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Politische
Literatur Montag •
19:15 |
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| 12.2.2001 |
| Bücher
über Kolumbien |
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| Karl Ludolf
Hübener |
Herr Staatsanwalt, ich bin das Gedächtnis Kolumbiens
und sein Gewissen, und nach mir bleibt nichts mehr. Sollte ich
sterben, dann ist hier Feierabend, dann macht jeder, was er will.
Herr Generalanwalt oder Prokurator oder was auch immer, sehen Sie
sich an, wie ich unter Lebensgefahr durch die Straßen gehe: Bei den
Vollmachten, mit denen Sie die neue Verfassung ausgestattet hat,
beschützen Sie mich!
Aber welche
dieser gottverfluchten Kirchen ist überhaupt offen? Sie bleiben zu,
damit sie nicht ausgeraubt werden. In Medellín haben wir keine
einzige Oase des Friedens mehr. Taufen werden überfallen, hört man,
Hochzeiten, Totenwachen, Begräbnisse. Mitten im Trauergottesdienst
oder bei der Ankunft auf dem Friedhof wird umgebracht, wer lebend
gekommen ist, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Bei
Flugzeugabstürzen werden die Leichen geplündert. Wenn du einen
Autounfall hast, klauen dir barmherzige Hände, während sie dir ins
Taxi helfen, das dich ins Krankenhaus bringen soll, das
Portemonnaie. Medellín hat, wie es heißt, 35.000 Taxis, pro
Privatauto eins - sie sind leer und warten auf Opfer. Man solle
lieber mit dem Bus fahren, obwohl, das auch nicht unbedingt: Es
empfiehlt sich genauso wenig, man wird genauso überfallen und
ausgeraubt. In einem Krankenhaus, wird erzählt, haben sie mit einem,
der wegen irgendeiner Schussverletzung eingeliefert wurde, kurzen
Prozess gemacht. Einzig sicher sei hier nur der
Tod.
In den erwähnten 35.000 Taxis
(gekauft mit Dollars aus dem Drogenhandel, denn wie sonst kommt
Kolumbien zu Dollars, es hat doch nichts zum Exportieren, es erzeugt
nichts als Mörder, und die kauft keiner) dudelt unaufhörlich das
Radio, und das bringt Fußball, vallenatos oder aber optimistische
Nachrichten über die 35 Mordopfer von gestern, 15 weniger als der
offizielle Tagesrekord - obwohl ein Soldat mit einem Halsdurchschuss
mir versicherte, es sei schon vorgekommen, dass in Medellín an einem
Tag über 170 Leute umgebracht wurden, an besagtem Wochenende
insgesamt 300. Der liebe Gott wird es wissen, er hat von oben den
Überblick. Wir hier unten können nichts weiter tun, als die Leichen
einzusammeln. Sagt man zu einem Taxifahrer: "Könnten Sie bitte das
Radio leiser stellen, es ist zu laut", dann dreht dieser Hurensohn
(wie Cervantes sagen würde) es noch lauter. Willst du dir das nicht
gefallen lassen und versuchst zu protestieren: Adieu, Sorgen dieser
Welt! Morgen werden deine lose Zunge die Würmer fressen. Ja aber,
werden Sie einwenden, wenn diese Taxifahrer beschäftigungslos sind,
warum behandeln sie dann die Kunden so schlecht? Eben darum. Weil
sie Arbeit machen, und "Arbeit entehrt den Mann", wie ein Weiser
sagte. Und in den Bussen? Kann man Bus fahren ohne Musik? So, wie
man ohne Sauerstoff atmen kann.
Ein
Auszug aus dem Roman "Die Madonna der Mörder" von Fernando Vallejo,
der im Verlag Paul Zsolnay in Wien erschienen ist. Der
Exil-Kolumbianer beschreibt darin seine Heimat so, wie wir sie aus
der Medienberichterstattung kennen. Als Vorhof der Hölle, in der
junge Auftragsmörder für ein paar Dollar ihren tödlichen Geschäften
nachgehen, in der Drogenbarone die Macht ausüben und in der eine
korrumpierte Politikerkaste jegliches Vertrauen in Staatsgewalt ad
absurdum führen. Aber ist damit die Wirklichkeit Kolumbiens
hinreichend beschrieben? Was sind die Hintergründe und Ursachen für
das blutige Chaos in dem mittelamerikanischen Staat? Karl Ludolf
Hübener hat den Buchmarkt durchstreift und nach Werken Ausschau
gehalten, die Antworten auf solche Fragen bieten
können.
