Zersetzend
Raul Zeliks Roman zu einer bastardisierten Gegenwart
Von Kai KöhlerBesprochene
Bücher ...
Ein ,Dazwischen', viele ,Dazwischen': Carla Lee,
Staatsangehörigkeit Deutsch, Tochter eines koreanischen Vaters und
einer portugiesischen Mutter, ihr Freund "Abiturtürke", begreift
durch die ausländerfeindlichen Pogrome der 90er Jahre, wie wenig sie
in Deutschland dazugehört. Ein Ausweg soll sie ausgerechnet ins Land
ihres Vaters führen, das dieser als politischer Aktivist verlassen
musste. Mit einem Touristenvisum ausgestattet reist sie nach Korea,
um dort eine Karriere als Journalistin zu beginnen. Zunächst ist sie
zwar eher damit beschäftigt, sich die lästige Verwandtschaft, bei
der sie auf mütterlichen Rat untergebracht ist, leidlich vom Hals zu
halten; und mehr noch mit Anfällen von Bulimie, mit peniblen
Gewichtskontrollen, mit Fressanfällen und Erbrechen. Doch bald
bekommt sie einen Hinweis auf einen Skandal: Vor Jahren ist in Seoul
ein Kaufhaus eingestürzt, wobei Hunderte von Besuchern ums Leben
kamen. Bewusst wurde beim Bau gepfuscht; und durch die
Entschädigung, die nie bei den Opfern ankam, konnten die Schuldigen
sogar ein zweites Mal kassieren.
Lee recherchiert und stößt auf Abwehr. Der zuständige
Staatssekretär mauert; ein Abgeordneter, früher ein radikaler Freund
ihres Vaters, unterstützt die neue, reformistische Regierung und
will offenkundig von der Wahrheit nichts wissen. Dennoch hat Lee
Erfolg, sie erhält wichtige Dokumente - die dann von der Zeitung,
die ihre Story zu bringen verspricht, doch nicht ausgewertet werden.
Derweil ist das Visum abgelaufen, und Lee, die so gar nicht im Sinne
des Staates gearbeitet hat, wird abgeschoben - als, so die
sarkastische Pointe, Deutsche.
Die Handlung ist nur Skelett des Buchs; der Skandal -
der sich auf ein reales Unglück bezieht - ist schnell aufgedeckt, zu
recherchieren braucht Lee kaum. Und bald ist auch klar, dass die
Wände, gegen die sie läuft, ausreichend elastisch sind.
Heldengeschichten sind so obsolet wie die von Heldinnen. Das zeigen
Einsprengsel, in denen Zelik burlesk seine Haupthandlung mit
Versatzstücken von Populärkultur konfrontiert. Kaum sind im Kampf um
Gotham City Spiderman und Batman ausgeschaltet, so verstrickt sich
auch die siegreiche Catwoman in ein Knäuel abstruser Begebnisse. Ihr
Triumph und Niedergang vollzieht sich in den Wertungsmaßstäben jener
Yellow Press, als deren Zuarbeiterin sich Carla Lee in ihren
schwachen Momenten zeigt, in denen sie marktgängige Artikel über
Mode in Seoul oder Ähnliches plant.
In diesem Sektor hat sie ihren einzigen
journalistischen Erfolg, der zugleich umfassende Niederlage ist. Sie
platziert einen Artikel über "Trostfrauen", das heißt über
Zwangsprostituierte, die im Zweiten Weltkrieg von der japanischen
Armee genötigt wurden, unzählige Vergewaltigungen über sich ergehen
zu lassen. Carla Lee gewinnt das Vertrauen der alten Frauen, die nun
Entschädigung fordern, und produziert einen Text, der mechanisch ein
wirkungsloses Mitgefühl des europäischen Lesers mobilisiert, für den
die Schicksale doch nur Sensation sein können. Jedenfalls ist es
nach den Maßstäben der Gegenwart ein Gewinn, bringt Geld und wertet
Carlas Namen auf. Wie sie frisst und kotzt, so schwankt sie zwischen
Anpassung ans Triviale und moralisch motivierter, fundamentaler
Opposition.
Der Schwankenden steht die Generation der Älteren
entgegen, die der Abgeklärten, die scheinbar alles einzuordnen
wissen. Carlas Vater hat auf jede Frage eine Antwort zu viel; sein
Freund, der Abgeordnete, dem die Untergebenen devot zuarbeiten,
deutet die Korruptionsvorwürfe aus der vergangenen Zeit rechter
Herrschaft als oppositionelle Intrige gegen den gegenwärtigen
linksliberalen Präsidenten, solidarisiert sich trotz seiner
Abwiegelei mit Streikenden und wird von der Polizei blutig
geprügelt; ein Pfarrer schließlich, in der Diktatur Zellennachbar
des opportunistischen Präsidenten Kim, setzt sich für die Fremden in
Korea ein, die weniger privilegiert als die Deutsche sind, und
versteht Kim: "Der Präsident wird Gründe gehabt haben, diesen Weg zu
gehen." Carla fragt sich: "Ist das nun Hegel, christliche Toleranz
oder konfuzianischer Gleichmut" und positioniert sich bewusst
subjektiv gegen die historischen Erklärungen des Abgeordneten: "Was
ich an der Generation meines Vaters am meisten hasse, ist die Manie,
alles distanziert aus dem Lauf der Geschichte zu erklären. Es gibt
keine Schweinerei, die sie nicht irgendwie vorausgeahnt hätten."
