01. Juli 2007
In
diesem Buch geht es hinüber in eine andere Welt, in eine andere
Sprache, eine andere Literatur. Hinüber auf die andere Seite von
Europa, auf die unbekannte Seite einer altbekannten Geschichte. Es geht
ins Baskenland, das in den Nachrichtensendungen der Welt in
unregelmäßigen Abständen immer wieder als Heimat einer kleinen,
unverbesserlichen Terrorgruppe vorgestellt wird, die unschuldige
Gemeinderäte erschießt, Angst und Schrecken unter der Bevölkerung
verbreitet. Erst gestern wieder musste der Flughafen von Ibiza aufgrund
einer Bombendrohung evakuiert werden. Das verdächtige Päckchen erwies
sich jedoch nach kontrollierter Sprengung als harmlos. Die Angst ist
groß. Der Kampf geht weiter.
Der
Schriftsteller Raul Zelik hat einen Roman über das Baskenland
geschrieben, einen Roman über die baskische Sprache, die baskische
Literatur und ihre Helden, einen Roman über die Grenzen des neuen
Europa, über politische Stagnation und Erstarrung und über die
revolutionären Träume eines jungen Mannes, der von Berlin aus
aufgebrochen war, um für ein politikwissenschaftliches
Forschungsprojekt an den politischen Rändern die Möglichkeiten und
Grenzen einer gesamteuropäischen Identität zu erkunden. Eines Mannes,
der im Verlaufe des Romans aus der Welt der politischen Theorie in die
Praxis hinüberstürzt. Am Anfang sanft gezogen wird, aber immer mehr
bereit ist, die andere Seite der Geschichte zu hören und schließlich
beinahe zu seiner Geschichte zu machen. Das Buch erzählt die andere
Seite des baskischen Kampfes, die andere Seite des Terrors.
Raul
Zelik ist ein politischer Autor, 1968 in München geboren, war er viel
und lange in der Welt unterwegs, vor allem in Südamerika, lange auch im
Baskenland und im Süden Spaniens. Er hat Reportagebücher geschrieben,
politische Krimis, Kämpferbücher. Mit seinem letzten Roman "Berliner
Verhältnisse", einem großartigen Buch über die Underdogs und
politischen Wunderlinge dieser Stadt, ist ihm der Durchbruch bei Kritik
und Publikum gelungen.
Jetzt
also: das Baskenland, die Basken und ihr Kampf. Unser Mann, der
Protagonist des Romans, Max, Mitte dreißig, im Grunde ganz gut
eingerichtet in einem bequemen, gemäßigt linken Weltbild, ist gemeinsam
mit seinem Geliebten nach Spanien gekommen, um dort das Forschen zu
beginnen. Er wird an seinem Forschungsort mehrmals von seiner früheren
Freundin und ihrer gemeinsamen kleinen Tochter besucht, die beide seine
erotische Neuorientierung recht unaufgeregt hinnehmen. Eine etwas
ungewisse, leicht schwankende Identität zeichnet unseren Protagonisten
also aus. Und ein großer Lebenszweifel, eine Gefühllosigkeit gegenüber
den ihm nächsten Menschen, eine innere Leere und die große Frage nach
dem Wozu und Wohin. "Der Eindruck, von nichts wirklich berührt zu
werden. Manchmal habe ich das Gefühl, überhaupt keine Gefühle zu haben,
emotional inexistent zu sein: Ich kann mich verhalten, als sei ich
normal, Bekannte würden mich vielleicht sogar als herzlich bezeichnen,
doch im Grunde bin ich oft nur von Gleichgültigkeit erfüllt."
Und
in dieser tiefen Lebenskrise trifft er auf einen alten Freund, Zubieta,
den er von früher, von viel früher kennt, der inzwischen im Untergrund
lebt, als Terrorist gesucht, wie man so sagt. Er wird gesucht, seit er
Mitte der achtziger Jahre den baskischen Schriftsteller Joseba
Sarrionandia in einer spektakulären Aktion aus dem Gefängnis befreite.
Als Max jetzt nach Spanien kommt, ist Zubieta soeben zu einem der
wichtigsten Anführer von Eta ernannt worden, so steht es in den
Zeitungen. Auf verschlungenen Wegen tritt Zubieta wieder in Kontakt mit
Max, und er bittet ihn, ihn mit seinem unauffälligen deutschen Auto
durch das Land zu fahren.
Und
Max fährt. Der Roman ist die Geschichte dieser Reise. Einer Reise in
den Untergrund, einer Reise in eine andere Welt, in der die Geschichte
des Eta-Terrorismus von der anderen Seite erzählt wird, von der Seite
der Kämpfer aus dem Untergrund.