"Wenn das Stichwort
'Kolumbien' fällt, ist die erste Assoziation bei deutschen Lesern
immer die gleiche: Sie denken an Kokain, Mafia, Terrorismus und
Gewalt. Aus diesem Grund steht der Hinweis, dass Kolumbien auch ganz
andere Seiten besitzt, mittlerweile in fast allen Büchern zum Thema
am Anfang."
Auch in dem Buch "Kolumbien - Große
Geschäfte, staatlicher Terror und Aufstandsbewegung", verfasst von
Raul Zelik und Dario Azzelini. Die beiden Kolumbien-Experten wollen
ein realistischeres Bild entwerfen: Es gehe in
Kolumbien
"... um einen extrem
militarisierten sozialen Konflikt, um einen international
ignorierten Krieg der Besitzenden gegen die Bevölkerungsmehrheit, um
eine endlose Geschichte niedergeschlagener Revolten. Und um einen
Bürgerkrieg, der sich zu internationalisieren
scheint."
Auf den größten Teil der Geschichte
Kolumbiens ...
"... fällt seit eh und je
der Schatten des Unverständnisses, der Irrtümer und der
Vorurteile..."
heißt es in dem Sammelband "Kolumbien -
Land der Einsamkeit?" Autoren aus Kolumbien und dem
deutschsprachigen Raum versuchen in dem Werk die Frage nach den
Hintergründen von Gewalt und Terror in der kolumbianischen
Gesellschaft zu beantworten, Antworten auf Fragen zu finden, die der
kolumbianische Schriftsteller Arturo Alape so
formuliert:
Arturo Alape : "Erstens: Warum existiert in Kolumbien die älteste
Guerilla der Welt? Zweitens: Warum existiert in Kolumbien eine
politische Klasse, die alles ausgrenzt? Und drittens ein Phänomen,
das mit diesem Land zu tun hat: Warum ist Kolumbien heute das Land
mit den größten menschlichen Migrationen, nach innen wie nach außen?
Oder anders ausgedrückt: Warum gibt es in Kolumbien zwei Millionen
Vertriebene?"
Solche Fragen lassen sich kaum
beantworten, wenn die mittlerweile gängige Propaganda-Schablone auf
Kolumbien angelegt wird: Zwei Dämonen, Guerilla und Paramilitärs,
verwickelt in den Drogensumpf, terrorisieren das Land. Darüber
schwebt gleichsam als eifrig bemühter Friedensengel des
demokratischen Kolumbiens Präsident Andrés Pastrana. Ein Bild, das
sich mehr und mehr in der Medienwelt festsetzt. Weniger bekannt ist
die Tatsache, dass ein Großteil der 40 Millionen Kolumbianer unter
der Armutsgrenze lebt. Eine Armut, die eine längere Geschichte als
das Drogengeschäft hat. Seltener wird auch darüber gesprochen, dass
es sich bei Kolumbien um ein reiches Land handelt, wie Raul Zelik
schreibt:
"Es ist der weltweit größte
Exporteur von Qualitätskaffee und Smaragden, der zweitwichtigste
Blumen- und Bananenexporteur, nach Mexiko und Venezuela der
drittgrößte lateinamerikanische Erdölproduzent, die Nr.4 im
Kohlehandel und die Nr.6 unter den Goldproduzenten. Von den enormen
Exporteinnahmen profitieren jedoch nur eine verschwindend kleine
Minderheit sowie die im Land aktiven transnationalen
Unternehmen."
Die Konzentration von Geschäft und
Reichtum sei in Kolumbien besonders extrem.
"Zu den vier Groß-Konglomeraten Bavaria-Santo Domingo,
Luis Carlos Sarmiento Angulo, Ardilla Lülle und Sindicato Antioqueño
gehören mehr als 300 Unternehmen, die unter anderem in den Bereichen
Getränkeproduktion, Luftfahrt, Banken- und Investitionswesen,
Versicherungen, Kommunikation, Lebensmittel, Autoherstellung,
Verpackungen, Metallverarbeitung, Erdölgewinnung, Bauwesen, Handel,
Textilien, Zementwerke, Projektfinanzierung und Dienstleistungen
tätig sind."