Das ist nicht das Urteil des Autors; Carla ist genügend
als hilflos und als haltlos vom Erfolg verlockt gezeichnet. Zur
Anklägerin, die sie werden will, wird sie mit wenig eigenem Zutun,
und die Dokumente, die sie zur Oppositionellen machen, werden ihr
fast aufgedrängt. Das kulturell Hybride, von manchen wohlgenährten
Wissenschaftlern als karnevaleske Möglichkeit von Widerstand
gefeiert, ist ohne jede Illusion als wirkungslos abgefertigt: Die
koreanische Linke akzeptiert Carla Lee nicht, und der Staat
entledigt sich ihrer auf denkbar einfache Art. Die Entscheidung, aus
ihrer Perspektive zu erzählen, legt dennoch nahe, es sei unmöglich,
noch die abgeklärte Perspektive der Älteren einzunehmen.
Zelik zeigt gegen die Alten, die sich verbiegen, um
noch einen Rest von Opposition behaupten zu können, keinerlei
Herablassung. Doch der Subjektivismus der Jüngeren, in all seiner
Brüchigkeit, interessiert ihn mehr. Über Carla Lee erfährt der Leser
am meisten; und am interessantesten ist die Konstellation gerade da,
wo sie wenig versteht - bei ihrem manchmal abfälligen Blick auf
jenes Taktieren der Älteren, bei dem Anpassung und Subversion nur
schwer zu scheiden sind. Hier gibt es eine Unschärfe, die
produktiver ist als der Blick auf Korea sonst.
Zelik kennt offensichtlich das Land; Seouler Details
verraten Ortskenntnisse in einer Stadt, in der Gebäude aus den 70ern
als Altbauten zählen und die in ihrer steten Wandlung fast schon als
entortet gelten kann. Koreanischer Alltag ist im Detail präzise
eingefangen, freilich aus der lieblosen Sicht Carlas, die sich nur
ausnahmsweise in Seoul glücklich fühlt. Meist aber demontiert sie
sarkastisch den Unsinn, den es tatsächlich gibt, von alkoholisiert
kotzenden Mädchen bis zum sentimentalen Nationalismus.
Im ,Dazwischen' Carla Lees geht indessen der
Unterschied zwischen dem verloren, was falsch ist, und dem, was
unerklärlich zwecklos ist. Noch die idiotischste Idee von Familie,
aus dem auch schon nicht idyllischen Dorf in die Metropole gerettet,
dient der Orientierung und damit einem konkreten Interesse. Wovon
Carla sich absetzt, mag seine Funktion in einer Gesellschaft haben,
die sich in wenigen Jahrzehnten urbanisiert und industrialisiert hat
für das Individuum und gegen konkurrierende Individuen.
Die herablassende Abfertigung des Details wird dem
Konflikt nicht gerecht; der Rezensent, gar nicht so viel älter als
Zelik, hält es da mit der Vätergeneration, sieht aber auch, dass das
Bild von Seoul als einer abweisenden Stadt der nationalistischen
Moderne im Roman seine Funktion als Gegensatz zur deutschen Provinz
Iserlohn hat, in der sich die wohlmeinende Idee von
Multikulturalität in einer allein von Kleinkriminalität
durchbrochenen Langeweile zersetzt. Heimat ist weder hier noch dort,
und der "bastard" im Titel des Romans ist zwar Sonderfall,
radikalisiert aber die allgemeine Erfahrung. Freilich ergänzt der
deutsche Leser die einheimischen Probleme aus seinem
Alltagsbewusstsein, während ihm Korea als leicht degoutantes
Absurdistan erscheinen mag.
Das ist Konsequenz der gefährlichen Entscheidung, einen
gesellschaftskritischen Roman vor allem in einer Gesellschaft
anzusiedeln, die der Autor wohl doch nur kurz bereist hat. Mit
dieser Einschränkung bleibt das Buch zu loben, als Erzählung über
ein sich selbst fremdes, von Bulimie geplagtes Ich, die nicht beim
Ich verharrt, sondern die Krankheit wie den Versuch, mit ihr zu
leben, als gesellschaftlich benennt; als spannungsvoll aufgebautes
Reisebuch, und als Buch eines Autors, der seine sprachlichen Mittel
beherrscht und sie zielgerichtet einsetzt. Zeliks Literatur ist
zersetzend im besten Sinn: Sie zersetzt die Vorstellung, das
Bestehende sei gut, ebenso wie die beliebte Idee von reinen Helden.
Wer heute vielleicht etwas rettet, steht nicht verkitschten Idolen
wie Mutter Teresa oder dem Dalai Lama nahe, sondern dem scheinbar
opportunistischen Abgeordneten oder der brechsüchtigen und von
Lifestyle-Magazinen in Versuchung geführten Hauptperson.
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