Es
wird erzählt von den Folterungen, die bis heute in spanischen
Gefängnissen an der Tagesordnung sind, wird erzählt von der Kontinuität
in der spanischen Republik nach der Franco-Diktatur, von der
Kontinuität beim politischen Personal, erzählt von den staatlichen
sogenannten antiterroristischen Befreiungsgruppen, die in den achtziger
Jahren vierzig Personen bei Anschlägen töteten. Ja und es wird auch von
den Morden von Eta erzählt, den achthundert Toten, die ihre Anschläge
in den letzten dreißig Jahren forderten, immer wieder kommt Max im
Gespräch mit dem Terrorchef darauf zurück, anklagend, fragend, wütend,
fassungslos. So schwanken das Gespräch und die Geschichte des Buches
weiter und weiter. Es ist Zeliks Kunst, dass ihm das selten formelhaft
gerät. Dass die Gespräche nicht klingen, wie aus dem Setzkasten des
politischen Kampfes entliehen, sondern glaubwürdig und überzeugt und
echt.
Nur
manchmal wagt er zu viel. Manchmal überlastet Raul Zelik seinen Roman
mit Weltgleichungen und Unrechtsklagen, die das kleine Buch für kurze
Zeit unter sich zu begraben drohen. Wenn der baskische Konflikt als
Gleichnis für eine ganze, schlecht eingerichtete Welt, für ein
misslungenes europäisches Projekt einstehen soll: "Vielleicht", denkt
sich der Protagonist zu Beginn des Romans, "vielleicht hängt alles
miteinander zusammen: die Hubschrauber, die an der Mittelmeerküste Jagd
auf afrikanische Einwanderer machen, die mit Schwarz- und Drogengeldern
angeheizte Immobilienspekulation, die von Illegalen zu Hungerlöhnen
errichteten, seelenlosen Feriensiedlungen und der Wunsch von ein paar
Hunderttausend Menschen, nicht dazuzugehören." Ja, das hängt
"vielleicht" sicher irgendwie alles miteinander zusammen, trotzdem ist
der Roman an den Stellen am stärksten, an denen er den Leser nicht mit
politischen Botschaften umhauen will, sondern ruhig erzählt von dem,
was ist.
Von
Unrecht, das immer neues Unrecht erzeugt, von Hass und Schuld und einem
ewigen Teufelskreis der Gewalt. Und wie es sich auswirkt auf die
Menschen, die im Untergrund leben, auf die Sympathisierenden in den
Dörfern, auf die Sprache der Menschen, ihr Selbstbewusstsein, die
Solidarität und - die Literatur. Der unsichtbare zweite Protagonist des
Romans ist der untergetauchte Schriftsteller Sarrionandia, der Mann,
den Zubieta aus dem Gefängnis befreite und dessen Bücher Max liebt -
Bücher, die Menschen im Baskenland lieben, die sie verbinden. Der
geheime Mann und seine Bücher: "Sarrionandia. Alle lesen seine Bücher.
Manchmal glaube ich", sagt Max zu dem flüchtenden Zubieta, "dass es das
ist, was uns verbindet. Alle warten auf sein nächstes Buch. Selbst
diejenigen, die sich ansonsten nur für Propaganda und Fantasy-Romane
begeistern. Anstatt von eurem Volk solltet ihr lieber von Sarrionandias
Leserkreis sprechen. Das sind die, die was ändern wollen."
Diesen
Sarrionandia gibt es wirklich. Er lebt seit über zwanzig Jahren im
Untergrund. Er schreibt und schreibt, Romane und Essays, seine Bücher
sind im Baskenland ungeheuer populär. Übersetzt werden sie nicht, im
Spanien außerhalb des Baskenlandes werden seine Bücher ignoriert. Raul
Zelik selbst hat gerade, zusammen mit Petra Elser, seinen populärsten
Roman "Der gefrorene Mann" aus dem Baskischen übersetzt. Im Oktober
wird er erscheinen.
In
Zeliks eigenem Buch ist er das leuchtende Beispiel und der Vertreter
einer Literatur, die wirklich zählt, die in einer Sprache, die viele
Jahre lang verboten war, die Welt von heute langsam und mit vielen neu
geschaffenen Worten neu erfasst, neu erfindet. Einer Literatur, die die
Menschen berührt und die die Welt von der anderen Seite aus betrachtet,
von der anderen Seite aus beschreibt. So wie es Raul Zelik auch in
seinem neuen Roman versucht. Mit Erfolg.
VOLKER WEIDERMANN
Raul Zelik: "Der bewaffnete Freund". Blumenbar-Verlag 2007, 287 Seiten, 18 Euro