab diesem
Moment wird »Der bewaffnete Freund« so spannend, daß es schwer fällt,
das Buch aus den Händen zu legen.
Doch trotz aller Spannung, bei
der die Leser automatisch mit den Flüchtenden mitfiebern, sind Zeliks
Schilderungen frei von jeglicher Revolution-sromantik und eindeutigen
Einteilungen in »good« und »bad guys«. Vielmehr werden alle Aspekte der
Geschichte mitgeliefert. Auf der einen Seite erfahren wir von
Folterungen in spanischen Gefängnissen und einer politischen
Kontinuität, die von Franco bis zu der heutigen Geheimpolizei reicht,
auf der anderen Seite werden aber auch Zweifel gegenüber den Inhalten,
Zielen und Methoden der ETA formuliert, die Max Freund Rabbee als
identitär und nationalistisch kritisiert: »eine
Kleines-gallisches-Dorf-Geschichte«. Zelik gelingt es, Zweifel in alle
Richtungen hin zu streuen, nur in einer Hinsicht nicht: Die Politik
Europas ist kriminell. Schon zu Beginn des Romans schwirren Helikopter
über den Küsten und suchen nach illegalen Einwanderern. »Der südlichste
Punkt des europäischen Festlands ist ein Lager«, denkt Max. Zu seinem
universitären Arbeitsprojekt »europäische Identität« kommt ihm nur eins
in den Sinn: »daß sich die funktional gestalteten Innenstädte nicht
mehr unterscheiden lassen«. Schon im ersten Drittel des Buches liefert
der Protagonist eine Art Resümee, das den Roman inhaltlich
zusammenhält: »Wenn der Kapitalismus eines Tages zusammenbrechen und
sich die neue Ordnung durch die Erzählung der Greueltaten des
untergegangenen Systems zu legitimieren versuchen sollte, werden diese
Geschichten auf ganz ähnliche Weise zum Thema von
Fernsehdokumentationen und Real-Crime-Reportagen werden, wie es heute
die Berichte von der Verfolgung durch die DDR-Staatssicherheit sind.
Man wird von den Tragödien der ertrunkenen Einwanderer und in die
Prostitution verkauften Frauen erzählen, und alle werden sich fragen,
wie eine ganze Gesellschaft so gleichgültig sein konnte.«
Dies
wiederum legitimiert nicht die ETA mit ihrem seltsamen Festhalten an
einer Volks- und Sprachgemeinschaft, obwohl Max den Eindruck hat, daß
alles miteinander zusammenhängt – eine kleine Gruppe von Menschen will
nicht dazugehören, nicht mitarbeiten an der Festung Europas. Das
wiederum macht sie sympathisch. »Vielleicht wird man noch erleichtert
darüber sein«, erklärt Zubieta seinem Freund, »daß es einen Winkel in
Europa gibt, in dem das Wissen der siebziger Jahre nicht völlig
verschwunden ist.« Doch muß sich dieses Wissen ausgerechnet über eine
marginale Sprache, eine Volksgemeinschaft und nationale Identität
definieren? Max hat da so seine Zweifel. Diese übertragen sich auf die
Leser und sorgen dafür, daß »Der bewaffnete Freund« keine allzu
einfachen Lösungen für komplexe politische Sachverhalte anbietet.
Man
kann es als Schwachpunkt oder als Stärke des Romans auslegen, daß der
eigentliche Grund für die Freundschaft zwischen Max und Zubieta die
gemeinsame Liebe für die Poesie ist. Zubieta hatte den baskischen
Schriftsteller Joseba Sarrionandia einst aus dem Gefängnis befreit. Auf
dessen in baskischer Sprache verfaßte Bücher können sich beide trotz
aller politischer und kultureller Differenzen einigen. Zelik streut
immer wieder Zitate aus Sarrionandias Werken ein, denn diesen Autoren
gibt es wirklich. Im Herbst erscheint dessen Roman »Der gefrorene Mann«
in der Übersetzung von Raul Zelik und Petra Elser im »Blumenbar
Verlag«. »Der bewaffnete Freund« ist damit nicht zuletzt Werbung in
eigener Sache, legitime Werbung. Die Poesie wird in »Der bewaffnete
Freund« somit zum Ausgangspunkt für politisches Bewußtsein, zum letzten
Strohhalm inmitten einer inhumanen Welt, aber auch zur einzig legitimen
Rechtfertigung der marginalen Sprache, die nicht in ein rein
identitäres Konzept mündet.
Über das Baskische ist im Roman
mehrfach zu lesen, daß es sich um eine seltsame Sprache handele. Volker
Weidermann hat seinerseits Raul Zelik in der FAZ bescheinigt, in einer
eigentümlichen Sprache zu schreiben, »die viele Jahre verboten war«.
Gemeint ist eine politisch radikale, aber nicht ideologische Sprache.
Möge sie viele Nachahmer finden.
Raul Zelik: Der bewaffnete Freund. Blumenbar Verlag, München 2007, 288 Seiten, 18 Euro