Wenig spektakuläre Neuigkeiten bieten
beide Bücher zur Untergrundwirtschaft, dem Drogenhandel. Noch vor
Jahren hätten - wie der Politikwissenschaftler Robert Lessmann im
Sammelband anmerkt - Pablo Escobar aus Medellín und Capos aus Cali
für Sensationsmache und Auflagen gesorgt und ...
"... als Wurzel aller kolumbianischen Übel die
Schlagzeilen beherrscht: vertikal durchstrukturierte internationale
Konzerne des Bösen, omnipotent und omnipräsent, ausgestattet mit
unvorstellbaren Ressourcen zur Durchsetzung ihrer Interessen, mit
skrupellosen 'Paten' an der Spitze, die Kolumbien längst 'in der
Tasche' hatten - und womöglich nach der Weltherrschaft greifen
würden. Heute scheinen sich die 'Konzerne des Bösen' in Luft
aufgelöst zu haben."
Lessmann wie auch Zeliks Ko-Autor
Dario Azzelini korrigieren mit nüchtern-sachlichen Argumenten das
verzerrte Bild vom Drogenstaat Kolumbien. Für Azzelini ist es ein
illegaler Markt, der wie ein Markt für legale Produkte funktioniert.
Und der um das Angebot von Heroin erweitert wurde. Das Geschäft
teilt sich auf in Coca- und Mohnbauern, kleinere Aufkäufer von
Cocapaste, Groß- und Kleinhändler des Endprodukts, von Kokain und
Heroin, und ...
"... einen
oligopolistischen Sektor, der sich im wesentlichen in den Händen
einer begrenzten Anzahl von kolumbianischen Exporteuren
befindet."
Die Drogenfabrikanten hatten sich nach der
Zerschlagung der großen sogenannten "Kartelle" in Medellín und Cali
als flexibel erwiesen. An der Spitze des Cali-Kartells stand bereits
früher ein "Rat der Unternehmer". Diese machen nun dezentralisiert
weiter. Die Struktur des Kokainbusiness besteht heute aus
...
"... einem dichten Netz von 2.000 -
3.000 kleinen und 40 mittleren Organisationen."
Sie
suchen weniger die offene Konfrontation mit dem Staat. Statt mit
Bombenanschlägen wie zu Escobars Zeiten setzen sie heute eher auf
Korruption, zumal sie mit einem Bein sowohl in der illegalen wie der
legalen Ökonomie stehen: Tausende neuer Millionäre kauften Land,
Immobilien und Dienstleistungsgeschäfte auf. Als Viehzüchter mischen
sie im Fleischhandel mit. Schmutzige Gelder wurden über Heirat in
tonangebende Familien des Landes gewaschen. Schließlich stimulierten
Drogenmilliarden, genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, jahrelang
die Wirtschaft des Andenlandes. Der Drogenhandel ist aber nicht -
wie immer wieder behauptet - die Ursache der seit langem schwelenden
Konflikte in der kolumbianischen Gesellschaft. Zweifellos hat das
illegale Geschäft die Lage verschärft, aber bevor überhaupt ein
einziges Gramm Kokain produziert wurde, hatten Gewaltwellen das Land
längst überrollt. Verursacht durch eine äußerst ungerechte
Einkommensverteilung, Staatsterror und einen Mangel an Partizipation
der Bevölkerung, wie der exilierte Schriftsteller und Soziologe
Alfredo Molano erklärt:
Alfredo Molano
: "Ich glaube, in Kolumbien gibt es eine
Demokratie, allerdings eine sehr eingeschränkte Demokratie. Für die
Sektoren, die immer dominiert haben, gibt es sicherlich eine
funktionierende Demokratie: für die Herren des Kapitals, für
Bankenbesitzer, für Geschäftsleute. Aber es ist eben eine
Demokratie, in der nicht alle Äußerungen berücksichtigt werden:
beispielsweise die der Bauern, der Arbeiter, der Indianer, der
Mittelklasse."
