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TURBULENZEN Raul Zeliks Roman "Berliner Verhältnisse" ist angenehm
aromatisiert
Raul Zelik, 1968 in München geboren, hat ein paar Romane
veröffentlicht und zusammen mit zwei weiteren Autoren ein Buch über die
"bolivianische Revolution" herausgebracht. Er ist ein seriöser Kenner
südamerikanischer Verhältnisse. Zugleich ist er Optimist. Die neuen
politischen Bewegungen in Südamerika, so hat er unlängst (Freitag
33/2005) geschrieben, zeigten, "dass politisch scheinbar desinteressierte
Menschen in Krisensituationen eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickeln
können, gesellschaftliche Prozesse emanzipatorisch zu gestalten".
Wenngleich man für Deutschland zwangsläufig skeptischer sein
müsse, könne das auch für hier gelten. Nun ist von ihm ein Roman
erschienen, der das experimentell auf die Probe stellt. Ein Südamerika
unter heimischen Bedingungen gewissermaßen. Also angesiedelt in Berlin,
der Stadt, in der alles anders wird, nur nicht der seit hundert Jahren
zitierte Spruch, dass Berlin ständig im Werden begriffen sei. Berliner
Verhältnisse also.
Als auf sogenannte Berlin-Romane
abonnierter Leser ist man erst einmal skeptisch, ob hier etwas anders ist
als bei all den anderen Berlin-Romanen oder -Krimis mit ihren so
vorhersagbaren Mixturen aus Szenen, Milieus und dem so kiezigen
Metropolengetue. Um es vorwegzunehmen: Es ist. Im Ansatz scheint er
zunächst den diversen Mitte- und Soundso-Platz-Romanen ähnlich. Doch
unterscheidet ihn nicht nur die intensivere Mischung und höhere Dosis,
sondern auch, dass er gekonnt ist. Der Roman ist witzig, gewitzt und hat
Witz im alten Sinne: Geist. Spiritus in Trinkstärke, angenehm
aromatisiert. Es ist fast auch einerlei, ob der Roman nun ein Berlin-Roman
ist oder nicht. Gut, er hat seinen Ausgangs- und Rückkehrpunkt in
Kreuzberg, Kante Mitte und Mitte, Kante Kreuzberg, aber er bewegt sich
kreuz und quer durch die Stadt, zwischen Charlottenburger Lofts und
Karlshorster Baustellen.
Der Autor preist die Segnungen des
Kiezes: "Das war das Schöne am Viertel: Die Nachbarn kannten einen.
Deswegen wohnte man so gerne hier: Imbissbudenbekanntschaften,
Hilfsbereitschaft, immer ein freundlicher Spruch. Man traf Freunde auf der
Straße, hielt ein Pläuschchen. Das war besser als jede Beziehung." Und
wenn man einem Kerl verbieten will, seinen Hund vor die Tür kacken zu
lassen, dann kriegt man eins an die Birne. Was das Metropolitane angeht,
erweist sich der Roman ebenfalls als gefestigt. Mario hat eine gesunde
Einstellung zur Stadt. "Wieso? Städtebau, das kennt doch jeder: Vorstadt,
Innenstadt, Parkhaus, S-Bahn." Und überhaupt: "Wenn jemand bei der
Berlin-wird-mindestens-so-urban-wie-Paris-oder-noch-viel-geiler-Nummer die
Arschkarte gezogen hatte, dann die Rumänen."
Damit hätten wir auch
den Schritt vom Berlin- zum Berlinbewohner-Roman vollzogen und sowohl den
Helden als auch den Anlass der ganzen Geschichte kennen gelernt: Mario ist
nicht gerade Super-Mario, aber doch der Held. Die Rumänen bestätigen ihm
die schmerzvolle Einsicht, dass man jenseits der Dreißig lärmempfindlicher
wird. Weil deren "Kustorica-Geklimpere" in der WG, in der sie der
Solidarität wegen untergekommen sind, ihm auf die Nerven geht, beschließt
er, sie loszuwerden, indem er ihre Löhne eintreibt, die ihnen als Illegale
am Bau vorenthalten werden.
So wird die politisch oberkorrekte
Truppe der WG unversehens, immer mehr und schließlich professionell zum
Inkasso-Eintreibunternehmen. Man floriert und die WG wird luxuriöser. Die
Inkasso-Sache bringt Mario, der sich bis dato von ein bisschen
Scheck-Betrug, Mitnahme en passant und "Vomwagengefallen" redlich genährt
hatte, quer durch die Stadt, zu Kokainarchitekten mit Warhol-Tapete wie zu
gesichtsälteren Baumagnaten. Man gewinnt dadurch an Lebensart:
"Montepulciano ... Komm, wir legen den gleich ins Eisfach. Dann schmeckt
er nachher nicht so bitter".
Mario lernt Melek kennen, die statt
ihrer Souvenir-Bude gerne einen "Edeka" und Kinder hätte. So wird Mario
nicht nur immer stadtmobiler, sondern auch häuslicher. Nicht nur er
verändert sich. Der schwule Piet will plötzlich eine insolvente
Architektin heiraten, Marios Freak-Mutter kriegt Aufsichtsrat-Anwandlungen
und Bruder Wolfgang mutiert vom erfolgreichen Immobilien-Macher zum
rosaroten Inkasso-Bunny gejagten Bankrotteur. Mario soll schließlich Hasan
scheinehelichen, um die Sünden seines Bruders zu büßen, der inzwischen
sein Seelenheil in Rumänien bei Tomaten und Auberginen zu finden scheint,
während die Rumänen zu seinem Leidwesen von elektrischer Heizung und
Fernsehen träumen. Doch da sind wir schon (fast) am Ende. Dazwischen geht
es höchst turbulent und hoch her. Zu turbulent, argt man eingangs,
überfordert von der kunterbunten Personage.
Ein pittoreskes
Personal, das kreativ mit seinen Krisen umgeht, wodurch man obendrein
durch "floatende Lebensmodelle" gewirbelt wird. Alle strudeln
durcheinander, in dieser Gesellschaft von Schuldnern und Inkasso-Jägern,
allesamt getrieben vom Outsourcing. Das reicht vom Bau bis zum eigenen
Lebensmittelpunkt. Wäre das ein Film, würde man das eine temporeiche,
turbulente Komödie nennen. Tatsächlich aus einem Filmskript - zusammen mit
Detlev Buck - hervorgegangen, wie der Klappentext verrät, ist es nun so
etwas wie ein zur Literatur geoutsourcter Film geworden, ein
Turbulenz-Roman.
Wie bei den allermeisten Film-Komödien erfährt
man zwar auch hier nach der Hälfte jenen Umschlag von Überturbulenz in
Zeitverzähung, aber das geht schnell wieder vorbei. Wenn man schließlich
ganz durch ist, dann hat man eine Mixtur von Komödie der Irrungen, Herr
Lehmann und Big Lebowsky hinter sich - und möchte mehr davon. Vor allem
aber möchte man, dass die Berliner Verhältnisse so frischfröhlich wären
wie diese es selbst noch in der Depri sind. Vielleicht tatsächlich ein
heimisches Exempel "emanzipatorischer Gestaltung", allemal jedenfalls ein
herrliches Nachsommervergnügen!
Raul Zelik:
Berliner Verhältnisse. Roman. Blumenbar, München 2005, 318 S., 18
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