Tobias Döring in
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 24.8.2007
Zwischen den Fronten, keiner Seite fraglos zugehörig: Wo genau
befindet sich ein Übersetzer? Und wem gehört seine Loyalität,
wenn er
versucht, verschiedene Sichtweisen und Sprachen wechselseitig zu
vermitteln? In einer zentralen Szene aus Raul Zeliks neuem Roman
findet sich der Erzähler, ein deutscher Akademiker auf Forschungstour
im Baskenland, in diesem Dilemma. Ein spanischer Professor und ein
Kollege aus Berlin tauschen sich über aktuelle Terroropfer
und den
rechtsstaatlichen Umgang mit Gewalt aus und ziehen dabei, ohne
einander überhaupt zu verstehen, munter Parallelen zur Geschichte
des
Faschismus. Dem Erzähler, der ihr Gespräch dolmetschen
muss, wird
immer unbehaglicher, denn er sieht die Sache selbst ganz anders.
So übersetzt er, "ohne zuzuhören". Generell
gibt es für ihn im
Frontgebiet des spanisch-baskischen Konflikts schon lange "keine
Verbindungslinien zwischen den Realitäten, keine gemeinsame
Grundlage, keine Sprache" mehr; "aneinander vorbeizureden
ist die
einzige Zweisprachigkeit, die hier wirklich praktiziert wird".
Und
dennoch kann aus solchen Fehlschlägen womöglich Produktives
folgen,
denn das irritierende Nebeneinander unverstandener Welten wie auch
die Zwischengängerei des Übersetzens schaffen ständig
Reibungsflächen, an denen neue Energie sich freisetzt. Davon
erzählt
dieser Roman, ein spannendes und zugleich - im besten Sinn des Wortes
- engagiertes Buch, das uns in entlegene Erfahrungswelten mitnimmt
und deren Protagonisten überraschend nahebringt.
Dabei beginnt alles ganz absehbar. Wir treffen einen Thirtysomething
aus Berlin, der Dietmar Daths Romane schätzt und Houellebecq
nicht
kennt, dafür seinen Benjamin und Agamben draufhat und gern
Vokabeln
wie "identitär" benutzt. Gemeinsam mit dem aktuellem
Liebhaber, der
ihm, nach einer halbherzig gescheiterten Familiengründung,
in
schwuler Liebe das Beziehungsleben neu gestalten hilft, driftet
er in
Spanien dem Ende eines Sommerurlaubs entgegen. Unterwegs machen
sie
bei dem Mann, der sein Schwiegervater hätte werden können,
Station
auf einer alten Mühle, treffen auch die abgelegte Freundin,
mit der
ihn mittlerweile nur noch Streit verbindet, sowie die kleine Tochter,
für die er sich in väterlicher Liebe üben will und
doch kaum mehr als
ein schlechtes Gewissen fühlt. Das ganz normale Flickwerk unserer
postfamiliären Gegenwart also, das hier bemerkenswert beiläufig
ausgebreitet wird.
Zwischen Rollen und Geschlechtern, vagen Zukunftsplänen und
glorreichen Erinnerungen an eine vielversprechende Vergangenheit
fortwährend schwankend, will der Erzähler jetzt jedoch
vor allem
eins: seine Ruhe haben, um in Bilbao mit dem Forschungsvorhaben
zur
baskischen Identität und Sprache, wofür er sein Stipendium
hat,
endlich zu beginnen. Da holt ihn unvermittelt das Vergangene ein.
Ein
alter Freund, der seit Jahrzehnten als Eta-Mitglied abgetaucht ist,
bittet ihn um Hilfe. Auf den Titelseiten aller Zeitungen hat er
das
einst vertraute Gesicht längst gesehen. Jetzt aber gewinnen
die
Schlagzeilen vom Terrorchef ganz andere Dringlichkeit. Der Akademiker
und Seminarraumrevolutionär muss sich entscheiden, wie er selbst
zur
Politik der Gewalt und zu ihren Akteuren steht.
Von diesem Punkt an, etwa nach dem ersten Drittel, gewinnt der
Roman
an Intensität. Denn je stärker sich unser Erzähler
auf das Anliegen
des fremd gewordenen Freundes einlässt, ihn schließlich
trifft und,
als Tourist getarnt, in seinem Auto über die Grenze zu bringen
versucht, desto mehr nötigt er auch seine Leser, sich mit der
Rolle
wie der schrecklichen Gewissheit eines politischen Überzeugungstäters
zu befassen. In stockenden, oftmals wortkargen und dabei
aufschlussreichen Dialogen kommt die Sicht eines international
Gesuchten hier zur Sprache, dem seine Flucht längst zum Gefängnis
wird. Die eindringlichsten Szenen aber sind die unscheinbarsten:
Reifenpanne und Radwechsel auf der Autobahn, Tanken an der
Raststätte, Zimmersuche gegen Abend - wie lassen sich derlei
Alltagssituationen bestehen, wenn ein Terrorist im Auto sitzt?
Der Autor Raul Zelik, Jahrgang 1968 und mit seinem letzten Roman
"Berliner Verhältnisse" einem größeren
Leserkreis bekannt geworden,
weiß um die politische Brisanz, von der er schreibt, und kokettiert
nicht mit dem Schrecken. Mit seiner akademischen Erzählfigur,
die
ständig gegen Abenteuerlust und Fluchtreflexe, alte Loyalitätsgefühle
und trotzige Selbstbehauptung ankämpft, bewahrt er klug die
nötige
Distanz und meidet allzu anschmiegsame Gesten an den verfolgten
Freiheitskämpfer. Seine Prosa ist detailgesättigt und
durchweg
bestens informiert; die Figur des fiktiven Terroristen ist dem Eta-
Führer Mikel Albizu nachempfunden, der 2004 in Südfrankreich
verhaftet wurde. Zudem spielt der Roman in vielen Einzelheiten auf
das Werk des baskischen Erzählers Joseba Sarrionandia an, selbst
Eta-
Mitglied und nach einer spektakulären Gefängnisflucht
seit mehr als
zwei Jahrzehnten im Untergrund.
Doch bei allem Sog des Dokumentarischen gelingt es dem Roman über
weite Strecken, die Plausibilität seiner erzählten Welt
aus eigener
Kraft zu wahren. Entbehrlich sind nur seitenlange Referate zu Carl
Schmitt, Gewaltbegriff und Rechtsphilosophie, die allzu sehr nach
Proseminar-Arbeit klingen. Im Oktober jedenfalls sind wir gespannt
auf die deutsche Erstveröffentlichung von Sarrionandias Hauptwerk,
das der Verlag ankündigt: "Der gefrorene Mann", aus
dem Baskischen
von Raul Zelik übertragen. Die Literatur unserer deutschen
Gegenwart
ist nicht allzu reich an solchen mehrsprachigen Zwischengängern,
die
es wie Zelik wirkungsvoll verstehen, fremde Sichtweisen, Standpunkte
und Sprachen zu vermitteln und dabei, anders als sein lange
wankelmütiger Erzähler, genau hinzuhören, wenn alle
Welt aneinander
vorbeiredet.
TOBIAS DÖRING
Raul Zelik: "Der bewaffnete Freund". Roman. Blumenbar
Verlag, Berlin
2007. 287 S., geb., 18,- [Euro].
Text: F.A.Z., 24.08.2007, Nr. 196 / Seite 34