Charakteristisch für Kolumbien - so
Zelik - sei auch -...
"... dass die
kolumbianische Oberschicht seit langem konsequent auf Repression
setzt, um die sozialen Widersprüche im Land zu 'befrieden'. In
keinem anderen Land auf dem Kontinent wird in vergleichbarem Maße
die eigene Bevölkerung terrorisiert. Nirgends gibt es so viele
Massaker an der Zivilbevölkerung, nirgends sind die Spielräume für
eine legale Opposition so klein wie hier. In Kolumbien ist es, darin
sind sich Menschenrechtler und Linke aller Couleur einig,
gefährlicher, eine Gewerkschaft aufzubauen als eine
Guerillaorganisation."
Alfredo Molano
: "Es handelt sich um ein
Zweiparteiensystem. Seit der Gründung der Republik haben zwei
Parteien das Land regiert. In keinem anderen Land Lateinamerikas ist
ähnliches passiert. Die Konservative und die Liberale Partei
regieren dieses Land seit 1850. Das heißt, dass jede Form von
Opposition ausgeschlossen wurde und noch heute ausgeschlossen wird.
Das geschieht auf verschiedene Weise. Eine Methode ist die
Kooptation der Opposition. Sie kooptieren, kaufen und integrieren
sie. So wie es schon die PRI in Mexiko vorgeführt hat. Die andere
Form ist die physische Vernichtung der Opposition. Es gibt unendlich
viele Beispiele dafür: Vom Jahre 1948 an, als der charismatische
Führer eines populären Liberalismus ermordet wurde, bis heute sind
alle führenden Figuren der Opposition ermordet worden.
Widerspenstige Bewegungen, die sich nicht integrieren lassen, die
die Kooptation nicht akzeptieren, werden physisch ausgelöscht. Das
ist eine Konstante in Kolumbien."
In Kolumbien gibt es
keine Tradition einer echten demokratischen Opposition, was in
beiden Büchern sehr eindringlich untermauert wird. Unter den
herrschenden Verhältnissen sei es selbstmörderisch, den legalen Weg
zu begehen, sagen die Führer der Guerilla. Vor allem die FARC
verweisen auf das Beispiel der Linksbewegung "Union Patriotica":
Ende der 80-er Jahre wurden mehrere Tausende ihrer Anführer
umgebracht. Von gedungenen Mördern.
Alfredo
Molano : "Das heißt, es wird gezahlt, um
einen anderen zu töten. Oder Gruppen werden bezahlt, um andere
Gruppen zu töten. Die 'Union Patriotica' ist auf diese Weise
liquidiert worden - durch bezahlte Killer, bezahlt von politischen
Kaziken und von Militärs. Dieser Tradition entstammen die
Paramilitärs. Sie haben sich zu einer Gruppe vereinigt, die auf
private Finanzierung rechnen kann und auf Schutz durch die Militärs
- und damit auch auf eine gewisse Straffreiheit durch den Staat.
Denn der Staat ist nicht in der Lage, die Militärs dazu zu bringen,
die Paramilitärs anzugreifen. Es ist ein kalkuliertes Miteinander -
von den USA akzeptiert. Der beste Beweis dafür ist die US-Liste
internationaler Terrororganisationen: Die kolumbianischen
Paramilitärs sind dort nicht aufgeführt. Dafür aber die FARC, die
ELN."
Raul Zelik schreibt:
"Die Paramilitärs - aus Zivilisten bestehende
bewaffnete Gruppen, die auf der Seite der Armee gegen eine
Aufstandsbewegung kämpfen - sind alles andere als eine
kolumbianische Erfindung."
Die Erfinder sitzen im
Norden. Konzepte wie die "Doktrin der Nationalen Sicherheit" und des
"Kriegs mit schwacher Intensität" wurden in Washington entwickelt
und ausgefeilt. Im Visier haben beide Konzepte den inneren Feind.
Klassische Feinde sind Aufständische, die man verschwinden lassen,
foltern und umbringen darf.
"Als 'innerer
Feind' werden auch soziale Organisationen und die Zivilbevölkerung
eingeordnet, da sie potentiell die Subversion
unterstützen."
Dazu gehören auch
Menschenrechtsorganisationen, wie in einem gut dokumentierten Band
in der Reihe "Misereor-Dialog" nachgewiesen wird. Titel: "Gegen das
Vergessen. Zeugnisse von Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien".
Eine wichtige ergänzende Lektüre, um die komplexe Lage in Kolumbien
zu verstehen. Dass Terror und Massaker der Paramilitärs mit
staatlicher Rückendeckung rechnen können, enthüllt ein in dem
Misereor-Band dokumentiertes, 1987 veröffentlichtes Militärhandbuch.
Demnach wird der Krieg gegen die Subversion geführt ...
"... unter Anwendung politischer und wirtschaftlicher,
psychologischer und paramilitärischer Aktionen gegen die
Aufständischen, um dem revolutionären Prozess vorzubeugen oder ihn
zu eliminieren und zu garantieren, dass er sich nicht wieder
einstellt."
Die heutigen Paramilitärs sind vom
Geheimdienst der Armee und von Drogenhändlern aus Medellín
organisiert und finanziert worden; Viehzüchter, Politiker und
Wirtschaftskapitäne sprangen später mit Spenden ein. Die
Aufstandsbekämpfung wird so entstaatlicht. Das ist durchaus gewollt,
denn die Armee erscheint nun als unparteiische "dritte Kraft" -
obwohl die Zusammenarbeit, vor allem über die Geheimdienste, mit den
Paramilitärs weiterhin innig ist.
"Die
Verlagerung des staatlichen Gewaltmonopols auf Gruppen, die im
extralegalen Bereich operieren, ist eine geschickte Strategie, um
Anklagen von Menschenrechtsverletzungen zu entrinnen, die nach dem
internationalem Recht geahndet werden müssen."
Über 60
Prozent aller Gewalttaten gehen heute auf das Konto der
Paramilitärs, wie Amnesty International anprangert. Der Anteil der
Armee ist entsprechend zurückgegangen. Aber die Guerilleros sind
keine unschuldigen Lämmer, wie Amnesty ebenfalls beklagt: Sie
verübten standrechtliche Erschießungen und entführten Zivilpersonen,
um sogenannte Revolutionssteuern zu erheben, und doch - so Zelik -
...
"... verbreiten sie anders als die
Regierungstruppen keinen systematischen Terror. Folterungen,
Massaker und Massenvertreibungen als Bestandteile einer
Kriegsstrategie kann man der Guerilla im Gegensatz zu Armee und
Paramilitärs nicht vorwerfen."
Jaime Zuluaga,
Professor und Ökonom an der Universität in Bogotá, meint
deshalb:
Jaime Zuluaga : "Ich würde sagen: Es handelt sich weder um Helden noch
um Banditen. Sie sind keine Helden, auch wenn es sich um eine
Guerilla handelt, die politisch-militärisch organisiert ist, die ein
gesellschaftsveränderndes Programm auf der Basis eigener Ideen hat,
das sie umsetzen wollen. Sie sind davon überzeugt, dass sie das auf
dem bewaffneten Wege schaffen können. Sie sind weit entfernt von
jenem romantischen und heroischen Image eines Ernesto 'Che' Guevara
und der Guerilleros der 60-er und 70-er Jahre in Lateinamerika. Aber
sie sind auch keine Banditen. Es handelt sich um eine Guerilla, die
aus der Dynamik des Krieges, der Verlängerung des Konfliktes und
einer konfliktiven Beziehung zur Gesellschaft Handlungsformen
entwickelt hat, die man sich in den alten Guerillas der 60-er Jahre
in Lateinamerika nicht hätte vorstellen können."
Es
ist wohl das Verdienst des Autorengespanns Zelik und Azzelini, die
Fehler der Aufständischen zu benennen, aber nicht gleichzeitig die
Guerilla zu verteufeln.
"Wenn man
versucht, sich der kolumbianischen Guerilla etwas sachlicher, d.h.
historischer zu nähern, sticht zunächst ins Auge, dass FARC und ELN
anders als die meisten aufständischen Gruppen der sechziger Jahre
auf dem Kontinent nicht geschlagen werden konnten. Offensichtlich
waren die Organisationen stärker als andere Guerillas in der
sozialen Realität ihres Landes verankert, stehen sie doch in
gewisser Weise in der Kontinuität einer 150-jährigen Geschichte
bewaffneter Aufstände."
Und konkreter oppositioneller
Vorschläge, Während die Guerilla im Sammelband kurz gehalten wird,
hat sich Zelik ausführlich mit Entwicklung und Politik der Guerillas
beschäftigt. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung, die ihnen
keine politische Zielsetzung mehr zubilligt, sondern nur noch Macht-
und Geldgier, haben die Guerillas konkrete Vorschläge für ein
demokratischeres Kolumbien vorgelegt. Das gilt beispielsweise für
die 1966 gegründeten FARC, die "Revolutionären Streitkräfte
Kolumbiens". Der Zehnpunkte-Plan, den die FARC 1993 als
...
"... Plattform für eine Regierung des
Wiederaufbaus und der nationalen Aussöhnung..."
...
verabschiedeten und der heute als Gesprächsgrundlage mit der
Regierung dient, wird von Kritikern als sozialdemokratisch
eingestuft. So werden unter anderem eine politische Lösung des
Konflikts, die Durchsetzung der Gewaltenteilung zwischen Politik und
Justiz, Pressefreiheit und demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten
gefordert. Auch ländliche Entwicklungs- und Förderprogramme und die
Verwendung von 50 Prozent des Staatshaushalts für soziale Aufgaben.
Außerdem die Abschaffung der "Doktrin der Nationalen Sicherheit" und
eine nicht-militärische Lösung des Drogenproblems. Dagegen setzte
die andere große 1964 gegründete Guerilla, die ELN, das Nationale
Befreiungsheer, zunächst auf Umsturz und Revolution. Die ELN sei -
so Zelik - ...
"... ideologisch und
praktisch ein Kind der kubanischen Revolution. Aus deren Sicht
erschienen die Kommunistischen Parteien als reformistisch und sogar
konterrevolutionär."
Erst als der spanische Pfarrer
Manuel Pérez Guerilla-Kommandant wurde, veränderte sich die
avantgardistisch ausgerichtete, dogmatisch verknöcherte
Organisation. Befehlshierarchien wurden abgebaut, abweichende
Meinungen toleriert. Zelik:
"Die ELN
beteiligte sich aktiv an der Entwicklung der sozialen Bewegungen und
förderte in Dörfern, Stadtteilen und Betrieben den Aufbau
räteähnlicher Strukturen. Der wesentliche Unterschied zu früher
bestand darin, dass dies nicht nur aus logistischem Interesse oder
eigenem Hegemoniestreben geschah, sondern tatsächlich auch als
Keimzelle von Selbstregierung begriffen wurde."
Die
antiautoritäre Haltung geht nicht zuletzt auf den Einfluss von
katholischen Befreiungstheologen zurück. Linkskatholiken spielten
stets eine Rolle im ELN. Die FARC sind hingegen stärker von
Parteikommunismus und demokratischem Zentralismus beeinflusst. Einer
der Gründe, weshalb die beiden Guerillas weiterhin getrennt
marschieren. Ein weiterer Grund: unterschiedliche Positionen zum
Drogenhandel, weshalb es zwischen den beiden Rebellenorganisationen
schon zu ernsten Konflikten kam, wie Zelik berichtet.
"Während die FARC, in deren Gebieten der Kokaanbau eine
zentrale Rolle spielt, den Drogenanbau akzeptiert und Steuern von
den Händlern kassiert, lehnt die ELN den Kokaanbau grundsätzlich
ab."
So komplex das Lager der Guerilla, so komplex
auch die kriegerische Situation im ganzen Land, wie Jaime Zuluaga
erklärt:
Jaime Zuluaga : "Wir haben es mit einem Krieg zu tun, in den die
Guerillas verwickelt sind, außerdem das offizielle kolumbianische
Heer und die paramilitärischen Organisationen, die mit der
Unterstützung einiger mächtiger Wirtschafts- und
Gesellschaftsgruppen unseres Landes rechnen können. Im Kreuzfeuer
dieser Konfrontation steht die Zivilbevölkerung. Diese beklagt die
meisten Opfer."
Obwohl Kolumbien über kein
demokratisches Pressewesen verfügt, versuchen mutige Journalisten,
die Machenschaften der Mafia oder der Paramilitärs aufzudecken.
Häufig ist das mit Todesdrohungen und Lebensgefahr verbunden. Die
Rekordzahl ermordeter Journalisten spricht traurige
Bände.
Arturo Alape : "In diesem Land mit seiner vermeintlichen Demokratie
ist das Denken eingekerkert und seiner Freiheit beraubt. Das gilt
für Universität, Sozialwissenschaften, Anthropologie, Geschichte,
Literatur - wie mein Fall als Schriftsteller demonstriert. Wir, die
wir anders denken und unsere eigene Meinung zu Krieg und Frieden
haben, müssen das Land verlassen oder hier ausharren - in Erwartung,
dass jemand kommt, um uns zu töten."
Arturo Alape
musste 24 Stunden nach dieser Klage sein Land verlassen, wie zuvor
so viele andere auch. Über zwei Millionen Flüchtlinge, vor allem von
Paramilitärs, Viehzüchtern und Latifundisten vertriebene
Kleinbauern, irren mittlerweile durch Kolumbien. Sie hoffen auf
Frieden, der weiter denn je entfernt erscheint. Frieden soll auch
der "Plan Colombia", der "Kolumbien-Plan", bringen. Im Zentrum
stehen Bekämpfung des Drogenanbaus im Süden Kolumbiens und
wirtschaftliche und soziale Alternativen für Coca- und Mohn-Bauern.
Den Kern des Plans bildet allerdings ein Hilfspaket der USA in Höhe
von 1,3 Milliarden US Dollar. 80 Prozent fließen davon als
Militärhilfe, Gelder für die Aufrüstung der Armee. Das Geld dürfte
den internen Konflikt weiter anheizen, denn im Zielgebiet von
Hubschraubern und Sprühaktionen operieren starke Verbände der
Guerilla. Kritiker sind deshalb davon überzeugt, dass es weniger um
einen Antidrogenplan geht als vielmehr um ein klassisches
"counterinsurgency-Programm, verbunden mit geostrategischen
Interessen der USA. Aber selbst wenn die Guerilla geschlagen und die
Coca-Felder vernichtet wären, wäre Kolumbien weit vom Frieden
entfernt, bestände die Gefahr neuer Aufstände, denn der
kolumbianische Konflikt - und das wird nach der Lektüre der
vorgestellten Bücher überdeutlich ...
"...
kann nur gelöst werden, wenn es grundlegende soziale
Transformationen gibt. Nur wenn die Ursachen von Armut und
Marginalisierung beseitigt werden, die zum Entstehen der Guerillas
führten, macht 'Frieden' einen Sinn. Das heißt, nötig wären nicht
nur die Demokratisierung des Landes, ein Ende des schmutzigen Kriegs
und die Abschaffung der Nationalen Sicherheitsdoktrin, sondern auch
soziale Transformationen: eine grundlegende Landreform, eine
Vervielfachung der Sozialausgaben und eine Umverteilung der
Reichtümer."
Der Band "Kolumbien -
Große Geschäfte, staatlicher Terror und Aufstandsbewegung" wird von
Raul Zelik und Dario N. Azzellini herausgegeben und ist erschienen
im Neuer ISP-Verlag, Köln. 247 Seiten, DM 29,80 Rafael Sevilla, Christian von Haldenwang und Eduardo
Pizarro sind die Herausgeber von "Kolumbien - Land der Einsamkeit?"
Horlemann Verlag, Bad Honnef, 315 Seiten, DM 38,-- Werner Altmann, Thomas Fischer und Klaus Zimmermann haben
den Band "Kolumbien heute - Politik, Wirtschaft, Kultur heute"
herausgegeben. Vervuert Verlag, Frankfurt am Main, 625 Seiten, DM
68,-- Die Dokumentation "Gegen das Vergessen
- Zeugnisse von Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien" schließlich
wird von Luis Guillermo Perez herausgegeben, umfasst 316 Seiten und
kann gegen eine Gebühr von DM 5,-- bezogen werden bei Misereor unter
der Telefonnummer Tel. 0241/442 103. |
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